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02. Dezember 2014, 08:18 Uhr

Geplante Geburt

Erst die Wehen, dann der Kaiserschnitt

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Immer mehr Frauen entbinden per geplantem Kaiserschnitt. Die werdenden Mütter erhoffen sich eine entspanntere Entbindung, die Kliniken können besser planen. Aber liegt der Termin zu früh, kann es gefährlich für die Kinder werden.

"Stellen Sie sich vor, Sie wohnen im zweiten Stock eines Hauses und schlafen. Plötzlich reißt Sie jemand aus dem Bett und schmeißt Sie aus dem Fenster in einen Pool. Sie werden nach Luft schnappen und irgendwie klarkommen. So ist für Kinder eine geplante Kaiserschnittgeburt." Wolf Lütje wählt einen drastischen Vergleich, weil ihm der leichtfertige Umgang mit geplanten Kaiserschnitten Sorgen bereitet. "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden", sagt der Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe am Amalie-Sieveking-Krankenhaus in Hamburg.

In Deutschland kam 2013 knapp jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt, im Jahr 2000 war es noch rund jedes fünfte - allerdings ist die Rate im vergangenen Jahr erstmals leicht rückläufig gewesen. Etwa die Hälfte dieser Kaiserschnitte ist geplant, schätzt Lütje, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Geburtshilfe und Gynäkologie ist. Das heißt: Die Klinik legt einen Termin für die Schnittentbindung fest, weil die Eltern einen Kaiserschnitt wünschen oder weil er medizinisch notwendig erscheint.

Häufig liegt dieser Termin zwei oder mehr Wochen vor dem errechneten Tag der Geburt. Manchmal gibt es medizinische Gründe dafür. Ein früher Termin gibt jedoch vor allem Planungssicherheit. Mit zunehmendem Abstand zum errechneten Geburtstermin sinkt das Risiko, dass die Frau plötzlich mit Wehen in die Klinik kommt, spontan operiert werden muss und die Organisation auf den Geburtsstationen durcheinander bringt.

Leidtragende sind die Kinder. Der ideale Zeitpunkt für einen geplanten Kaiserschnitt liege am Beginn der 40. Schwangerschaftswoche (39+0 SSW), erklärt Mechthild Groß, Leiterin der AG Hebammenwissenschaft an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Kinder, die vor diesem Zeitpunkt entbunden werden, leiden häufiger an Anpassungsstörungen." Das sind Atemprobleme, eine Unterzuckerung oder weitere Komplikationen, die zu einer Verlegung auf eine Kinderintensivstation führen können, ergab eine Studie (siehe Kasten).

Warum sind die letzten Wochen im Mutterleib so entscheidend? Zum einen, weil es immer enger wird - das Kind geht dann in eine Beugeposition. "Das ist wichtig, um durch den Geburtskanal zu kommen", erklärt Groß. "Es führt auch dazu, dass sich der Brustkorb zusammenpresst und Fruchtwasser aus der Lunge gedrückt wird."

Ganz anders bei einem Kind in der 37. Schwangerschaftswoche, das noch mehr Platz im Bauch hat - keine Beugeposition, kein Rauspressen des Fruchtwassers. Wird das Kind in dieser Situation entbunden, "hat es maximalen Stress, die Flüssigkeit heraus und Luft in die Lunge zu bekommen", erklärt Groß. Sehr oft müssten die Geburtshelfer schnell das Fruchtwasser absaugen, damit das Kind Luft holen kann. Oder die Kinder benötigen eine Atemhilfe. "Es ist frappierend, wie deutlich die Eingriffe abnehmen, wenn mit dem Kaiserschnitt gewartet wird", so Groß.

Einiges spricht dafür, den Schnitt erst bei Wehenbeginn zu setzen. "Es gibt die Hypothese, dass das Kind das Signal gibt: 'Ich bin reif, geboren zu werden'", sagt Maria Beckermann, Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF). Kindliche und mütterliche Hormone würden dafür sorgen, dass die Geburt beginnt: Wehen setzen ein, oder es kommt zum Blasensprung. Die Hormone bereiteten den kindlichen Kreislauf darauf vor, bald auf eigenständige Atmung umzustellen, so Groß. "Dieser Mechanismus findet ohne Wehen nur sehr eingeschränkt statt."

Aber können Schwangere, die aus medizinischen Gründen einen Kaiserschnitt benötigen, auf die Wehen warten? Manche Frauen müssten sich tatsächlich beeilen, sagt Beckermann: "Bei einem Kind in Steißlage beispielsweise ist es wichtig, dass sich die Frau mit Wehenbeginn sofort meldet, damit der Kaiserschnitt schnell gemacht wird."

Chefarzt Lütje plant nur noch ein Drittel der Kaiserschnitte in seinem Krankenhaus im Voraus - und "sehr oft auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern". Bei allen anderen wartet er den Geburtsbeginn ab. In zehn Jahren habe es höchstens einen Fall gegeben, bei dem es schneller gehen musste als gedacht. "Alle anderen liefen wie geplant." Das heißt zwar, dass mehr Kaiserschnitte in die Nacht fallen und Bereitschaftsärzte gerufen werden müssen. Doch Lütje ist überzeugt: "Für die Kinder ist es besser, wenn sie aus dem Geburtsverlauf heraus geboren werden."

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