Schwanger zu Zeiten von Covid-19? Erst mal ruhig bleiben.
Schwanger zu Zeiten von Covid-19? Erst mal ruhig bleiben.
Foto: Anja Lubitz/ plainpicture

Covid-19 Was Schwangere jetzt wissen müssen

Werdende Mütter sind in Zeiten von Corona verunsichert: Besteht eine Gefahr für ihr Ungeborenes? Behandelnde Ärzte sehen zunächst von extremen Maßnahmen ab.
Ein Interview von Katherine Rydlink

Frauen empfinden eine Schwangerschaft ohnehin meist schon als Ausnahmesituation, körperlich und emotional. Auch ohne ein neuartiges Coronavirus. Jetzt fragen sich viele Schwangere: Was könnte eine Infektion mit Sars-CoV-2 für ihre Schwangerschaft, für die Geburt und für ihr Baby bedeuten?

Vorerst beruhigen Experten: Der aktuellen Datenlage zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass das Coronavirus durch die Plazenta zum Kind gelangen und dieses infizieren kann - damit sind auch Anomalien unwahrscheinlich. Berichte aus China mit insgesamt 20 Schwangeren besagen, dass es bisher auch während der Geburt offenbar nicht zu Infektionen gekommen ist.

Bisher gibt es keine Hinweise, dass Schwangere durch das neuartige Coronavirus gefährdeter sind als die allgemeine Bevölkerung. Wenn die Frauen nicht zu den bekannten Risikogruppen gehören (Menschen mit Vorerkrankungen), wird es bei ihnen im Falle einer Infektion vermutlich zu leichten bis mittelschweren Symptomen kommen.

Doch was machen Frauen, die während der Schwangerschaft in Quarantäne müssen? Die einen positiven Corona-Test haben?

Der Berufsverband der Frauenärzte fordert diese Frauen auf, sich telefonisch an ihre behandelnde Frauenärztin zu wenden und mit ihr Vorkehrungen zu besprechen, falls sich der Zustand der Schwangeren in der Selbstisolation unerwartet verschlechtern sollte.

"Als Vorsichtsmaßnahme wird schwangeren Frauen mit Verdacht auf oder bestätigter Coronavirus-Infektion bei Wehen empfohlen, zur Geburt eine Klinik aufzusuchen, in der das Baby kontinuierlich elektronisch überwacht und der Sauerstoffgehalt stündlich geprüft werden kann", schreiben die Frauenärzte dazu. Eine Hausgeburt oder eine Entbindung im Geburtshaus werde nicht empfohlen. Es spreche aber nichts dagegen, vaginal zu entbinden. Auch die Notwendigkeit eines Kaiserschnitts sei nicht gegeben, solange Mutter und Kind in einem gesundheitlich unbedenklichen Zustand sind.

Während der Berufsverband der Frauenärzte beschwichtigt, gibt es auch Wissenschaftler, die striktere Vorsichtsmaßnahmen empfohlen haben: zum Beispiel die Separierung von Mutter und Kind nach der Geburt.

Im Interview erklärt Manuel Schmid, Oberarzt am Universitätsspital Zürich, warum er solche Maßnahmen für unverantwortlich hält.

SPIEGEL: Herr Schmid, Experten gehen derzeit nicht davon aus, dass Schwangere das Coronavirus auf ihr ungeborenes Kind übertragen können. Nach der Geburt jedoch steigt das Risiko einer Tröpfcheninfektion. Was raten Sie werdenden Müttern?

Manuel Schmid: Schwangere, die nicht mit Sars-CoV-2 infiziert sind, sollten, wie wir alle, darauf achten, ihr Infektionsrisiko gering zu halten. Also: Händewaschen, Menschenansammlungen vermeiden, nach Möglichkeit Homeoffice machen. Auch eine Grippeimpfung ist ratsam, um eine Doppelinfektion zu vermeiden. Welche Maßnahmen getroffen werden, wenn eine infizierte Mutter ihr Kind auf die Welt bringt, kann sich derzeit täglich ändern - für definitive Empfehlungen ist die Studienlage noch zu dünn.

Zur Person
Foto: Enjolie Bryant

Manuel Schmid, 44, ist leitender Oberarzt in der Neonatologie am Universitätsspital Zürich. Einer Anfang März in der Fachzeitschrift "Lancet" erschienenen Empfehlung zum Umgang mit Schwangeren trat er entschieden entgegen.

SPIEGEL: Eine Guideline, die im renommierten Fachmagazin "Lancet" veröffentlicht wurde, hat unter anderem empfohlen, Babys von Covid-19-Patientinnen nach der Geburt für 14 Tage von der Mutter zu isolieren. Als Sie den Artikel gelesen haben, haben Sie einen Antwortbrief verfasst, der auch prompt angenommen wurde. Was hat Sie an der Guideline gestört?

