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22. März 2016, 12:42 Uhr

Gutachten

Ethikrat will Embryo-Adoption regeln

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Ein Nebenprodukt künstlicher Befruchtungen sind "überzählige" Embryonen. Diese können an Paare mit Kinderwunsch weitergegeben werden - dank einer Gesetzeslücke. Der Deutsche Ethikrat sieht Regelungsbedarf.

Ein Kind, das durch eine künstliche Befruchtung im "Reagenzglas" gezeugt wurde, kann drei biologische Elternteile und einen erziehenden Vater haben: Die verschmolzenen Keimzellen, also Ei- und Samenzelle, stammen in dem Fall von den genetischen Eltern, die den Embryo spenden. Auch die austragende Frau gilt als biologische Mutter, obwohl die Gebärende mit dem Kind genetisch nicht verwandt wäre. Ihr Partner erzieht das Kind mit.

Das wären vier Teileltern. Eine etwas exotische Situation, aber bereits Gegenwart in Deutschland. Und das, obwohl der Gesetzgeber mit dem Embryonenschutzgesetz von 1990 eine Weitergabe befruchteter Eizellen, aus denen Embryos entstehen können, eigentlich verhindern wollte. Möglich macht das eine Gesetzeslücke - und das kann nicht so bleiben, meint der Deutsche Ethikrat: Er lehnt die Praxis nicht ab, sieht aber Regulierungsbedarf.

Am Dienstagmorgen legte das Expertengremium in Berlin eine 149 Seiten umfassende Stellungnahme zum Thema vor. Der Rat empfiehlt darin

Der Ethikrat erstellt viele seiner Gutachten im Auftrag von Parlament oder Regierung, hat aber keinen direkten Einfluss auf die Gesetzgebung. Seine Empfehlungen haben jedoch Gewicht. Dass sie im aktuellen Fall nicht einstimmig ausfielen und mehrere Mitglieder Sondervoten abgaben, deutet an, wie kontrovers auch die weitere Diskussion verlaufen dürfte.

Denn das vermeintlich exotische Thema der Embryonenadoption berührt "grundlegende Fragen der familiären Struktur", der "Lebens- und Entwicklungschancen von Kindern" sowie der verschiedenen Möglichkeiten, "elterliche Verantwortung zu übernehmen", wie es im Gutachten heißt. Das stellt Grundkonzepte unseres Familien- und Gesellschaftsbildes in Frage.

Überproduktion von befruchteten Eizellen

Das deutsche Embryonenschutzgesetz enthält vermeintlich klare Bestimmungen, die eine missbräuchliche Anwendung von Verfahren der künstlichen Befruchtung (IVF) verhindern sollten. Es verbietet

Explizit verboten ist unter Paragraph 1, Absatz 2, "eine Eizelle zu einem anderen Zweck künstlich zu befruchten, als eine Schwangerschaft der Frau herbeizuführen, von der die Eizelle stammt".

Genau daraus ergibt sich die Gesetzeslücke: Wenn eine Frau, deren Eizellen befruchtet wurden, damit sie schwanger wird, diese nicht mehr braucht, kann sie sie an eine andere Frau weitergeben. Wichtige Voraussetzung: Die Empfängerin darf eben keine Leihmutter sein, sondern muss das Kind für sich austragen und großziehen wollen.

Diese Grauzone hat in Deutschland zu einer Praxis geführt, bei der es schon heute zu Embryonenspenden kommt. Möglich ist das, weil es trotz der strengen deutschen Auflagen eine Überproduktion befruchteter Eizellen gibt. Denn bei jedem In-Vitro-Verfahren werden mehr Eizellen befruchtet, als am Ende ausgetragen werden. Außerdem unternimmt ein Paar in der Regel mehrere Versuche, so dass einige befruchtete Eizellen übrig bleiben können.

Noch ist deren Weitergabe eher selten. Zurzeit bieten das erst 21 der 124 deutschen Fortpflanzungszentren an. Aber das könnte sich ändern.

Selbst Konservative haben wenig Probleme damit, wenn "überzählige" Embryos dieses extrem frühen Stadiums an Menschen mit Kinderwunsch weitergegeben statt vernichtet werden. Die einen sehen das als Notlösung für Menschen, deren Kinderwunsch nicht anders zu erfüllen ist. Die anderen - und dazu gehören nicht selten Gegner des gesamten Verfahrens - sehen es als Rettung für die Embryonen.

