Moderne Antibabypillen Trotz Risiko mehr Rezepte

Bringen moderne Antibabypillen tatsächlich einen Fortschritt? Eine Bilanz der Techniker Krankenkasse ist ernüchternd: Moderne Präparate erhöhen das Risiko für Blutgerinnsel stärker als ältere - werden aber deutlich häufiger verschrieben.
Hormonelle Verhütung: Die Pille ist kein Lifestyleprodukt

Hormonelle Verhütung: Die Pille ist kein Lifestyleprodukt

Foto: imago

Seit vielen Jahren diskutieren Experten das Risikopotenzial moderner Antibabypillen - Ursache der Bedenken ist ein erhöhtes Risiko, gefährliche Blutgerinnsel (Thrombosen) zu entwickeln.

Trotzdem verschreiben in Deutschland zu viele Mediziner nach wie vor umstrittene Präparate, kritisiert die Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem "Statusbericht zu oralen Kontrazeptiva" .

Für den Pillenreport analysierte ein Team um Gerd Glaeske von der Abteilung Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung der Uni Bremen Nutzen und Risiken der modernen Pillen und die Verschreibungspraxis in den gynäkologischen Praxen anhand der TK-Daten.

Das Ergebnis: Für einige der modernen Antibabypillen - Fachleute sprechen von Pillen der dritten und vierten Generation - ist das Thromboserisiko im Vergleich zu älteren Präparaten erhöht oder noch nicht abschließend geklärt. Gleichzeitig verschreiben Gynäkologen diese Pillen mittlerweile aber häufiger als die Vorgängerpräparate der zweiten Generation.

"Wir haben als Krankenkasse die Sorge, dass die Pillen zu leichtfertig genommen und verschrieben werden", sagt Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse.

Verschreibung zweifelhafter Präparate

Dass die Antibabypille das Thromboserisiko erhöht, ist bereits seit ihrer Einführung vor mehr als 50 Jahren bekannt. Dennoch ist die Zahl der jungen Mädchen, die zur Verhütung die Pille nehmen, hoch. Aus dem Pillenreport geht hervor, dass über 70 Prozent der weiblichen TK-Versicherten im Alter von 19 Jahren ein hormonelles orales Verhütungsmittel einnehmen. Mehr als die Hälfte der jungen Frauen ab dem 17. Lebensjahr bekommt eine der modernen Antibabypillen verschrieben.

"Vor allem die schnelle Marktdurchdringung des neuen oralen Kontrazeptivums Zoely hat uns überrascht", sagt Baas. Das Präparat wurde 2012 auf den Markt gebracht. In den USA wurde diese Pille bisher aufgrund von Sicherheitsbedenken noch nicht zugelassen, und auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA weist daraufhin, dass Zoely schlechter zu bewerten sei als vergleichbare Produkte.

Jedes Präparat hat ein anderes Thromboserisiko

Antibabypillen bestehen stets aus einem Östrogen- und einem Gestagenanteil. Die Kombination dieser Sexualhormone unterdrückt den Eisprung, wirkt sich aber auch auf die Blutgerinnung aus. Anfangs galten vor allem die Östrogene als problematisch. Mittlerweile haben die Hersteller die Konzentration dieser Sexualhormone allerdings so stark gesenkt, dass der Einfluss der Gestagene auf das Thromboserisiko gestiegen ist.

Die verwendeten Gestagene variieren von Pille zu Pille - und mit ihnen schwankt auch das Thromboserisiko:

  • Antibabypillen, die die Gestagene Levonorgestrel, Norgestimat oder Norethisteron enthalten, sind mit dem geringsten Risiko für eine Thrombose verbunden.
  • Präparate mit dem Gestagen Drospirenon - wie beispielsweise die Pille Yasmin - können hingegen ein bis zu doppelt so hohes Risiko aufweisen.

Individuell verschreiben

Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, ist die Kritik an den modernen Pillen zu einseitig: "Zunächst einmal bedeutet fast jedes Verhütungsmittel einen Eingriff in den Körper des Mädchens oder der Frau", sagt er. Angesichts niedriger Zahlen von Schwangerschaftsabbrüchen bei Teenagern begrüßt er, "dass es für die überwiegende Zahl der Jugendlichen heute selbstverständlich ist, sich um eine sichere Verhütung zu kümmern".

Letztlich müsse individuell entschieden werden, welches Präparat zu welcher Patientin passt. Bei Pillen mit geringerem Thromboserisiko träten manchmal Nebenwirkungen auf, die einen Präparatwechsel erforderten - Zwischenblutungen, Stimmungsverschlechterungen, Akne oder Haarausfall. "Die Mädchen wollen und können dann diese Pillen nicht mehr weiter einnehmen."

Die Pille als Lifestyle-Arznei

Der TK-Bericht kritisiert aber nicht nur die Verschreibungspraxis der Frauenärzte: Auch wenn die Produktnamen nicht genannt werden dürfen, würden die Pharmakonzerne mit geschickt versteckten Werbebotschaften auf Webseiten zum Thema versuchen, junge Mädchen anzulocken. Die Pille werde zunehmend als Lifestyle-Arzneimittel wahrgenommen, das etwa schöne Haut oder Haar mache, ihre Nebenwirkungen würden jedoch nicht ausreichend transportiert.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) begrüßt den TK-Report. Die Experten des Instituts warnen schon lange vor den Risiken der modernen Präparate. Zuletzt veröffentlichte das BfArM im März 2014 einen Bescheid , dass in den Packungsbeilagen für einige Pillen der dritten und vierten Generation auf das höhere Thromboserisiko hingewiesen werden muss. Gleichzeitig fordert das Institut weitere Studien von Herstellern für Produkte, bei denen das Risiko unklar ist.

Im vergangenen Jahr schrieb das BfArM einen "Rote-Hand-Brief" an die Ärzte , entwickelte eine Checkliste für Ärzte  und stellte die Risiken zusätzlich in einer speziellen Anwenderinnenkarte für die Patientinnen  zusammen. Der Appell für die Praxen: Ärzte sollten "insbesondere für Erstanwenderinnen und Patientinnen unter 30 Jahren" lieber eines der Präparate mit bekannt niedrigem Thromboserisiko verschreiben, so heißt es aus dem BfArM.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) erklärte schon im Jahr 2010 die früheren Leitlinien zur Empfängnisverhütung für ungültig. Seither wird an einer Neufassung gearbeitet. 2016 soll ein erstes Leitlinientreffen stattfinden.

"Die Pille ist nach wie vor ein sicheres Mittel zur Verhütung", sagt TK-Vorstand Baas. "Wir wollen aber deutlich machen, dass es unterschiedliche Produkte gibt, die unterschiedlich hohe Risiken für Thrombosen haben."


Zusammengefasst: Experten beklagen im Pillenreport der Techniker Krankenkasse, dass für einige moderne Antibabypillen das Thromboserisiko im Vergleich zu älteren Produkten erhöht oder noch nicht abschließend geklärt ist. Gleichzeitig würden Gynäkologen diese Pillen aber sehr viel häufiger verschreiben als die Vorgängerpräparate. Ärzte und Patientinnen müssten sich klarmachen, dass es unterschiedliche Produkte mit unterschiedlichen Risiken gebe, und differenzierter entscheiden. Die Pille bleibe insgesamt aber ein sicheres und zuverlässiges Verhütungsmittel.

Zur Autorin
Foto: Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

Wie gefährlich sind Antibabypillen?
Foto: ITSUO INOUYE/ ASSOCIATED PRESS

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