Erstmals in Deutschland Zwei Kinder nach Transplantation von Gebärmutter geboren

In Tübingen sind zwei gesunde Babys auf die Welt gekommen, deren Mütter zuvor eine Uterustransplantation bekommen hatten. Spenderinnen waren in beiden Fällen die jetzigen Großmütter.

Neugeborenes nach Kaiserschnitt (Symbolbild)
Petri Oeschger/ Getty Images

Neugeborenes nach Kaiserschnitt (Symbolbild)


Es ist eine Deutschland-Premiere: Zwei Frauen, die ohne Gebärmutter geboren worden waren, haben nach erfolgreicher Transplantation jetzt eigene Kinder auf die Welt gebracht. Die Babys seien im März und im Mai 2019 per Kaiserschnitt entbunden worden, gab das Uniklinikum Tübingen bekannt.

"Ich habe schon viele Geburten gesehen, aber dieser Kaiserschnitt war ein unglaublicher Moment", berichtete Sara Brucker, die ärztliche Direktorin am Institut für Frauengesundheit in Tübingen. Sie hatte beide Frauen über längere Zeit begleitet, ihnen waren zuvor Gebärmütter transplantiert worden.

In beiden Fällen waren die Mütter der Frauen die Organspenderinnen. In einem Fall hatte die Mutter ihren Uterus bereits im Oktober 2016 ihrer damals 23-jährigen Tochter gespendet. Es war die erste erfolgreiche Transplantation dieses Organs in Deutschland. Nachdem die Operationsnarben verheilt waren, war der jungen Patientin eine Eizelle eingesetzt worden, die mit dem Sperma ihres Mannes befruchtet worden war. Im Mai dieses Jahres kam ihr gesunder Sohn zur Welt.

Keine Chance auf ein leibliches Kind ohne Organspende

An den Transplantationen in Tübingen waren jeweils auch Ärzte aus Schweden beteiligt, die als Pioniere auf dem Gebiet der Gebärmutter-Transplantation gelten. In Schweden war 2014 weltweit zum ersten Mal ein Baby nach einer Uterusverpflanzung zur Welt gekommen. Inzwischen gab es weltweit circa 40 Transplantationen dieser Art mit über 10 Geburten. In Südamerika brachte eine Frau im vergangenen Jahr das erste Kind nach einer Uterus-Transplantation von einer verstorbenen Spenderin zur Welt. Im deutschsprachigen Raum wird diese Art der Transplantation bislang nur im Rahmen von Forschungsprojekten durchgeführt.

Das Transplantationsteam in Tübingen
Universitätsklinikum Tübingen

Das Transplantationsteam in Tübingen

"Dieses sind die ersten zwei erfolgreichen Schwangerschaften nach Uterus-Transplantation in Deutschland und selbst innerhalb der acht europäischen Länder, die im Rahmen von Eurotransplant bei Organspende und Transplantation zusammenarbeiten," sagte Xavier Rogiers, Leiter des Transplantationszentrums am Universitätskrankenhaus Gent. Er gab an, dass die Uterus-Transplantation eine bleibende Rolle in der Behandlung von angeborener Unfruchtbarkeit spielen wird. Doch aus ethischer Sicht sei es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen den Risiken für die Lebendspenderin und der gebotenen Chance für die Empfängerin zu finden, so der Experte.

Ethische Diskussion

Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen sieht ethische Argumente, die für die Transplantation sprechen. Lebendspende sei bei lebensbedrohlichen Erkrankungen gerechtfertigt, aber auch um das Leiden bei schwerwiegenden Erkrankungen zu lindern. "Für viele Frauen ist es sehr wichtig, ein eigenes Kind zu gebären, die Betroffenen leiden sehr unter ihrer Unfruchtbarkeit," sagt Wiesing.

"Ich bin eher skeptisch und halte die Uterus-Transplantation für ein nicht-verhältnismäßiges Mittel,einer Frau eine Schwangerschaft zu ermöglichen," meint dagegen Claudia Bozzaro vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg. Sie gab zu bedenken, dass es auch andere Wege gebe, einen Kinderwunsch zu erfüllen beispielweise eine Adoption.

