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09. November 2016, 17:12 Uhr

Deutschland

Erste Gebärmuttertransplantation erfolgreich verlaufen

Erstmals in Deutschland haben Mediziner einer Patientin erfolgreich eine Gebärmutter transplantiert. Bei gleichbleibendem Verlauf könne die Frau mithilfe künstlicher Befruchtung schwanger werden, so die Tübinger Ärzte.

Die erste Transplantation einer Gebärmutter in Deutschland ist ohne Komplikationen verlaufen, berichtet ein Ärzteteam der Universität Tübingen. In einer mehrstündigen Operation hatten die Mediziner einer 23-jährigen Frau am 14. Oktober 2015 den Uterus ihrer Mutter eingepflanzt. "Der Patientin geht es sehr gut", sagte Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Forschungsinstituts für Frauengesundheit der Universität Tübingen.

Die Frau war ohne Gebärmutter zur Welt gekommen. In einem früheren Eingriff war der Patientin 2009 eine Scheide angelegt worden. Verheilten nun auch die Operationsnarben nach der Uterustransplantation, könnte die Patientin in einem Jahr schwanger werden, so ihre Ärzte. Dafür wollen ihr Reproduktionsmediziner eine bereits entnommene, mit dem Sperma ihres Mannes befruchtete und tiefgefrorene Eizelle einsetzen.

Emelie Erikssons Erfolg

Entsteht dann tatsächlich eine Schwangerschaft und kommt ein gesundes Kind zur Welt, könnten die Tübinger Ärzte von einem großen Erfolg sprechen. Denn mit dem Eingriff haben sie medizinisches Neuland betreten - zumindest in Deutschland.

Dass eine solche Transplantation machbar ist und infolge gesunde Kinder geboren werden können, hat der Gynäkologe Mats Brännström im schwedischen Göteborg bereits gezeigt. 2014 brachte Emelie Eriksson als erste Frau weltweit mit einer gespendeten Gebärmutter ein gesundes Baby zur Welt. Auch Eriksson hatte das Organ von ihrer Mutter bekommen.

Brännström hatte neun Patientinnen in seine erste Pilotstudie aufgenommen. Sie alle brachten eine Spenderin mit, in den meisten Fällen ihre Mutter. Inzwischen sind fünf Babys zur Welt gekommen, eine Frau ist schwanger und erwartet ihr Kind Anfang 2017.

Zwei Teilnehmerinnen der Studie hatten stärkere Abstoßungsreaktionen, weshalb es nötig war, bei ihnen die Gebärmutter wieder zu entfernen. Generell ist das Verfahren so angelegt, dass die Frauen das Organ nur so lange behalten, bis ihre Familienplanung abgeschlossen ist. Danach wird es entnommen, damit sie nicht weiter Medikamente schlucken müssen, die alle Organempfänger einnehmen müssen.

Die Zahl der weltweit gelungenen Transplantationen wird von Experten auf rund 20 geschätzt. Zahlen zu Misserfolgen gibt es kaum, sie dürften aber deutlich höher liegen.

Allein in Deutschland könnte bis zu 10.000 Frauen geholfen werden, die ohne Gebärmutter geboren wurden und keine eigenen Kinder bekommen können. Die größte Gruppe potenzieller Patientinnen sind Frauen mit dem sogenannten Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKHS), erläuterte Sara Brucker. Betroffenen Mädchen fehlten von Geburt an Scheide und Gebärmutter. Eierstöcke, Brüste, Klitoris und Schamlippen seien hingegen normal ausgebildet. Ein genetisch eigenes Kind konnten sie bisher nur über eine in Deutschland verbotene Leihmutterschaft erreichen.

hei/dpa

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