Besonders hohes Risiko Frauenärzte rufen Schwangere zur Grippeimpfung auf

Die Grippewelle wird dieses Jahr zurückkommen, in diesem Punkt sind sich Fachleute einig. Da Schwangere ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, sollten sie sich impfen lassen.
Schwangere ohne Vorerkrankungen sollten ab dem zweiten Trimester geimpft werden, alle anderen auch schon im ersten Trimester

Schwangere ohne Vorerkrankungen sollten ab dem zweiten Trimester geimpft werden, alle anderen auch schon im ersten Trimester

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Milos Jokic / Getty Images

Erwarten Frauen ein Kind, ist ihr Immunsystem ein Stück weit heruntergefahren. Das schützt davor, dass der Körper den Embryo als fremd einstuft und attackiert. Gleichzeitig macht es die werdende Mutter jedoch anfälliger für Infektionen. Manche Erreger, die bei Frauen in ihrem Alter sonst vor allem unangenehme Beschwerden hervorrufen würden, werden dadurch zur Gefahr. Dazu zählt auch das Grippevirus.

Diesen Herbst ist es für Schwangere laut Experten besonders wichtig, sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Nach der quasi ausgefallenen Grippewelle vergangene Saison sei in diesem Jahr wieder mit mehr Erkrankten zu rechnen, sagt Cornelia Hösemann aus dem Vorstand des Berufsverbands der Frauenärzte. »Denn das Immunsystem muss erst wieder trainiert werden. Außerdem fällt bei 2G- oder 3G-Regelungen die Pflicht zum Tragen der Maske weg, sodass Infektionen, die über Tröpfchen verbreitet werden, generell wieder mehr vorkommen werden.«

Schwangere sind laut der Medizinerin besonders gefährdet, wenn sie sich mit bestimmten Krankheitserregern anstecken: »Eine echte Influenza in der Schwangerschaft kann lebensbedrohlich sein«, sagt Hösemann, die auch Mitglied in der Sächsischen Impfkommission (Siko) ist. Der Berufsverband der Frauenärzte warnt zudem vor möglichen stärkeren Fieberattacken und heftigeren Lungenentzündungen durch das Grippevirus sowie vor Einweisungen ins Krankenhaus und auf die Intensivstation. Bei schweren fieberhaften Infektionen steige generell die Gefahr für frühzeitige Wehen und eine Frühgeburt, heißt es.

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt zum Impfen

Die Grippewelle beginnt in der Regel erst nach dem Jahreswechsel im Januar. Geimpft werden sollte – falls möglich – jedoch schon im Oktober oder November. Dadurch hat der Körper ausreichend Zeit, einen Schutz aufzubauen. Außerdem steigt das Risiko für Infektionen schon vor Beginn der Grippewelle an.

Frauen mit chronischen Vorerkrankungen wie Asthma oder Diabetes empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), sich bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel impfen zu lassen. Frauen ohne Vorerkrankung wird die Impfung erst ab dem zweiten Trimester empfohlen – eine reine Vorsichtsmaßnahme, wie Hösemann sagt.

In ihrer Praxis in Großpösna bei Leipzig werde seit Ende September gegen Grippe geimpft, berichtet Hösemann. Teils bekämen Schwangere gleichzeitig auch den Piks gegen Covid-19, wenn sie diesen nicht schon früher erhalten hatten. Die Stiko empfiehlt seit Mitte September allen nicht oder nicht vollständig gegen Corona geimpften Schwangeren die Immunisierung mit einer mRNA-Vakzine. Die Sächsische Impfkommission hatte sich bereits im Mai für diesen Schritt ausgesprochen.

Nach der früheren Impfempfehlung in Sachsen seien impfwillige Frauen auch aus anderen Bundesländern in ihre Praxis gefahren, erzählt Hösemann. Inzwischen erhalte sie Babyfotos und Dankesbriefe dieser Frauen. In manch anderen Ländern wie Israel und den USA konnten sich Schwangere noch früher immunisieren lassen – während sich viele Ärzte in Deutschland ohne Stiko-Empfehlung dagegen entschieden.

Coronaimpfung: Unsicherheiten nehmen

Trotz der mittlerweile großen Erfahrung mit der Coronaimpfung bekommt Hösemann häufig mit, dass Frauen noch unsicher oder falsch informiert sind. Hat eine Frau sich nicht impfen lassen, fragt die Ärztin nach den Gründen. »Bei den Schwangeren bei uns in der Praxis war etwa die Hälfte schon vorher gegen Covid-19 geimpft, die andere Hälfte hatte die Schwangerschaft geplant und die Impfung deshalb erst einmal nicht machen lassen. Dieses Abwarten wäre natürlich nicht notwendig gewesen.«

Wegen des mRNA-Impfstoffs müsse man sich keine Sorgen machen, betont Hösemann. Viele Frauen hätten irgendwo aufgeschnappt, dass die Impfung angeblich unfruchtbar mache (Warum diese Angst unbegründet ist, lesen Sie hier). Auch das Robert Koch-Institut (RKI) erklärt mittlerweile auf seiner Webseite , warum diese Behauptungen falsch ist.

Manche Menschen glaubten auch, Impfungen in der Schwangerschaft seien generell schädlich für das Ungeborene, sagte Hösemann. Tatsächlich sollen Lebendimpfstoffe wie gegen Masern, Mumps und Röteln in der Schwangerschaft nicht verabreicht werden. Bei sogenannten Totimpfstoffen jedoch, die abgetötete, nicht vermehrungsfähige Erreger oder sogar nur bestimmte Bestandteile der Erreger enthalten, gebe es keine Bedenken.

Die Impfreaktionen seien gering, sagte die Ärztin. »Impfen in der Schwangerschaft ist nichts grundsätzlich Gefährliches. Manche Impfungen sollten nach Beratung unbedingt gemacht werden.«

Grund für das erhöhte Risiko von Schwangeren bei Krankheiten wie Grippe, Keuchhusten und Covid-19 sei vor allem das Immunsystem, erklärt auch Hösemann. Es sei gedrosselt, da es sich sonst gegen das Ungeborene richten würde. Die Sauerstoffaufnahme der Mutter sei zudem lebensnotwendig für das Kind. Ist die Atmung der Schwangeren etwa durch eine Lungenerkrankung beeinträchtigt, schädige dies auch das Kind.

Ein wichtiges Argument für Impfungen in der Schwangerschaft ist zudem, dass die Antikörper über die Plazenta an das Kind weitergegeben werden. Dadurch verfügen die Neugeborenen im ersten halben Jahr nach der Geburt über einen sogenannten Nestschutz. Auch das Stillen trägt dazu bei.

irb/dpa
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