Downsyndrom Abgeordnete fordern Debatte über vorgeburtliche Bluttests

Ein Bluttest kann verraten, ob ein ungeborenes Kind Trisomie 21 hat. Sollen die Kassen diesen Test künftig zahlen? Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten sieht das äußerst kritisch.
SPD-Abgeordnete Ulla Schmidt (Archivbild)

SPD-Abgeordnete Ulla Schmidt (Archivbild)

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Bundestagsabgeordnete dringen auf eine Diskussion über ethische Fragen bei Bluttests für Schwangere auf ein mögliches Downsyndrom des Kindes. Würde und Lebensrecht dürften nicht von genetischen Eigenschaften eines Menschen abhängen, sagte Rudolf Henke (CDU) anlässlich der Vorstellung der fraktionsübergreifenden Initiative von Abgeordneten von Union, SPD, Grünen, Linken und FDP  am Freitag in Berlin. Fortschritte bei den Diagnosen erforderten gesellschaftliche Antworten darauf, wie mit den dadurch erzeugten Antworten umzugehen sei.

Die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sagte: "Es geht um die Frage: Wollen wir, dass bei allen schwangeren Frauen ein Bluttest auf Downsyndrom des Kindes gemacht wird? Soll der Test als Reihenuntersuchung auf Kosten der Krankenkassen eingeführt werden?"

Menschen mit Downsyndrom würden sich zu Recht abgewertet fühlen

Hintergrund des Vorstoßes ist auch ein laufendes Verfahren, in welchen Fällen solche Tests künftig von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden könnten.

Menschen mit Downsyndrom kämen mit ihrer Perspektive auf ihr Leben und diese Tests bisher nicht zu Wort, kritisieren die Abgeordneten. Schmidt, die auch Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe ist, mahnte, würden die Bluttests als Reihenuntersuchung eingeführt, "wäre das ein Signal, dass Downsyndrom vermieden werden sollte". Menschen mit Downsyndrom würden sich zu Recht abgewertet fühlen.

"Eine standardmäßige Anwendung der Tests würde noch zu weiteren Problemen führen", sagte Schmidt weiter. "Denn ein positives Testergebnis ist bei bis zu 18 Prozent der Frauen falsch. Es wird also in fast jedem fünften Fall Trisomie diagnostiziert, obwohl keine vorhanden ist."

Bei einem Downsyndrom haben die Menschen in jeder Zelle ein Chromosom mehr als andere Menschen. Das Chromosom 21 ist dreifach vorhanden, daher auch die Bezeichnung Trisomie 21. Folgen sind körperliche Auffälligkeiten und eine verlangsamte motorische, geistige und sprachliche Entwicklung. Die Ausprägungen sind aber sehr unterschiedlich.

Die Grünen-Abgeordnete Corinna Rüffer sagte, statt durch immer mehr Tests den Anschein zu erwecken, man habe es unter Kontrolle, was für ein Kind man bekomme, gehe es um die Verteidigung des Wertes der Vielfalt in der Gesellschaft.

"Der Test sollte allenfalls in Risikofällen durchgeführt werden", sagt Schmidt. "Dazu bedarf es aber einer umfassenden Beratung und Aufklärung der Paare durch qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, so wie es das Gendiagnostik-Gesetz bereits vorschreibt." Zu dieser Beratung gehöre dann auch eine umfassende Beratung über das Leben mit Downsyndrom.

"Bei einer Indikation und nach Beratung soll der Test, wie bei anderen Verfahren auch, meiner Meinung nach dann auch von den Kassen übernommen werden", erläuterte Schmidt.

Seit 2012 werden Schwangeren vorgeburtliche Bluttests angeboten, die unter anderem untersuchen, ob das Kind mit einer Trisomie 21, 18 oder 13 auf die Welt kommen würde. Die Kosten von etwa 600 Euro müssen die werdenden Eltern bisher selbst tragen. Alternativ können sie sich für eine Fruchtwasseruntersuchung entscheiden, um abschätzen zu lassen, ob das Kind eines seiner Chromosomen drei- statt zweifach besitzt. Dieser Eingriff liefert zuverlässigere Ergebnisse und wird schon jetzt in einigen Fällen von der Krankenkasse bezahlt, er ist jedoch invasiv und birgt das Risiko einer Fehlgeburt.

Experten schätzen, dass sich in Deutschland bei einem positiven Testergebnis neun von zehn Schwangeren für eine Abtreibung entscheiden. Belastbare Zahlen gibt es nicht.

Ethikrat-Vorsitzender: Empörungsdebatten gegen Gentests helfen niemandem

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Freitag), man müsse akzeptieren, dass Eltern Klarheit über den Gesundheitszustand ihres Kindes haben wollten. "Auch wenn es gesellschaftlich nicht mehr erwünscht ist, zu sagen, man wolle kein behindertes Kind: Im tiefsten Innern wünschen sich doch alle Eltern gesunden Nachwuchs. Und ein Gentest hat im Unterschied zu den herkömmlichen Untersuchungsmethoden keine Nebenwirkungen."

Er betonte zugleich, das gesellschaftliche Klima im Umgang mit Behinderung sei deutlich besser geworden. "Bei dieser gewandelten Einstellung muss und kann man ansetzen, damit die pränatale Selektion nicht zu einer gesellschaftlichen Norm wird." Es gehe unter anderem um die Frage, wie Behinderte noch besser gefördert und integriert werden können. "Empörungsdebatten gegen Gentests helfen niemandem, auch Menschen mit Behinderung nicht."

wbr/dpa/AFP

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