Warum Elternsein heute wirklich so anstrengend ist 

"Früher waren Kinder auch ständig krank"
Von Corinne Luca

Dieser Beitrag wurde am 16.04.2016 auf bento.de veröffentlicht.

Früher, da bekam man einfach so Kinder. Die plumpsten nebenbei beim Abwaschen raus und kaum konnten sie ihre eigenen Händchen bewegen, trockneten sie das Geschirr. Sie spielten auf der Straße und in Wäldern und erzogen sich quasi selbst. Heute macht den Abwasch die Spülmaschine, die Wäsche trocknet von allein und die Lebensmittel liefert der Mann vom Discounter. Trotzdem muss man ständig lesen, wie erschöpft die heutigen Eltern sind. Sie stürmen die Buchhandlungen, in denen sich Erziehungsratgeber türmen.

Liegt das an dieser selbstverliebten Generation, die nur um ihre eigenen kleinen Fixsterne kreist? Selbstverwirklichung, "zwei Zimmer, Küche, Bad und ein kleiner Balkon"  und völlig unverständliche Unzufriedenheit mit prekären Anstellungsverhältnissen? Am Elternsein hat sich schließlich nichts geändert. Wenig Schlaf und Kinderkrankheiten gab es damals wie heute.

Nicht ganz. Es gibt einiges, was anders ist am modernen Elternleben und erklärt, warum genau das heute so anstrengend ist.

Eigentlich hast du keine Zeit

Zwischen Ende 20 und Ende 30 spielt sich heute alles ab. Nicht umsonst gibt es den Begriff "Rush Hour des Lebens". Partner finden, Karriere machen und Kinder kriegen, dafür hat man nur ein paar Jahre. Sind die Kinder da, wollen Eltern nur das Beste für sie. Und fahren sie vom Schachunterricht zum Frühchinesisch und zurück. Damit sie vorbereitet sind, für das Leben. Nur leider ist nicht mehr klar, was die Zukunft bringt. Welchen Teil unseres Elternwissens werden sie brauchen? Ist Chinesisch okay, oder doch lieber Spanisch? Russisch vielleicht. Sollte das Kind coden lernen? Helikoptereltern und Hippiemütter wollen ihre Kinder vorbereiten, können aber nicht sicher sein, worauf. Deshalb wirken sie oft so unentspannt.

Eigentlich machst du alles falsch

Erziehen ist heute eine Reise ohne Landkarte. Früher konnte man sich mit den meisten Miteltern und der bewertenden Umwelt auf die Basics einigen: Satt sollten die Kinder sein, saubere Kleidung haben und in der Schule nicht komplett versagen. Heute bekommt man den Titel Versagereltern, wenn das Kind kein Veganer ist, mit vier noch nicht flüssig liest oder die Nachbarin nicht ordnungsgemäß grüßt.

Dass man wieder etwas falsch gemacht hat, merkt man aber erst hinterher. Denn es gibt sie nicht mehr, die einheitlichen Erziehungsziele. Das muss nicht schlecht sein. Freiheit ist eine schöne Sache. Aber es ist schwer, mit der selbstgemalten Landkarte das Ziel im Blick zu behalten und nicht unsicher zu werden, wenn dir ständig jemand erzählt, dass links herum schneller ist. Nach und nach wird so das Bauchgefühl ausgehöhlt. Deshalb stehen übrigens auch die Ratgeber-Türme in den Buchläden.

Eigentlich solltest du richtig arbeiten und alles 50/50 machen

Mütter und Väter arbeiten heute beide. So richtige Lohnarbeit und nicht "nur" das Kümmern um den Nachwuchs, was ja streng genommen auch Arbeit ist, nur eben unbezahlte. Und beide verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern. Mütter spielen mehr mit dem Nachwuchs als 1965, wo viel weniger von ihnen arbeiteten. Und Väter sowieso. Vorbei die Zeit, als Papi der Vater war. Und hauptsächlich im Arbeitszimmer oder Sessel angetroffen wurde.

Männer wollen gute – das heißt heute aktive – Väter sein. Klingt nach Stress? Ist es auch. Und obendrauf kommt noch, dass Eltern heute die erste Generation sind, die wirklich versuchen, gleichberechtigt zu leben, wenn Kinder dazu kommen.

Den Plan dafür improvisieren sich Eltern gerade zusammen – und verwerfen ihn wieder. Wie macht man das, wenn die Arbeitswelt einerseits die Präsenz liebt, und andererseits bis tief ins Private reicht?

Da kann man gerne lachen, wenn nicht nur diskutiert wird, wer den Müll runter bringt – sondern auch, wer die neue Tüte in den Eimer macht. Wenn die Abendstunden des Sonntags nicht für Tatort, sondern auch für den Kalenderabgleich genutzt werden. Und man argumentiert wie vor Gericht, wessen Termin der wichtigere ist.

Die gute Nachricht

Nicht alles am Leben mit Kindern hat sich geändert. Babyärmchen, die einen umschlingen, Freude über Müllautos am Straßenrand und neue Perspektiven auf die Welt bekommt man nirgendwo anders. Und wenn ein kleines fieberndes Gesicht in deinen Armen endlich Ruhe findet, bist du erschöpft – aber glücklich.

Also, wer will, los geht's, kriegt Kinder. Und wer mal wieder den Kopf über meckernde Eltern schüttelt: Nachsicht üben. Die haben es nicht leicht. Nehmen Sie sie in den Arm und sagen sie beschwichtigend: "Alles wird gut. Spätestens mit der Pubertät wollen die sowieso ausziehen. Das war schon immer so."

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