Gefährliche Delta-Variante Coronarisiko für Schwangere laut britischer Studie gestiegen

Eine Untersuchung an 3300 Frauen deutet darauf hin, dass Schwangere heute häufiger schwer an Covid-19 erkranken als noch vor einem Jahr. Impfungen aber scheinen auch sie gut zu schützen.
Bauch einer hochschwangeren Frau (Symbolbild)

Bauch einer hochschwangeren Frau (Symbolbild)

Foto: Pierre Ogeron / Getty Images

Sollten Schwangere gegen Corona geimpft werden oder nicht? Die Antwort auf diese Frage hängt nicht nur von möglichen Risiken durch die Impfung ab, sondern auch davon, wie gefährlich Covid-19 für Schwangere ist. Eine britische Studie liefert nun neue Erkenntnisse. Sie legt nahe, dass die Corona-Gefahr für werdende Mütter im Laufe der Pandemie gestiegen ist.

Die leitende Hebamme des englischen Gesundheitsdienstes Jacqueline Dunkley-Bent nahm die Untersuchung zum Anlass, schwangere Frauen zum Impfen aufzurufen. In einem Brief  appellierte sie an Hebammen und Ärztinnen, Frauen zum Impfen zu ermutigen, um sich und ihr Baby zu schützen.

Was hat es mit dieser Studie auf sich?

Heute mehr schwere Erkrankungen als vor einem Jahr

Für die vorveröffentlichte Untersuchung  hatte ein Forscherteam die Daten von mehr als 3300 schwangeren Frauen analysiert, die zwischen März 2020 und Juli 2021 mit einer Coronainfektion in Großbritannien im Krankenhaus behandelt wurden. Zum Teil war nur die Geburt Anlass des Krankenhausaufenthaltes, zum Teil die Covid-Erkrankung. Bei der Auswertung zeigte sich, dass im Laufe der Pandemie und mit der Ausbreitung neuer Varianten der Anteil der Schwangeren mit schweren Covid-Verläufen deutlich zunahm.

Da nicht bei jeder Frau analysiert wurde, mit welcher Variante sie sich infiziert hatte, orientierten sich die Forschenden bei ihrer Auswertung am Zeitpunkt der Infektion:

  • Alle Fälle zwischen dem 1. März und dem 30. November 2020 ordneten sie der Ursprungsvariante zu;

  • alle Fälle zwischen dem 1. Dezember 2020 und dem 15. Mai 2021 der Alpha-Variante und

  • alle Fälle zwischen dem 16. Mai und dem 11. Juli 2021 der Delta-Variante.

Während zu Beginn der Pandemie nur 24 Prozent der in der Klinik liegenden Schwangeren unter einer moderaten bis schweren Covid-19-Erkrankung litt, stieg der Anteil in der Zeit der Alpha-Variante auf 36 und in der Zeit der Delta-Variante auf 45 Prozent. Ab der Verbreitung der Alpha-Variante benötigten Frauen zudem häufiger Unterstützung beim Atmen, entwickelten häufiger Lungenentzündungen und mussten häufiger auf der Intensivstation behandelt werden. Mit der Delta-Variante stieg der Anteil der Betroffenen mit einer Lungenentzündung noch mal an, schreibt das Forscherteam um Nicola Vousden von der University of Oxford.

Unter den Erkrankten war keine Frau, die doppelt geimpft war. Nur vier von mehr als 700 Frauen, von denen der Impfstatus bekannt war, hatten eine von zwei Spritzen erhalten. Daneben berücksichtigten die Forschenden bei der Analyse auch den Einfluss von Vorerkrankungen wie Asthma oder Diabetes auf das Krankheitsrisiko. Dabei fiel auf, dass während der gesamten Pandemie der Großteil der betroffenen Frauen übergewichtig oder adipös war.

Trotz der umfangreichen Daten lassen sich Verzerrungen der Ergebnisse nicht ausschließen. So ist denkbar, dass sich die Behandlung der Schwangeren im Verlauf der Pandemie gewandelt hat und etwa aufgrund der hohen Auslastungen der Kliniken während der Alpha-Welle nur schwerere Fälle in die Klinik aufgenommen wurden. Das würde allerdings nicht erklären, warum die Werte während der Delta-Ausbreitung ebenfalls hoch blieben.

»Keine geimpfte Frau wurde ins Krankenhaus eingeliefert«

»Das ist eine wichtige Studie«, sagte Andrew Shennan, Professor für Geburtshilfe am King’s College London, der nicht an der Untersuchung beteiligt war, dem britischen »Science Media Center« . Die Datenbasis sei sehr glaubwürdig. »Keine geimpfte Frau wurde ins Krankenhaus eingeliefert, das unterstreicht die Bedeutung der Impfung auch in der Schwangerschaft.«

In Großbritannien wird die Coronaimpfung seit Mitte April allen schwangeren Frauen empfohlen. In Deutschland hingegen existiert bislang keine generelle Impfempfehlung für Schwangere. Noch seien zu wenige Daten verfügbar, begründet die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Vorsicht. Aktuell zieht sie eine Coronaimpfung nur für werdende Mütter in Betracht, die ein erhöhtes Ansteckungsrisiko oder etwa aufgrund von Vorerkrankungen ein hohes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben.

Auch die medizinischen Fachgesellschaften werben dafür, Schwangere nicht grundsätzlich von Impfprogrammen auszuschließen. »Insbesondere Schwangeren mit Vorerkrankungen, einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 oder hohem Expositionsrisiko gegenüber einer Sars-CoV-2-Infektion kann die Impfung nach Nutzen-Risiko-Abwägung und nach ausführlicher Aufklärung angeboten werden«, heißt es in einer Stellungnahme  aus dem Februar.

Mittlerweile gehen die Fachgesellschaften noch einen Schritt weiter. In einem aktualisierten Papier  heißt es ohne Einschränkungen, etwa aufgrund von Vorerkrankungen: »In informierter partizipativer Entscheidungsfindung und nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen wird empfohlen, Schwangere priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen COVID-19 zu impfen.«

Die Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin  hat bis zum 29. Juli dieses Jahres 2686 schwangere Frauen registriert, die mit Covid-19 in einer deutschen Klinik aufgenommen wurden. 106 mussten auf der Intensivstation behandelt werden oder sind gestorben. Das Robert Koch-Institut  schätzt die Wahrscheinlichkeit grundsätzlich als gering ein, dass Schwangere mit Covid-19 auf der Intensivstation landen und beatmet werden müssen. Allerdings sei das Risiko höher als bei nicht schwangeren Frauen.

Anmerkung der Redaktion: Im Artikel wurde nachträglich eine Aktualisierung der Stellungnahme der Fachgesellschaften ergänzt, da sich diese mittlerweile eher für eine generelle Impfung von Schwangeren aussprechen.

irb
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.