Schmid: Besonders hat mich gestört, dass die Empfehlungen auf einer unzureichenden Studienlage basierten: Vieles kann man bisher einfach noch nicht sagen. Was jedoch gesichert ist, ist, dass es nachhaltig negative Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung hat, wenn etwa Mutter und Kind nach der Geburt separiert werden. Oder etwa, dass die Nabelschnur unmittelbar nach der Geburt durchtrennt werden soll. Dies stellt nachweislich vor allem für Frühgeborene einen medizinischen Nachteil dar.

SPIEGEL: Es ist auch erwiesen, dass Neugeborene noch kein gutes Immunsystem haben. Wäre es nicht gefährlich, wenn das Kind sich unmittelbar nach der Geburt bei der Mutter mit Covid-19 ansteckt?

Podcast Cover

Schmid: Das kann sein, es kann aber auch sein, dass das Risiko, so wie bei älteren Kindern, nicht besonders hoch ist. Man muss nun entscheiden, ob man lieber in Kauf nimmt, möglicherweise in ein paar Wochen Todesfälle unter Neugeborenen zu verzeichnen, die auf Covid-19 zurückgehen – oder ob man Tausende Kinder vorsorglich von ihren Müttern trennt, um im Nachhinein keinen einzigen kritischen Verlauf zu sehen.

SPIEGEL: Wie entscheidet man so eine ethische Frage?

Schmid: Das ist keine einfache Entscheidung, und wir hier am Perinatalzentrum des USZ glauben, dass man diese Abwägung nach bester Information über die verfügbaren Daten gemeinsam mit den betroffenen Familien machen soll. Zurzeit bewerten wir alle Informationen, die uns über Fachmagazine, die Medien und Netzwerke erreichen, Tag für Tag neu. Bis wir Untersuchungen haben, die etwas anderes belegen, bleibt unsere Haltung vorerst, uns so zu verhalten, wie wir das üblicherweise tun, wenn die Mutter an einer infektiösen Atemwegserkrankung leidet: Mutter und Kind bleiben zusammen, die Mutter wird zur Handhygiene angehalten, sie sollte ihr Kind nicht küssen und einen Mundschutz tragen. Der Vater sollte nach Möglichkeit das Wickeln und alles andere übernehmen.

SPIEGEL: Väter können alles andere übernehmen – bis auf das Stillen. Ist das Coronavirus über die Muttermilch übertragbar?

Schmid: Auch hier gibt es noch keine ausreichende Datenlage. Es gibt Untersuchungen der Muttermilch von Covid-19-Patientinnen, wo das Virus nicht nachgewiesen wurde. Dafür hat man Antikörper in der Milch gefunden. Es könnte also sogar sein, dass mit der Muttermilch ein gewisser Schutz transportiert wird. Allerdings ist nicht bekannt, inwiefern getrunkene Antikörper eine schützende Wirkung gegen Erkrankungen haben, die per Tröpfcheninfektion übertragen werden.

SPIEGEL: Sie sagen, die Studienlage ist noch zu dünn. Gibt es keine Erfahrungsberichte aus Ländern, die bereits länger mit Covid-19 kämpfen, wie etwa China, Südkorea oder Italien?

Schmid: Doch, die gibt es, und sie weisen nicht darauf hin, dass das Risiko für komplizierte Schwangerschaftsverläufe bei Corona-Positiven höher ist als bei anderen. Es gibt aber auch eine Publikation aus China, die von einer höheren Komplikationsrate berichtet: Es gab sogar einen Todesfall unter den Neugeborenen. Jedoch wurde keines der Kinder in der Studie positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Das wirft wiederum die Frage auf, was überhaupt der Anlass für die Komplikationen war: Es könnte auch sein, dass die Betreuungssituation in der Krise eingeschränkt war oder das Gesundheitssystem allgemein so überlastet war, dass die Schwangeren nicht angemessen versorgt werden konnten.

SPIEGEL: Auch in Deutschland befürchtet man eine Überlastung des Gesundheitssystems, wenn wir es nicht schaffen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Das könnte sich also nicht nur auf die Versorgung der Risikogruppen auswirken, sondern auch auf die Versorgung von Neugeborenen.

Schmid: Es könnte sich auf alle medizinischen Bereiche auswirken. In einer Pandemiesituation mit sehr vielen Kranken ist man gezwungen, die Ressourcen umzuschichten und etwa Fachkräfte aus anderen Bereichen abzuziehen.

Ich denke, momentan finden zwei Dinge statt: Zum einen etabliert sich Hysterie in der Bevölkerung. Dadurch tun Menschen Dinge, die nicht unbedingt hilfreich sind – etwa Hamsterkäufe oder das Tragen von Atemschutzmasken. Auf der anderen Seite ist mein Eindruck, dass wir allgemein unterschätzen, was noch auf uns zukommen kann. Die Maßnahmen scheinen derzeit noch nicht ausreichend zu sein im Verhältnis zur Geschwindigkeit, in der sich das Virus ausbreitet.

SPIEGEL: Haben Sie Bedenken, dass die westlichen Gesundheitssysteme die Krise nicht stemmen können?

Schmid: Ich denke, die Gesundheitssysteme in der Schweiz und Deutschland prinzipiell gut für Pandemien gerüstet sind – nur nicht, wenn alle Fälle gleichzeitig kommen.

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