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Wenn Schwangere Zuhause gebären: Traum oder Desaster?

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Streit um Hausgeburten Kuschelatmosphäre plus High-Tech-Medizin

Für die meisten Schwangeren ist klar: Sicherheit geht vor - das Baby kommt im Krankenhaus zur Welt. Aber wie gefährlich ist eine Entbindung außerhalb der Klinikmauern? Studien lassen viel Raum für Interpretation. Klinikärzte setzen sich jetzt für mehr "Wellness während der Geburt" ein.

In Kreißsaal 4 der Münchner Universitätsklinik Großhadern scheint das Sonnenlicht warm durch die gelben Vorhänge. Ein buntes Tuchseil baumelt von der Decke, vor der Sprossenwand steht der Maja-Hocker für die Geburt bereit. Akupunktur, Akupressur, Globuli und Bachblüten - die Angebotspalette aus dem Reich der natürlichen Medizin ist groß. Die Schwangeren dürfen hier ätherische Öle für eine Duftlampe auswählen und es sich mit ihrer Lieblingsmusik kuschelig machen. Nur das Krankenbett und die Hochglanz-Fliesen am Boden erinnern die Gebärenden daran, dass sie in einem Krankenhaus sind - der OP ist gleich nebenan. "Wir holen das Wohnzimmer in die Klinik", sagt Heike Wolff, leitende Hebamme im Kreißsaal.

Klaus Friese nennt sein Konzept "Private Atmosphäre während der Geburt in einer sicheren Umgebung". Wie viele andere Geburtshelfer im Krankenhaus versucht auch der Leiter der Universitäts-Frauenklinik in München eine schwierige Grätsche: Er will Wohlfühloase und High-Tech-Medizin miteinander kombinieren, Intimsphäre mit einer medizinischen Mannschaft für den Notfall vereinbaren.

"Eine Hausgeburt kann in einem Desaster enden"

Die Zahl der Kinder, die hierzulande jährlich außerhalb von Krankenhäusern zur Welt kommen, liegt seit Jahren etwa zwischen 10.000 und 12.500. Wie viele es tatsächlich sind, kann nur geschätzt werden, es gibt dafür kein Register. Rechnet man mit Zahlen des statistischen Bundesamts, so kamen 2010 von insgesamt 667.947 Kindern genau 11.463 außerhalb einer Klinik zur Welt. Mindestens 10.721 davon waren als außerklinische Geburten geplant, das belegt der Qualitätsbericht 2010 der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (Quag). 

In den Augen von Klaus Friese hätten alle 11.463 Geburten in Krankenhäuser gehört. "Jede unkomplizierte Schwangerschaft kann in einer Notfallsituation enden", sagt Friese. "Es kann zu unstillbaren Blutungen bei der Mutter kommen oder zu Atemproblemen beim Kind." Nur in einer Klinik, so der Geburtshelfer, könne unmittelbar ein Notkaiserschnitt vorgenommen oder eine Blutung gestoppt werden. "Eine Hausgeburt kann gut gehen, sie kann aber auch in einem Desaster enden", meint Friese, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) ist.

Viele Hebammen sehen das anders. Sie argumentieren, dass sie für die außerklinische Geburt eine genaue Vorauswahl treffen: Nur mit gesunden Schwangeren, bei denen keine Komplikationen erwartet werden, planen sie eine Geburt außerhalb der Klinikmauern. "Es gibt viele Frauen, die nicht in ein Krankenhaus mit all seinen Apparaten wollen", sagt Hausgeburtshebamme Susanne Schäfer, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands. "In der häuslichen Umgebung kann ich Ängste nehmen und eine Schwangere individuell bei dem natürlichen Vorgang der Geburt begleiten."

Weniger Verletzungen und Schmerzmittel bei außerklinischen Geburten

Beide Seiten stützen sich bei ihren Aussagen auf wissenschaftliche Daten. Das Kuriose dabei: Es sind dieselben Untersuchungen, die sowohl Klinikverfechter als auch Hausgeburtshebammen als Grundlage für ihre Argumentation verwenden. 2011 wurden eine Studie aus Großbritannien und die Ergebnisse eines Pilotprojektes aus Hessen  publiziert, die reichlich Zündstoff lieferten.

Die im renommierten "British Medical Journal" (BMJ) veröffentliche Erhebung  aus Großbritannien hat die Geburtsdaten von rund 57.000 Frauen und ihren Babys erfasst. 17.000 von ihnen bekamen ihre Kinder zu Hause, 10.000 in einem Geburtshaus und 30.000 in einer gynäkologischen Klinik. Insgesamt gab es bei 4,3 von 1000 Fällen kindliche Komplikationen wie Hirnschäden, Knochenbrüche oder den Tod während oder kurz nach der Geburt. Diese Probleme traten hinsichtlich der verschiedenen Geburtsorte überall gleich häufig auf. Die Autoren folgern im "BMJ": "Gesunde Frauen ohne Schwangerschaftsrisiken sollten bei der freien Wahl des Geburtsorts unterstützt werden."

