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Coronavirus Warum Frauen nach einer Impfung keine Angst vor Unfruchtbarkeit haben müssen

Angeblich ähneln sich Coronavirus und Plazenta-Proteine so stark, dass die nach einer Impfung gebildeten Antikörper eine Schwangerschaft verhindern könnten. Hier sind fünf wissenschaftliche Argumente, die dagegen sprechen.
Von Heike Le Ker

Ein Drittel der Deutschen ist den Zahlen des Robert Koch-Instituts zufolge noch nicht gegen Covid-19 geimpft. 20 Prozent von ihnen haben sich bereits für die Impfung entschieden, 24 Prozent zweifeln noch, ob sie es tun sollen oder nicht. Das ist das Ergebnis der aktuellen Erhebung der Cosmo-Studie , für die seit Beginn der Pandemie Bürgerinnen und Bürger zu Corona befragt werden.

»Eine wichtige Zielgruppe für gute Aufklärung sind junge Frauen«, heißt es in der Studie. Der Grund: »Unsicherheiten rund um Impfung, Fruchtbarkeit und Kinderwunsch.« Seitdem die Stiko die Impfung für Schwangere empfiehlt  – lesen Sie hier mehr  über die Gründe – und viele Schwangere damit eine wichtige Hilfestellung an die Hand bekommen haben, bleibt bei einigen Frauen vor allem die Frage nach Auswirkungen auf die Fuchtbarkeit ein wichtiges Thema.

Um es vorwegzunehmen: Nach allem, was bislang über die mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer bekannt ist, beeinflussen sie die Fruchtbarkeit nicht.

Doch die Behauptung steht im Raum, dass der Impfstoff nicht nur eine Immunantwort gegen das sogenannte Spike-Protein von Sars-CoV-2 bilde, sondern auch gegen ein Protein in der Plazenta. Der Grund sei, dass sich die beiden Proteine so stark ähnelten, dass es zu einer Verwechslung komme.

Fünf Gründe, die aus wissenschaftlicher Sicht gegen die Behauptung sprechen, dass die Impfstoffe Frauen unfruchtbar machen:

1. Nur wenig Übereinstimmung:

Das Corona-Spike-Protein besteht aus 1273 Aminosäuren, das besagte Plazenta-Protein Syncytin-1 aus 538 Aminosäuren. Tatsächlich ähnelt sich eine kurze Sequenz, sie ist aber nicht identisch: Im Corona-Spike-Protein heißt sie VVNQN, im Syncytin-1 VVLQN. Diese Strukturähnlichkeit von rund 0,75 Prozent bedeutet aber nicht, dass die beiden Proteine, die sich komplex und unterschiedlich falten, auch äußerlich gleich geformt sind. Antikörper erkennen aber Oberflächenstrukturen, und die bestehen selten nur aus einer so kurzen Kette.

Der Virologe Ian Jones von der britischen University of Reading hält die beiden Proteine für nicht ähnlich genug, als dass sich die nach einer Impfung gebildeten Antikörper an das Syncytin-1 binden könnten. Das Risiko von Unfruchtbarkeit sei damit »im Wesentlichen fiktiv«, so Jones gegenüber der britischen Faktencheck-Initiative »full fact« .

2. Viele kleine Ähnlichkeiten im Körper

Diese Ähnlichkeit sollte auch deswegen nicht beunruhigen, weil es solche kleinen Übereinstimmungen überall gibt. Ein Immunologe  etwa hat die Aminosäureabfolge des Spike-Proteins neben die von diversen anderen menschlichen Proteinen gelegt und zahlreiche Treffer mit 4 oder 5 identischen Aminosäuren am Stück gefunden.

Auch aus der medizinischen Forschung gibt es bereits ein anschauliches Beispiel, das gegen die These spricht: Der therapeutische Antikörper Temelimab, der bei Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Diabetes eingesetzt werden soll, erkennt ein Protein eines endogenen Virus, das zu 81 Prozent mit Syncytin-1 aus der Plazenta übereinstimmt, schreiben Udo Markert, Leiter des Plazenta-Labors am Universitätsklinikum Jena und Präsident der European Society for Reproductive Immunology , und sein Kollege Ekkehard Schleußner, Direktor der Geburtsklinik am Universitätsklinikum Jena und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin, in einer Stellungnahme . In Laborversuchen wurde demnach jedoch gezeigt, dass Temelimab praktisch nicht an Syncytin bindet und dadurch auch die Entwicklung und die Funktion der Plazenta nicht beeinflusst.