Die neuen Mütter waren ohne Gebärmutter geboren worden, sie haben das sogenannten Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom. Ein genetisch eigenes Kind hätten sie ohne medizinischen Eingriff nicht bekommen können. Eierstöcke, Brüste, Klitoris und Schamlippen sind bei dieser Erkrankung normal ausgebildet, eine Scheide hingegen ist nicht angelegt. In einem früheren Eingriff hatten die Ärzte den Patientinnen daher bereits eine Scheide angelegt, erst zu einem späteren Zeitpunkt hatten sie ihnen die Gebärmutter transplantiert.

Für die künstlichen Befruchtungen benötigten die Frauen nach Angaben der Ärzte nicht mehr Zyklen als der Durchschnitt. Eine Befruchtung auf natürlichem Wege wäre nicht möglich gewesen, weil die Frauen keine Eileiter haben. Insgesamt seien die Schwangerschaften gut verlaufen. Wie alle Patienten, die ein Organ gespendet bekommen haben, müssen auch die beiden Frauen Medikamente nehmen, die ihr Immunsystem unterdrücken. Diese hatten aber keinen Einfluss auf die Schwangerschaft.

Die beiden Mütter werden ihre Transplantationsorgane vorerst behalten - man hoffe auf weitere Erfolge, sagte ein Sprecher der Klinik in Tübingen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom als Erbkrankheit bezeichnet. Die Ursache dieser Erkrankung ist allerdings unbekannt, wir haben das korrigiert.

hle/hei

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
frenchie3 23.05.2019
1. Nicht alles was machbar ist
sollte auch umgesetzt werden. Ich bin eher dafür daß die Adoptionsgesetze renoviert werden so daß man sich nicht ein Baby aussuchen muß um es dann endlich als "Teenager" abzuholen. Wenn man sieht wie hoch die Ansprüche an Adoptiveltern sind müßte man bei gleicher Anwendung bei "normalen" Eltern vielen das Kinderkriegen verbieten
bernd.kaltenhaeuser 23.05.2019
2. Und was ist mit der Ethik...
.... bzgl des Kindes, dem die Krankheit der Mutter evtl. weiter vererbt wird?
frenchie3 23.05.2019
3. @2 Das mit der Ethik
können Sie am Besten mit denen diskutieren die auch gegen Vorabtests bei genetischen Erkrankungen sind.
Bernd.Brincken 23.05.2019
4.
Die Geschichte ist - einfach gruselig.
permissiveactionlink 24.05.2019
5. #2, bernd.kaltenhaeuser
Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Erbkrankheit auf das Kind übertragen wurde, liegt bei 50 Prozent, unabhängig vom Geschlecht der Kinder. Phänotypisch auffällig sind aber nur betroffene Mädchen. (Die transplantierte Frau hat aber einen Sohn bekommen). Die Erbkrankheit ist autosomal dominant, d.h. dass nur eines von zwei Genen derselben Funktion auf mütterlichem oder väterlichem Chromosom (n i c h t Geschlechtschromosom !) mutiert sein muss, um die Erkrankung bei Töchtern auftreten zu lassen. Da betroffene Frauen auf natürlichem Wege nicht schwanger werden, wird diese Erbkrankheit ausschließlich über betroffene Söhne weitergegeben. Die Mütter der Frauen sind genetisch vollkommen intakt. Das defekte Gen bringen immer die Männer mit ! Dieses Mal war es anders : Das defekte Gen könnte diesmal mit der Eizelle der transplantierten Frau auf den Sohn übertragen worden sein. (Wahrscheinlichkeit 50%) Bei einer Tochter wäre es sogar möglich gewesen, dass das defekte Gen ausnahmsweise doppelt vorliegt, wenn auch der Ehemann dieses mutierte Gen besitzt. Bedauerlicherweise ist weder das betroffene Gen bekannt, noch die spezielle Mutation. Außerdem gibt es auch verschiedene Varianten der Erbkrankheit. Eine Präimplantationsdiagnostik von in vitro fertilisierten Eizellen der Frau ist deshalb bisher unmöglich, so dass beim Nachwuchs dieser Frauen in der Regel eine 50%ige Wahrscheinlichkeit besteht, das defekte Gen zu besitzen und dadurch als Mädchen von der Erbkrankheit betroffen zu sein bzw. sie als Junge zu besitzen und als Mann später weiterzugeben (auf Söhne u n d Töchter).
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