Mit Baby unterwegs "Möglichst nah am Körper tragen"

Das Baby ist ganz nah und geborgen - doch das Tragen führt bei einigen Eltern zu heftigen Rückenschmerzen. Woran das liegt und was hilft, erklärt ein Orthopäde im Interview.
Baby auf Papas Arm: Die Trageposition öfter mal wechseln

Baby auf Papas Arm: Die Trageposition öfter mal wechseln

Foto: Corbis
Zur Person

Fritz Uwe Niethard ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirugie sowie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es an einer falschen Tragetechnik oder an der Ausrüstung, wenn Mutter oder Vater beim Tragen ihres Babys Schmerzen haben?

Niethard: Vermutlich an beidem. Die Ursache kann aber auch im Rücken selbst liegen. Wenn Sie etwa ohnehin Probleme mit einem Hohlkreuz haben, dann wird durch das auf dem Bauch getragene Tragetuch das Hohlkreuz verstärkt. Sie können also noch mehr Rückenschmerzen bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt der Schmerz?

Niethard: Der Kreuzschmerz der Frau bei einer Schwangerschaft entsteht durch die starke Belastung der Wirbelsäule und der Muskulatur infolge des vor der Wirbelsäule lastenden Gewichtes. Auch Männer mit Bierbauch kennen derartige Schmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem ist also die Rückenmuskulatur?

Niethard: Jede Rückenmuskulatur ist anders belastbar. Und jede Wirbelsäule ist anders, es gibt schlanke Personen mit wenig Muskulatur und kräftige mit viel Muskulatur oder umgekehrt. Nehmen wir als Beispiel einen Gewichtheber und eine Schlangenfrau. Bei der Schlangenfrau ist die Wirbelsäule vor allem beweglich, beim Gewichtheber ist aber Stabilität gefragt. Eine dauerhafte Belastung wäre für eine gelenkige, schlanke Frau eine ganz andere als für den Gewichtheber.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten wir optimal tragen?

Niethard: Für alle Lasten gilt: Sie sollten möglichst nah am Körper getragen werden. Entscheidend ist aber auch die zeitliche Belastung der Wirbelsäule und der Muskulatur. Wird das Kind wechselseitig mal auf der Seite, mal vorn oder auf dem Rücken getragen, kann es die Muskulatur gut vertragen. Das dauerhafte Tragen auf dem Bauch beansprucht aber die Rückenmuskulatur und das Tragen auf dem Rücken wiederum die Bauchmuskulatur.

SPIEGEL ONLINE: Wird ein Baby denn nun besser vorn, hinten oder seitlich getragen?

Niethard: Es gibt unterschiedliche Wirbelsäulen-Beschaffenheiten. Wer eh ein Hohlkreuz hat, für den ist das Tragen vorne schwieriger. Bei schwacher Rückenmuskulatur sollte man die Kinder lieber auf der Seite, auf dem Beckenkamm tragen, wo das Gewicht verringert wird oder auch auf dem Rücken. Wechseln Sie die Positionen: In Tragetüchern kann das Kind mal auf dem Beckenkamm getragen werden, mal vorn oder mal hinten. Dabei ist zu beachten, dass das Kind mit gespreizten Beinen auf dem Beckenkamm aufsitzt. Das Gewicht hängt dann nicht an der Wirbelsäule.

SPIEGEL ONLINE: Sollten wir denn um jeden Preis tragen?

Niethard: Nicht, wenn die Eltern beim Tragen des Kindes starke Schmerzen im Rücken haben. Schmerzgeplagte Eltern sind der Bindung zum Kind nicht unbedingt förderlich. Tragen ist sinnvoll, wenn es sich für Eltern und Kind gut anfühlt. Haben Sie Schmerzen, fragen Sie um Rat, gehen Sie zu einem Orthopäden. Der kann die Probleme analysieren und Ihnen helfen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann da getan werden?

Niethard: Mütter sollten nach der Schwangerschaft alles daran setzen, das Gleichgewicht zwischen Bauch- und Rückenmuskulatur wieder herzustellen. Die Bauchmuskulatur ist geschwächt, sie ist aber wichtig für die Wirbelsäule. Da setzt die Rückbildungsgymnastik an.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich das vorstellen?

Niethard: Stellen Sie sich die Wirbelsäule als einen Schiffsmast vor. Dieser ist zwischen dem vorderen (Bauchmuskulatur) und dem hinteren Seil (Rückenmuskulatur) festgespannt. Nach der Schwangerschaft ist die vordere Verspannung des Schiffsmastes zu locker. Das Seil muss wieder gestrafft werden. Dies gelingt durch Übungen, also eine Rückbildungsgymnastik.

SPIEGEL ONLINE: Warum leiden gerade Mütter so häufig unter Rückenschmerzen?

Niethard: Bei einer Schwangerschaft wird das Bindegewebe für den Geburtsvorgang gelockert. Das kann sich an den Bandscheiben und anderen Beckenstrukturen auswirken, die später nicht mehr ausreichend gefestigt sind. Es gibt auch andere Fehlbelastungen. Nicht zu vergessen sind High Heels: Dadurch wird ein vorbestehendes Hohlkreuz verstärkt und der Schmerz kann zunehmen.

Das Interview führte Lisa Harmann