Die gleichen Anforderungen wie bei einer Adoption?

Doch die Weitergabe kommt einer Art Adoption nahe, bei der das Empfänger-Paar eben kein "fertiges Baby" erhält, sondern alle Stadien einer regulären Schwangerschaft durchlaufen und erleben kann.

Welche Rechte, Ansprüche und Pflichten hat das "Spenderpaar" - immerhin die genetischen Eltern - dann auf das Kind? Wie weit gehen die Rechte der verschiedenen Teileltern? Gibt es eine Hierarchie, eine Abstufung von Elternschaft? Und wie wäre die dann definiert?

Auch über die Frage, wer überhaupt Empfänger sein darf, muss entschieden werden. Nur Verheiratete, oder auch gleichgeschlechtliche Paare, Unverheiratete, Singles? Und wird die Eignung der Empfänger geprüft, so wie bei regulären Adoptionen? Wie steht es um die Rechte des Kindes? Über welche Teilelternschaften kann, soll oder muss es sogar informiert werden? Und wann? Und bis zu welchem Punkt bewegen sich die Mediziner auf sicherem Grund? Kann man sie haftbar machen, wenn Dinge nicht so laufen wie gewünscht - und wenn ja, wofür?

Zurzeit weiß man all das nicht so richtig, denn ein eindeutiger Rechtsrahmen für Embryonenadoptionen fehlt - daran hatte 1990 schlicht niemand gedacht. So finden spätestens seit 2013 Embryospenden, die letztlich Adoptionen sind, auch in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone statt.

Vieles ist längst alltägliche Praxis

An den Gedanken von Teilelternschaften hat man sich seit Erfindung der Zeugung im "Reagenzglas" vor rund 50 Jahren gewöhnt. Die erste Generation der hiesigen "Retortenbabys" geht gerade stramm auf die 40 zu. Es ist längst Business as usual, weltweit leben Millionen auf diese Weise gezeugte Menschen, auch in Deutschland ist ihre Zahl längst sechsstellig.

So weit, so unproblematisch.

Doch die Weitergabe von Embryonen wirft ganz andere Fragen auf. Unsere Gesellschaft neigt dazu, der genetischen Herkunft eine hohe Bedeutung zuzusprechen. Auch die Experten im Ethikrat sprechen sich gegen anonyme Embryonen-Spenden aus, wollen von vornherein Kontaktmöglichkeiten und -pflichten schaffen. Die genetischen Erzeuger wären damit auch nach Weitergabe eines überzähligen Embryos nicht völlig aus dem Spiel.

Recht auf Wissen: Wer sind meine Eltern?

Letztlich ist das nur pragmatisch: DNA lässt sich nicht anonymisieren. Spätestens ein Vaterschafts- oder Gentest würde offenbaren, dass ein Kind genetisch nicht mit seinen Eltern verwandt wäre - und die tatsächlichen genetischen Eltern möglicherweise auffindbar machen. Das Kind hat ja ein verbrieftes Anrecht darauf. Es sollte auch erfahren dürfen, ob es genetische Geschwister besitzt, meint der Ethikrat. Doch auch für die Spender ist das mit Risiken verbunden: Was, wenn jemand Ansprüche gegen sie richten würde?

Zugleich lassen die Meinungsunterschiede innerhalb des Ethikrates ahnen, entlang welcher Linien auch die öffentliche und politische Debatte über diese Fragen verlaufen wird: Für einige ist Elternschaft strikt an die Ehe gebunden. Andere tolerieren auch freie Lebensgemeinschaften oder gleichgeschlechtliche Paare, manche wiederum wollen Singles ausschließen.

Die Notwendigkeit für einen sicheren Rechtsrahmen ist also zum Schutz aller Beteiligten offensichtlich.


Zusammengefasst: Die Weitergabe überzähliger Embryonen aus künstlichen Befruchtungen ist rechtlich nicht hinreichend geregelt, sagt der Deutsche Ethikrat. Er empfiehlt verbindliche Regelungen, die alle am Prozess Beteiligten absichern sollen. Uneinig ist der Rat darüber, wer Empfänger solcher Embryonenspenden sein dürfte.

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