Mit Blaulicht ins Krankenhaus

Hebammenverbände sehen ihren Kurs pro Hausgeburt oder Geburtshaus durch diese Ergebnisse bestätigt. Ein weiteres Argument: Die Untersuchung belegt, dass Frauen außerhalb der Klinik weniger Schmerzmittel bekommen und bei ihnen seltener Riss- oder Schnittverletzungen des Damms auftreten. Die Gynäkologen hingegen verstehen diese Resultate als logische Folge der Auslese: Es verzerre das Ergebnis, ein Kollektiv von Schwangeren ohne Geburtsrisiken mit einer Gruppe von Frauen zu vergleichen, die auch Frühgeburten und Hoch-Risiko-Geburten umfasste. DGGG-Präsident Friese: "Frauen, die sich für eine außerklinische Geburt entscheiden, lassen sich bewusst auf einen Verzicht auf medikamentöse Unterstützung ein."

Der Berufsverband Deutscher Frauenärzte hält in einer Stellungnahme  vom 31. Oktober 2011 fest: "Die Geburt ist als natürlicher, gleichwohl aber höchst gefährlicher Zeitpunkt im Leben des Menschen anzusehen. Minuten entscheiden über Gesundheit, Krankheit oder Tod, weshalb die klinische der Hausgeburt unbedingt vorzuziehen ist."

Auch die Gynäkologen sehen ihre Position durch die BMJ-Studie gerechtfertigt - aus einem ganz anderen Grund: Der Untersuchung zufolge werden bis zu 45 Prozent der Erstgebärenden, die sich für eine Geburt außerhalb eines Krankenhauses entschieden, während der Geburt notfallmäßig in eine Klinik verlegt. Bei Mehrgebärenden waren es immerhin neun bis 13 Prozent. Der Qualitätsbericht der Hebammen untermauert die Ergebnisse: In Deutschland wird demnach mehr als jede sechste Frau während der Geburt in die Klinik gebracht.

Wenn kostbare Minuten verstreichen

"In dieser Zeit verstreichen kostbare Minuten für das Kind", meint Friese. In Geburtskliniken sollen nicht mehr als 20 Minuten vergehen von der Entscheidung zu einem Notkaiserschnitt bis zur Geburt. "Selbst das ist manchmal noch zu lang", sagt Friese, "eine Garantie auf ein gesundes Kind können auch wir nicht geben." Auch Hebamme Susanne Schäfer meint: "Eine Notverlegung kann für eine Frau traumatisch sein." Dass sich diese heiklen Transporte allerdings auf die Todesfallrate auswirken, hat bislang keine Untersuchung in Deutschland gezeigt.

Was Wissenschaftlern fehlt, ist eine große Studie mit aussagekräftigen Ergebnissen. Klinikverfechter argumentieren daher mit Daten aus dem Ausland: Die Niederlande haben eine lange Tradition von Hausgeburten und Entbindungen in Hebammenzentren. Eine Vergleichstudie  hat dort kürzlich jedoch gezeigt, dass Kinder mit einem geringen Geburtsrisiko, die unter der Aufsicht von Hebammen zur Welt kommen, ein mehr als doppelt so hohes Risiko haben, um den Geburtstermin herum zu sterben wie Babys mit einem hohen Geburtsrisiko, deren Entbindung von einem ärztlichen Geburtshelfer geleitet wird. Allerdings könnten auch andere Faktoren, die nicht herausgerechnet wurden, die Ergebnisse beeinflussen. Dennoch findet derzeit eine Trendwende statt: Entschied sich bis vor kurzem noch knapp jede dritte Schwangere in den Niederlanden für eine Entbindung außerhalb einer Klinik, ist es heute nur noch jede fünfte.

Auch Portugal und Norwegen werden von Ärzten gern als Musterbeispiele genannt: Sowohl im Süden als auch im Norden Europas gibt es praktisch keine Hausgeburten mehr - vor, während oder kurz nach der Geburt sterben dort deutlich weniger Kinder als in anderen europäischen Ländern. Die Kehrseite der Medaille: Mit einer Kaiserschnittrate von 33 Prozent und 12 Prozent Zangen- und Saugglockengeburten liegt Portugal  weit vorn im Europavergleich.

In Deutschland zeichnet sich derweil ein Mittelweg ab - jede Frau soll auch weiterhin selbst den Geburtsort für ihr Kind aussuchen können. Heike Wolff, die leitende Hebamme aus München, bringt die unterschiedlichen Ziele auf den Punkt: "Die Kliniken streben nach Wohlfühlcharakter in der Krankenhaus-Maschinerie, die Geburtshäuser bemühen sich um Qualitätssicherung in ihrer Versorgung."