Tabuthema Angst vor der Geburt

Aus Angst vor den Schmerzen bei einer natürlichen Geburt entscheiden sich immer wieder Schwangere für einen Kaiserschnitt - und täuschen medizinische Probleme vor. Ein Tabubruch kann nur mit intensiven Gesprächen gelingen, mahnen Ärzte und Hebammen.
Gespräche und Offenheit im Umgang können die Geburtsangst mildern

Gespräche und Offenheit im Umgang können die Geburtsangst mildern

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? Michaela Rehle / Reuters/ REUTERS

Die Schwangerschaft soll eine schöne Zeit sein, eine Zeit voller Vorfreude auf das Kind. Doch für viele werdende Mütter sind die Monate vor der Geburt geprägt von Angst vor diesem Termin: Klappt die natürliche Geburt? Wie soll man die Risiken einschätzen? Und dann - was ist mit den Schmerzen?

Die Hamburger Hebamme Katharina Helms hat die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Schwangere so sehr mit sich und ihrem Körper im Reinen sind, dass sie der Geburt angstfrei entgegensehen. Und bei einigen sei die Angst so groß, dass eine natürliche Geburt für sie nicht in Frage kommt. "Sie trauen sich nicht zu, die Schmerzen zu ertragen, oder fürchten, dass Kind nicht gesund zur Welt bringen zu können", sagt Helms.

Vorgeschobene medizinische Gründe

Es gebe immer wieder Schwangere, die sich aus der Angst heraus für einen Kaiserschnitt entscheiden, ohne das zuzugeben. Stattdessen würden dann medizinische Gründe genannt. Eine vertane Chance, glaubt Helms. "Denn es kann helfen, darüber zu reden." Sie empfiehlt, sich während der Schwangerschaft durch eine Hebamme begleiten zu lassen, die einfühlsam auf die Geburt vorbereitet.

Helms glaubt an Vorteile einer natürlichen Entbindung für Mutter und Kind, wenn medizinisch nichts dagegen spricht. Das Erfolgserlebnis, es geschafft zu haben, könne Frauen zudem viel Stärke geben. "Daher versuche ich, auch ängstliche Frauen dazu zu ermutigen. Ich respektiere es aber, wenn sie sich anders entscheiden", sagt Helms. Viele Ärzte gehen davon aus, dass der Hormoncocktail, den Mutter und Kind während einer natürlichen Geburt ausschütten, wichtig für die Bindung ist und das Immunsystem des Kindes durch den Kontakt mit Keimen stimuliert wird. Außerdem birgt ein Kaiserschnitt alle Gefahren einer Operation wie etwa das Narkose- und Infektionsrisiko - und kann in der Heilungsphase sehr schmerzhaft sein.

"Die Geburt ist eine Grenzerfahrung"

"Grundsätzlich sind Ängste vor der Geburt normal und verständlich", sagt auch Corinna Reck, Psychologin am Zentrum für Psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Verharmlosung helfe da kaum: "Eine Geburt ist schließlich eine Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod." Bei bis zu 30 Prozent der Mütter träten danach Symptome eines traumatischen Erlebnisses auf. "Einige denken dann: Das will ich so nicht noch einmal erleben. Dann vergessen sie es wieder, das hat die Biologie so eingerichtet", sagt Reck.

Etwa ein Prozent entwickle aber eine dauerhafte posttraumatische Belastungsstörung, die behandelt werden muss. Nach einer negativen Erfahrung fürchten manche Frauen eine weitere Geburt so sehr, dass sie sogar eine Phobie vor einer neuen Schwangerschaft entwickeln.

Besonders anfällig für Geburtsangst seien Schwangere, die in der Vergangenheit Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen gemacht hätten. "Ein Kontrollverlust über den eigenen Körper wie bei der Geburt ist für solche Frauen oft kaum zu ertragen", sagt Reck. Auch eine Depression während der Schwangerschaft kann die Neigung zu Ängsten und Sorgen verstärken.

Wichtig sei es herauszufinden, welche Hilfe eine Schwangere braucht, um die Ängste zu bewältigen. "Neben Gesprächen gibt es hypnotherapeutische Entspannungsmethoden, mit denen wir gute Erfolge erzielen", sagt Psychologin Reck. Wenn die Angst nicht überwunden werden kann, könne ein geplanter Kaiserschnitt schließlich der Ausweg sein.

"Angst vor der Geburt wird heruntergespielt"

"Dass Frauen Angst vor der Geburt haben wird gerne heruntergespielt, es ist ein gesellschaftliches Tabu", sagt Holger Maul, Chefarzt der Frauenklinik im Marienkrankenhaus Hamburg. "Dabei haben die Frauen riesige Angst - vor den Schmerzen und dem, was mit ihnen und ihrem Kind passiert." Viele trauten sich nicht, das von selbst anzusprechen.

Maul fragt werdende Mütter daher direkt, welche Ängste sie mit der Geburt verbinden. Dann klärt er sie sachlich über das auf, was ihnen bevorsteht - ohne Schmerzen und Risiken schönzureden. Er sagt ihnen auch, dass ein geplanter Kaiserschnitt möglich ist. "Wichtig ist, dass man das ergebnisoffen bespricht", sagt Maul.

Kaiserschnitt nicht riskanter als natürliche Geburt

Die meisten Frauen fühlten sich durch die Wahlfreiheit beruhigt - so dass sie sich schließlich doch für eine natürliche Geburt entscheiden. "Aber auch wenn ich grundsätzlich eine normale Geburt befürworte: Für einige Frauen kann ein Kaiserschnitt die bessere Lösung sein", sagt der Mediziner. Denn tatsächlich falle bei großen Ängsten das Gebären oft schwerer. "Die Frauen können schlechter lockerlassen und entspannen." Etwa zehn Prozent der Frauen entscheiden sich laut Maul im Marienkrankenhaus für einen Kaiserschnitt, der nicht zwingend nötig wäre. Medizinisch sei das vertretbar, der Eingriff sei nach heutiger Datenlage auch nicht riskanter als die natürliche Geburt.

"Mit dem Thema Geburtsangst sollte insgesamt offener umgegangen werden", sagt Maul. Damit es Frauen endlich leichter falle, ihre wahren Wünsche und Sorgen zu äußern. Und den richtigen Weg für sich selber zu finden.