Gebärmuttertransplantation "Das ist wie Science-Fiction"

Emelie Eriksson wurde ohne Gebärmutter geboren - und hat vor zwei Jahren ein Kind zur Welt gebracht. Ärzte hatten der Schwedin das Organ ihrer Mutter transplantiert.

AP

Emelie Eriksson und ihr Sohn Albin sind in derselben Gebärmutter herangewachsen. Die Schwedin war 2014 die erste Frau weltweit, die nach einer Gebärmuttertransplantation entbunden hat. Das Spenderorgan stammte von Emelies Mutter Marie.

"Es ist wie Science-Fiction", sagt die heute 30-Jährige. "Wie etwas, das man in Geschichtsbüchern liest. Aber wenn in Zukunft jemand darüber lesen wird - dann ist das meine Geschichte." Erstmals spricht die Schwedin über ihre Erfahrung. Sie hofft, dass der Eingriff einmal jeder Frau ermöglicht wird, die ihn benötigt.

Als 15-Jährige begann Eriksson sich zu wundern, warum sie noch immer keine Regelblutung bekam. Ein Arzt stellte fest, dass sie ohne Gebärmutter geboren wurde. Sie würde nie selbst Kinder bekommen können, hieß es. Einige Jahre, mit Anfang 20, hörte sie von der Forschung des schwedischen Arztes Mats Brännström. Er arbeitete seit Jahren an einer Methode, Gebärmütter zu transplantieren.

"Deine einzige Chance"

Als sie ihrer Mutter Marie Eriksson in Stockholm von dem Projekt erzählte, sagte diese: "Ich bin so alt, ich brauche meine Gebärmutter nicht mehr. Das ist deine einzige Chance, ein Kind zu bekommen. Du solltest sie nutzen."

Emelie meldete sich bei Brännström, und nach einigen Tests wurden sie und ihre Mutter in die Pilotstudie aufgenommen. Ihr Ehemann, Daniel Chrysong, überzeugte sich durch einen Besuch bei Brännström, dass der kein irrer Forscher war. Aber er hatte trotzdem Zweifel, dass es gelingen würde. "Ich dachte, es wäre wahrscheinlicher, dass wir im Lotto gewinnen", erzählt er.

Erst in der Nacht vor der Operation habe sie erstmals Angst gehabt, erzählt Emelie. Ihre Mutter hatte schreckliche Furcht vor der Narkose. "Was ist, wenn Mutter diese Operation durchstehen muss, aber das alles nicht klappt?"

Tatsächlich war die Operation extrem aufwendig. Die Ärzte mussten die Gebärmutter ja so entnehmen, dass diese möglichst keinen Schaden nahm. Doch der Eingriff glückte. Zwar hatte Emelie in den folgenden Monaten zweimal leichte Abstoßungsreaktionen, aber die waren mit Medikamenten in den Griff zu bekommen.

Ein Jahr nach dem Eingriff pflanzten Ärzte ihr eine befruchtete Eizelle ein. Die In-vitro- Fertilisation klappte sofort, sie wurde schwanger und bekam schließlich ihren Sohn.

Neun Patientinnen hatte Brännström in seine erste Pilotstudie aufgenommen. Sie alle brachten wie Emelie eine Spenderin mit, in den meisten Fällen ihre Mutter. Inzwischen sind fünf Babys zur Welt gekommen, eine Frau soll ihr Kind Anfang 2017 bekommen.

Zwei Teilnehmerinnen der Studie hatten stärkere Abstoßungsreaktionen, weshalb es nötig war, bei ihnen die Gebärmutter wieder zu entfernen. Generell ist das Verfahren so angelegt, dass die Frauen das Organ nur so lange behalten, bis ihre Familienplanung abgeschlossen ist. Danach wird es entnommen, damit sie nicht weiter Medikamente schlucken müssen, die alle Organempfänger einnehmen müssen.

Möglich wurde dieser medizinische Fortschritt nur durch Tierversuche, sagte Brännström SPIEGEL ONLINE.

Zuerst hatte sein Team bei Mäusen untersucht, ob die Transplantation überhaupt machbar ist. Anschließend entwickelten sie die Prozedur bei Schweinen, Schafen und schließlich bei Pavianen.

Weil Experimente an nicht-menschlichen Primaten in Schweden verboten sind, führten sie die Operationen an Pavianen in Kenia durch. Fast 20 Mal reiste das Team für die Experimente nach Nairobi. Insgesamt experimentierten die Forscher gut zehn Jahre an Tieren, ehe sie die Pilotstudie starteten, an der Emelie teilnahm.

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Zu diesem Zeitpunkt gab es einigen Gegenwind. Kritiker betonten etwa, dass die Gebärmutter-Spenderinnen durch die Operation einem Risiko ausgesetzt werden, ohne dass sie selbst einen medizinischen Nutzen hätten. Brännström hofft tatsächlich, dass es in Zukunft möglich sein wird, die benötigten Organe aus Zellen der Patientinnen zu züchten.

Inzwischen arbeiten Ärzte auch in Deutschland und den USA daran, die Methode an anderen Standorten zu etablieren.

Emelie Eriksson sagt, sie wolle ihrem Sohn später genau erklären, wie er geboren wurde. Und über den Arzt Mats Brännström meint sie: "Er ist mein Held. Ich glaube, ich kann mich gar nicht genug bei ihm bedanken. Er hat es mir ermöglicht, ein Kind zu bekommen."

Maria Cheng, AP/wbr



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