Kaiserschnitt Mutter zieht ihr Kind selbst aus dem Bauch

In Bad Oeynhausen hat eine Gebärende beim Kaiserschnitt assistiert - zum ersten Mal in Deutschland: Oxana K. zog ihr Baby selbst aus ihrem Bauch. Experten warnen vor einer Verharmlosung der OP.

MKK

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Alles ist steril, als Oxana K. auf einem Krankenhausbett in den OP-Saal gerollt wird. Ihr Bauch wölbt sich unter einem Laken, in wenigen Minuten soll ihr Kind auf die Welt kommen. Die Kontrolle darüber muss sie an Ärzte abgeben, Routine in deutschen OP-Sälen. Fast jede dritte Geburt erfolgt per Kaiserschnitt. Trotzdem unterscheidet sich der Eingriff bei Oxana K. von denen bei Tausenden Müttern vor ihr. Sie soll nicht nur erleben, wie ihr Kind zur Welt kommt, sie soll mit anfassen.

Nachdem die Ärzte in ihren Bauch geschnitten und sich den Weg zu ihrem Baby gebahnt haben, senken sie das OP-Tuch, das der Mutter den Blick versperrt. Wie auf einem Video zu sehen ist, hebt der Chefarzt das Baby aus der Gebärmutter, bis nur noch die Beinchen im Bauch stecken. Dann greift auch Oxana K. mit beiden Händen nach ihrem Kind, zieht es das letzte Stückchen auf die Welt. Ein Schrei ertönt, Eric Maximilian, 4100 Gramm, 57 Zentimeter ist geboren.

Idee aus Australien, erstes Mal in Deutschland

Die Idee, die Mutter beim Kaiserschnitt assistieren zu lassen, stammt aus Australien. Dort hatte ein Arzt die Methode Anfang des Jahres zum ersten Mal praktiziert. Nachdem Manfred Schmitt, Chefarzt im Krankenhaus Bad Oeynhausen davon erfuhr, begann er nachzudenken. "Wir haben das im Kollegenkreis und mit unseren Hebammen einfach mal fachlich diskutiert und fanden außer einem gewissen unbehaglichen Gefühl keine nachhaltigen Gründe für unsere Skepsis", sagt der Leiter der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe laut einer Mitteilung.

Andere bewerten die Methode, die nach Angaben des Krankenhauses deutschlandweit zum ersten Mal zum Einsatz kam, deutlich kritischer. "Das Vorgehen ist in keinem Fall mit medizinischen Begründungen zu rechtfertigen", schreibt Ekkehard Schleußner, Direktor der Abteilung für Geburtshilfe des Universitätsklinikums Jena. "Spezielle Risiken sehe ich durch ein viel höheres Risiko für Infektionen."

Dies gilt vor allem für die Mutter. Bei einem Kaiserschnitt dürfen - wie bei allen Operationen - auf keinen Fall Erreger in die Wunde gelangen. Aus diesem Grund trug Oxana K. bei dem Eingriff OP-Handschuhe, ihre Arme waren mit sterilen Auflagen abgedeckt. "Ein Haut-zu-Haut-Kontakt zu dem Kind war nicht möglich", sagt Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité. "Auch konnte das Kind aufgrund der Infektionsgefahr nicht direkt auf die Brust, sondern nur auf Tücher gelegt werden."

Methode in Berlin: die Kaisergeburt

Der Experte zweifelt deshalb daran, dass das Mitanpacken der Mutter wirklich etwas bringt. Henrich praktiziert selbst seit Anfang 2012 eine Methode, die er Kaisergeburt getauft hat und ihren Ursprung ebenfalls in Australien hat. Dabei entfernt der Geburtsmediziner das gespannte OP-Tuch, kurz bevor er das Baby aus dem Bauch der Mutter hebt.

Die Eltern können zuschauen, wie zuerst das Köpfchen zum Vorschein kommt. Dann darf die Mutter mitpressen, das Kind verlässt die Gebärmutter langsamer als beim normalen Kaiserschnitt."Wenn er möchte, kann der Vater dann mit einer sterilen Schere die Nabelschnur durchschneiden", sagt Henrich. Anschließend übergibt er das Neugeborene einer Hebamme, die es zum direkten Haut-zu-Haut-Kontakt auf den Oberkörper der Mutter legt. Der Sichtschutz wird wieder hochgezogen, während der Arzt die Plazenta entnimmt und die Wunde verschließt.

Beide Methoden sollen die Geburt trotz Operation zum Erlebnis machen. Der Jenaer Geburtsmediziner Schleußner zweifelt jedoch daran, dass sie die Bindung der Mutter zum Kind erhöhen können. "Schon heute wird Frauen mit einer lokalen Betäubung das Kind direkt nach der Entwicklung auf die Brust gelegt, wenn es denn fit ist", schreibt er - und warnt davor, den Eingriff zu verharmlosen.

Der Wunsch zum Kaiserschnitt

"Ein Kaiserschnitt ist immer die zweitbeste Methode, ein Kind zu bekommen", schreibt Schleußner. "Er sollte wie jede Operation nur durchgeführt werden, wenn es medizinische Gründe dafür gibt. Alles andere ist Wunschmedizin." Zu den Risiken für die Mutter - etwa durch die Narkose, Blutungen bei der OP und Infektionen bei der Wundheilung - kommt, dass Kinder nach Kaiserschnitten häufiger allergische Erkrankungen und Diabetes entwickeln.

Trotz der größeren Infektionsrisiken geht Schleußner davon aus, dass der Kaiserschnitt zum Mitmachen Nachahmer finden wird. "Bei der vorhandenen Konkurrenz unter den Frauenkliniken als Folge der Ökonomisierung des Gesundheitswesens werden sicher weitere Ärzte dem Wunsch von Schwangeren danach Folge leisten."

Beim ersten deutschen Fall ist es gut gegangen. "Mutter und Kind geht es hervorragend", sagt der Bad Oeynhauser Chefarzt Schmitt. Und fügt selbst hinzu: "Das ist das Wichtigste."

Kaiserschnitt
    Es gibt nur wenige medizinische Indikationen für einen Kaiserschnitt. Etwa wenn das Kind quer zur Längsachse der Mutter liegt und eine natürliche Geburt unmöglich macht. Oder wenn der Mutterkuchen vor dem Muttermund liegt. Solche Konstellationen sind selten: Nur rund 1,4 Prozent aller Kaiserschnitte gehen auf eine Querlage zurück, ein Prozent auf die Fehllage der Plazenta, haben Gesundheitswissenschaftler ermittelt. Viel häufiger ist der Kaiserschnitt eine Option: Bei einer Beckenendlage, hohem Geburtsgewicht, Mehrlingsgeburten oder einem vorangegangenen Kaiserschnitt empfehlen viele Ärzte die Operation - zwingend notwendig ist sie nicht, auch wenn manche Kliniken das offenbar suggerieren. Anders lässt es sich kaum erklären, dass die Zahl der geplanten Kaiserschnitte deutschlandweit so stark schwankt: In Dresden kamen 2010 lediglich 5,7 Prozent aller Kinder durch einen geplanten Kaiserschnitt auf die Welt, im Kreis Tischenreuth (Bayern) waren es 32,51 Prozent.
Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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