3. Schlecht erreichbar

Der betreffende Abschnitt in der Aminosäuresequenz von Syncytin-1 liegt Markert und Schleußner zufolge unterhalb der Oberfläche in der Plazenta. Selbst wenn es also zu einer Verwechslung der zwei Proteine durch die Antikörper kommen sollte – was aus den oben beschriebenen Gründen höchst unwahrscheinlich ist –, sei die Abfolge »somit für eventuelle Antikörper nicht direkt erreichbar«.

4. Das Virus als Vorbild

Auch die Erfahrungen aus der Pandemie sprechen gegen eine Auswirkung der mRNA-Impfstoffe auf die Fruchtbarkeit. Der Grund: Wenn sich nach einer Impfung gebildete Antikörper gegen das körpereigene Syncytin-1 richten würden, dann würden dies auch nach einer Infektion gebildete Antikörper tun. Denn diese greifen ebenso wie die nach der Impfung produzierten Antikörper das Spike-Protein von Sars-CoV-2 an. Bei weltweit inzwischen mehr als 225 Millionen Infizierten wäre es aber aufgefallen, wenn die Infektion das Risiko für Infertilität erhöhen würde. Das ist jedoch nicht der Fall.

Ähnliches zeigte sich – in deutlich kleinerer Zahl – auch in den Zulassungsstudien: In der Phase-III-Studie von Biontech und Pfizer gab es vor Studienbeginn einen Schwangerschaftstest. Außerdem wurden Probanden und Probandinnen gebeten, bis mindestens 28 Tage nach der Impfstoffgabe zu verhüten. Trotzdem gab es 23 Schwangerschaften  während der Studie: Zwölf in der Impfstoffgruppe, elf in der Placebogruppe.

5. Der Tierversuch

Bevor ein Impfstoff im Rahmen von Zulassungsstudien Schwangeren verabreicht werden darf, müssen neben den Erkenntnissen aus den klinischen Studien an Erwachsenen die Auswirkungen auf die Reproduktionsfähigkeit auch im Tierversuch beobachtet werden. Die Biontech-Vakzine Comirnaty wurde dafür 44 weiblichen Ratten 21 und 14 Tage vor der Paarung gespritzt und am 9. und 20. Tag der Schwangerschaft. Die Biontech-Wissenschaftler fanden  zu keinem Zeitpunkt einen Hinweis darauf, dass sich der Impfstoff auf die Fruchtbarkeit, die Eierstöcke oder die Gebärmutter auswirkte. Ebenso wenig beeinflusste die Impfung demnach die Schwangerschaft, die Überlebensfähigkeit der neugeborenen Ratten oder ihre körperliche Entwicklung.

Und was ist mit den Zyklusstörungen, über die Frauen nach Coronaimpfungen berichtet haben?

Seit Monaten berichten Frauen unter anderem in den sozialen Netzwerken über Unregelmäßigkeiten ihres Zyklus nach Coronaimpfungen. So hatte etwa die Wissenschaftlerin Kate Clancy von der University of Illinois auf Twitter nach Störungen der Periode gefragt . Ob es einen ursächlichen Zusammenhang gibt zwischen vermehrter oder reduzierter Blutung und den Impfungen, ist bislang weder be- noch widerlegt. Es gibt Überlegungen, die für diese These sprechen und Argumente dagegen  – bislang fehlen für eine valide Antwort Daten.

Doch zu den bekannten Nebenwirkungen, die man etwa beim in Deutschland für die Überwachung von Impfstoffen zuständigen Paul-Ehrlich-Institut melden kann , gehören Zyklusstörungen nicht, und auch in den Zulassungsstudien wurden sie nicht systematisch abgefragt.

Derzeit gehen Forscherinnen und Forscher davon aus, dass Unregelmäßigkeiten bei der Periode, sofern die Impfung ursächlich dafür sein sollte, nur vorübergehend auftreten und sich der Hormonhaushalt nach wenigen Zyklen wieder einpendelt.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Antikörper Temelimab stimme zu 81 Prozent mit dem Plazentaprotein Syncytin-1 überein. Tatsächlich richtet sich der Antikörper gegen ein Endovirus-Protein, das zu 81 Prozent mit dem Plazentaprotein Syncytin-1 übereinstimmt. Wir haben die Stelle korrigiert.

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