Medizinischer Durchbruch Brasilianerin erhält Gebärmutter einer Toten - und bringt gesundes Kind zur Welt

Nachdem Ärzte einer Brasilianerin die Gebärmutter einer Verstorbenen implantiert hatten, wurde sie Monate später schwanger und bekam ein Mädchen. Nach der Geburt wurde der Uterus wieder entfernt.
Ärzteteam mit Baby

Ärzteteam mit Baby

Foto: Hospital das Clinicas / DPA

Ohne eine funktionierende Gebärmutter ist eine Schwangerschaft unmöglich. Wünschen sich Frauen dennoch ein Kind, sind sie auf eine Transplantation angewiesen. Bisher ist der Eingriff nur mit einem Spenderorgan von lebenden Frauen gelungen. Nun hat erstmals eine Frau mit der Gebärmutter einer Verstorbenen ein Kind zur Welt gebracht, berichten Forscher im Fachblatt "The Lancet".  Der Eingriff bessert laut Ärzten die Optionen für bestimmte Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch erheblich.

Die Mutter des Kindes leidet an dem sogenannten Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom - einer seltenen, angeborenen Fehlbildung, bei der die Gebärmutter fehlt oder kaum ausgebildet ist. Im Frühjahr 2016 hatte sich die Frau einer Hormonbehandlung unterzogen, um Eizellen aus ihren Eierstöcken zu entnehmen. Diese wurden nach einer künstlichen Befruchtung eingefroren.

Im September 2016 bekam die damals 32-Jährige die Gebärmutter einer 45-jährigen Frau implantiert, die in ihrem Leben drei Kinder natürlich zur Welt gebracht hatte. Bei der Spenderin war nach einer Hirnblutung der Hirntod festgestellt worden.

Gesundes Mädchen

Die Transplantation dauerte mehr als zehn Stunden. Die Ärzte verbanden das Spenderorgan mit den Blutgefäßen und der Vagina. Damit ihr Köper die fremde Gebärmutter nicht abstößt, musste die Empfängerin Medikamente schlucken, die ihr Immunsystem unterdrücken. Fünf Monate nach dem Eingriff entwickelte die Frau einen regelmäßigen Zyklus.

Ultraschallaufnahme der Gebärmutter mit Fötus

Ultraschallaufnahme der Gebärmutter mit Fötus

Foto: Dani Ejzenberg / DPA

Bereits sieben Monate nach der Transplantation setzten die Ärzte befruchtete Eizellen in die Gebärmutter der Patientin - zehn Tage später war sie schwanger.

In der 36. Schwangerschaftswoche brachte die Frau per Kaiserschnitt ein gesundes Mädchen zur Welt, es war 2250 Gramm schwer und 45 Zentimeter groß. Die Geburt ist schon mehr als ein Jahr her, aber erst jetzt machten die Ärzte den erfolgreichen Eingriff öffentlich. Mutter und Tochter sind wohlauf. Die Frau muss auch keine Immunsuppressiva mehr nehmen, weil die Ärzte die eingepflanzte Gebärmutter direkt nach dem Kaiserschnitt wieder entfernten.

Hoffnung für Paare mit Kinderwunsch

Das erste Kind nach der Verpflanzung einer Gebärmutter wurde 2013 in Schweden geboren. Seitdem sind laut der Studie insgesamt elf Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation zur Welt gekommen. Allerdings stammten die Organe bisher ausschließlich von lebenden Spenderinnen. Alle Versuche mit Organen Verstorbener waren dagegen gescheitert. Die Operation in Brasilien gilt deshalb als entscheidender Durchbruch und als Beweis, dass so ein Eingriff überhaupt möglich ist.

Die Ärzte hoffen nun, künftig deutlich mehr Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch helfen zu können. Eine Gebärmuttertransplantation käme nicht nur für Frauen infrage, die seit Geburt keine funktionsfähige Gebärmutter haben. Sondern auch für diejenigen, die das Organ durch eine Krankheit oder einen Unfall verloren haben. "Die Zahl der Menschen, die bereit sind, Organe nach ihrem Tod zu spenden, ist viel größer als die von Lebendspendern und bietet damit viel größeres Potenzial", sagt Gynäkologe Dani Ejzenberg von der Uniklinik São Paulo.

Nun wollen die Ärzte klären, welche Frauen als Spenderinnen und Empfängerinnen infrage kommen und wie sie vorgehen müssen, damit die Transplantation und die künstliche Befruchtung möglichst erfolgreich sind.

Das Besondere an dem Eingriff: Er ist zeitlich begrenzt. "Der Uterus wird nach ein oder zwei erfolgreichen Schwangerschaften wieder entfernt, deshalb kann die Immunsuppression gestoppt werden", sagt Xavier Rogiers, Leiter des Transplantationszentrums am Universitätsklinikum Gent in Belgien. Die Gebärmutter produziert keine Hormone und erfüllt jenseits der Menopause keinen weiteren Zweck.

Laut Rogiers könnte der Uterus bei Organspenderinnen routinemäßig mit entnommen werden. Skeptischer ist Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Er glaubt nicht, dass die Transplantation einer Gebärmutter klinische Routine werden wird. Der Uterus würde bei einer Organspende als letztes entnommen - wodurch die Qualität des Organs sinke.

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Auch ethisch wirft der Eingriff Fragen auf. Jede Transplantation ist mit Risiken verbunden. Ist es vertretbar, die Frauen diesen auszusetzen, obwohl der Eingriff nicht lebenswichtig ist?

Einige Forscher glauben ohnehin, dass die Transplantation nur ein Zwischenschritt ist, bis Forscher in der Lage sind, aus den Körperzellen der Patientinnen eine Gebärmutter zu züchten. Das Risiko für die Frauen wäre dann deutlich geringer, weil ihr Körper das Organ nicht abstoßen würde.

koe/dpa
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