Flensburg Neue ökumenische Klinik will keine Abtreibungen vornehmen

In Flensburg entsteht aus zwei kirchlichen Kliniken eine ökumenische. Schwangerschaftsabbrüche soll es auf Wunsch des katholischen Parts nicht mehr geben. In der Region regt sich Widerstand.

In Flensburg soll ein ökumenisches Krankenhaus entstehen
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In Flensburg soll ein ökumenisches Krankenhaus entstehen


In der Mitteilung des katholischen Malteser Krankenhauses und des evangelischen Diakonissenkrankenhauses klingt es so schön: Man wolle das "Optimale für die Patienten in Flensburg und der Region erreichen: Ein modernes, attraktives Krankenhaus, das die bestmögliche Behandlung und Pflege ermöglicht und dabei auf die Erfahrung und auf die Tradition der beiden konfessionellen freigemeinnützigen Träger auch in Zukunft vertrauen darf."

Allerdings wird die neue gemeinsame Klinik zumindest eine Lücke in der Versorgung schaffen. Denn kein Bestandteil dieser bestmöglichen Behandlung sollen Schwangerschaftsabbrüche sein, wie der NDR berichtete. Diese sollen nur noch in Notfällen, etwa wenn Lebensgefahr bestehe, möglich sein. Für den katholischen Träger war dies "nicht verhandelbar".

In Deutschland haben im Jahr 2018 knapp 101.000 Frauen eine Schwangerschaft beendet.

Politiker von SPD und SSW (Südschleswigscher Wählerverband) kritisieren die Entscheidung. Auch wurde eine Onlinepetition gestartet - für den Erhalt des stationären Versorgungsangebots zum Schwangerschaftsabbruch.

Das evangelische Diakonissenkrankenhaus teilt auf Anfrage mit, dass im Jahr 2018 nur "gut 20 der Eingriffe ambulant" in der Klinik erfolgten. Das entspreche etwa zehn Prozent der in der Region zu erwartenden Eingriffe.

"Position des katholischen Trägers akzeptiert"

Bei den Fusionsgesprächen für das geplante gemeinsame Krankenhaus sei das Thema Schwangerschaftsabbrüche intensiv beraten worden. Man habe "dem Verzicht auf diesen Eingriff zugestimmt und die Position des katholischen Trägers zum Schutz des individuellen Lebens vom Anfang bis zum Ende akzeptiert." Diese Entscheidung sei aufgrund der insgesamt niedrigen Zahl der an der jetzigen Klinik durchgeführten Abbrüche getroffen worden. Die niedergelassenen Gynäkologen könnten die Frauen "mengenmäßig ausreichend und fachlich auf höchstem Niveau" versorgen.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls will in der nächsten Sitzung des Sozialausschusses in Kiel die Landesregierung (CDU, FDP, Grüne) fragen, seit wann sie vom Entschluss der Kliniken wusste, nach der Zusammenlegung keine Schwangerschaftsabbrüche mehr vorzunehmen - und wie sie dazu steht. Sie sagt: "Man darf religiöse Überzeugung nicht über Patientenwohl stellen." Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen müsse gewahrt bleiben - auch in der medizinischen Versorgung, heißt es in einer Mitteilung von Pauls und dem SPD-Abgeordneten Heiner Dunckel.

Der Hintergrund der Klinikzusammenlegung: Die beiden Flensburger Krankenhäuser müssten dringend modernisiert werden. 2017 hatte das Land bekanntgegeben, in den nächsten Jahren knapp 200 Millionen Euro in Um- und Neubauten zu investieren. Statt der aufwendigen Renovierung entschied man sich schließlich, beide Kliniken in einem Neubau zusammenzulegen. Das neue Krankenhaus soll voraussichtlich 2026 fertiggestellt sein. Als ökumenisches Haus mit einem evangelisch-lutherischen und einem katholischen Träger, die je zu 50 Prozent beteiligt sind, ist es in Deutschland nach Angaben beider Betreiber einmalig.

wbr

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Seite 1
Drews 04.11.2019
1.
Es ist eine christliche Klinik, Abtreibungen gehen gegen ihre Werte, sie sehen das als Mord an. Wenn sie nicht morden wollen, muss man das akzeptieren.
cobaea 04.11.2019
2.
Die Kirchen wieder einmal - sich vom Staat den allergrössten Teil ihrer Kosten bezahlen lassen, aber sich dann einen Teufel darum scheren, dass es in diesem Staat nicht nur ihre Moralvorstellungen gibt. "Optimale Versorgung für Patienten" - klar. Von "Patientinnen" ist ja nicht die Rede. Aber wenn's um Schwangerschaftsabbrüche geht, sind "Flensburger Verhältnisse" auch in anderen Teilen Deutschland anzutreffen - in Südbaden z.B. müssen Frauen lange suchen, bis sie jemanden finden, der einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt.
susie.soho 04.11.2019
3. Und das Land zahlt?
Nichts gegen kirchliche Krankenhäuser; aber dann sollen sie sich auch selbst finanzieren, wenn sie sich nicht an die Rechtsprechung halten.
-su- 04.11.2019
4.
Tja, das sind die Folgen, wenn Kliniken privat betrieben werden. Ist aber bei uns so gewollt. Es heißt ja immer, "der Staat kann es nicht". Wenn man alles privat machen lässt, dann kommt halt so was raus und man darf hinterher nicht jammern.
kassandra21 04.11.2019
5.
>Für den katholischen Träger war dies "nicht verhandelbar".< Dann gibt es eben keine Fusion. Und auch keine irgendwie geartete "Unterstützung" der Kommune für den "katholischen Träger". Ob Kindergärten, Krankenhäuser oder sonstige Einrichtungen - oft wird mit jeder Menge Geld der öffentlichen Hand gebaut und anschließend nimmt sich so ein Mittelalterverein auch noch Sonderrechte heraus und kündigt irgendwem, weil der womöglich ein zweites Mal geheiratet hat. Eine gesetzlich legitime und medizinisch indizierte Handlung darf nicht verweigert werden. Basta. Alles andere ist Unterlassung.
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