Krankenhäuser haben beobachtet, dass es während der Coronakrise weniger Frühgeburten gibt
Krankenhäuser haben beobachtet, dass es während der Coronakrise weniger Frühgeburten gibt
Foto: Nenov/ Getty Images

Weniger Stress, weniger Schmutz, weniger Infektionen Der Lockdown hat werdenden Müttern gut getan. Oder?

Viel weniger Frühgeburten, kein Stress im Wochenbett: Der Corona-Lockdown scheint vielen Schwangeren notwendige Ruhe verschafft zu haben. Was können wir daraus lernen?
Von Katherine Rydlink

Die letzten Wochen vor einer Geburt sind oft sehr stressig: Wickeltisch kaufen, aufbauen, befüllen. Krankenhaustasche packen, den finalen Schwangeren-Yogakurs besuchen. Oft haben werdende Mütter außerdem den Drang, alle ihre Freunde noch einmal auf einen letzten Kaffee ohne Kind zu treffen. Manche laden auch hierzulande zu Babypartys ein, nehmen Spielzeug, Windeln und Babykleidung in Empfang. Dabei ist es gerade in der Zeit unmittelbar vor der Geburt wichtig, dass Schwangere sich ausruhen.

Während der Kontaktbeschränkungen im März und April waren werdende Mütter quasi dazu gezwungen, ihr Leben zu entschleunigen. Möglicherweise könnte sich das positiv auf die Geburtenstatistik ausgewirkt haben: Krankenhäuser weltweit beobachteten , dass es in dieser Zeit zu weniger Frühgeburten kam. Vor allem die extremen Frühgeburten vor der 27. Schwangerschaftswoche waren auffällig seltener.

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen. Wenn ein Baby vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren wird, ist es ein sogenanntes "Frühchen". In Deutschland kommen laut dem Verein "Das frühe Kind"  jährlich rund 60.000 Babys zu früh zur Welt.

Forschergruppen aus Irland und Dänemark schauten sich diese Beobachtungen daraufhin näher an und verglichen die Rate an Frühgeborenen in ihren Ländern mit der Rate aus dem vergangenen Jahr: Auch sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Zahlen deutlich gesunken waren. In der mittlerweile veröffentlichten Studie aus Dänemark  etwa beobachteten die Forscher einen Rückgang der extremen Frühgeburten um rund 90 Prozent. In der irischen Untersuchung waren es 73 Prozent der Frühgeburten. Auch aus anderen Ländern gab es daraufhin Meldungen, dass es weniger Frühgeburten gegeben hat.

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Zwang zum Nichtstun

Aus den Studienergebnissen können Wissenschaftler nun ableiten, welche Faktoren Frühgeburten besonders zu beeinflussen scheinen - und daraus Handlungsempfehlungen für Schwangere ableiten. Der Covid-19-Lockdown habe das Leben drastisch geändert, schreiben die Autoren der dänischen Studie. "Wir haben physische Kontakte reduziert, unseren Fokus auf Hygiene erweitert, unsere Arbeitsumgebung geändert und nicht so viel Luftverschmutzung produziert", heißt es in dem Papier. Diese ungewöhnliche Situation habe möglicherweise mit sich gebracht, dass auch einige Risikofaktoren für eine Frühgeburt reduziert wurden.

Laut Studienautoren geht in der Regel außerdem ein erheblicher Anteil von Frühgeburten auf Feinstaub zurück: Weltweit hängen Schätzungen zufolge rund 18 Prozent der Frühgeburten mit den Auswirkungen von Luftverschmutzung zusammen. Erwiesenermaßen hatte die Corona-Pandemie kurzzeitig für eine Besserung des Klimas gesorgt.

Durch die Social-Distancing-Maßnahmen sind der Studie zufolge auch andere Infektionskrankheiten zurückgegangen, wie die Grippe oder bakterielle Infektionen, unter Umständen können die sich negativ auf die Schwangerschaft auswirken. Nicht zuletzt haben die Maßnahmen die Mütter auch vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 geschützt, die in Ausnahmefällen auch riskant für das Neugeborene sein kann.

Ein weiterer möglicher Grund für den Rückgang an Frühgeburten könnte sein, dass die Frauen die Wochen vor der Geburt entspannter angehen konnten. Auch Hebammen in Deutschland haben beobachtet, dass werdenden Müttern die Kontaktbeschränkungen - und damit der Zwang zum Nichtstun - offenbar in vielen Fällen gutgetan hat.

"Kinder kommen meist zu früh, wenn die Mutter viel Stress hat", sagt Ursula Jahn-Zöhrens, seit mehr als 30 Jahren Hebamme und im Präsidium Deutscher Hebammen. "Dann zieht man eigentlich die Mutter aus dem Verkehr und verordnet ihr Ruhe." In der Coronazeit hatten die Frauen automatisch mehr Ruhe und etwa Zeit, sich hinzulegen, ohne dauernd etwas erledigen zu müssen. Auch Druck von außen habe es weniger gegeben: "Der Lebenswandel hat sich durch Corona deutlich entschleunigt."

Die Kontaktbeschränkungen haben vielen Müttern offenbar auch nach der Geburt Vorteile gebracht: "Das Wochenbett ist während der Coronakrise deutlich ruhiger verlaufen", sagt Jahn-Zöhrens. "Die Ruhe hat sich auf die gesamte Wohnsituation ausgewirkt, es gab meist weniger Stress im häuslichen Umfeld." Das wirke sich positiv auf Mutter und Kind aus: So haben Hebammen zum Beispiel beobachtet, dass auch Schreiattacken von Neugeborenen weniger geworden sind. "Die Mütter haben weniger Verpflichtungen rauszugehen und bekommen auch nicht so viel Besuch - was ja auch Stress sein kann." Es sei also nicht unrealistisch, dass der beobachtete Rückgang an Frühgeburten-Zahlen aus den Krankenhäusern stimme.

Andere Stressfaktoren gestiegen

Man dürfe allerdings nicht vergessen, dass die Coronakrise nicht für alle Frauen nur Ruhe und Entspannung gebracht habe: "Gleichzeitig sind ja auch andere Stressfaktoren gestiegen, etwa Arbeitslosigkeit oder Ängste wegen der Pandemie", sagt Jahn-Zöhrens. "Und nicht zuletzt häusliche Gewalt."

Auch die Situation während der Geburt hat sich durch Corona nicht unbedingt positiv verändert. "Viele Frauen waren bedrückt, weil ihr Partner nicht mit in den Kreißsaal durfte", sagt Jahn-Zöhrens. "Und auch für die Väter ist es teilweise schlimm, wenn sie nicht teilhaben dürfen." Es sei wichtig, dass eine Schwangere während der Geburt neben einer kontinuierlichen fachlichen Begleitung durch eine Hebamme auch eine verlässliche Unterstützung einer Vertrauensperson erhalte. Auch jetzt noch müssen Väter in vielen deutschen Krankenhäusern vor und während der Geburt draußen bleiben.

Man könne erst in ein paar Monaten sehen, wie sich die Coronakrise tatsächlich auf die Geburten ausgewirkt habe. Deswegen sei bei den Daten Vorsicht geboten, meint Jahn-Zöhrens. "Das wird gerade alles sehr schnell veröffentlicht", sagt sie. "Definitive Zahlen, ob sich die Coronakrise tatsächlich auf Frühgeburten ausgewirkt hat, bekommen wir erst noch."

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