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12. Oktober 2018, 01:31 Uhr

Studie

Jedes fünfte Kind kommt per Kaiserschnitt zur Welt

Der Anteil der Kaiserschnitt-Geburten ist in den vergangenen 15 Jahren weltweit deutlich gestiegen. Deutschland liegt über dem Durchschnitt, von Land zu Land gibt es gravierende Unterschiede.

Weltweit kommen immer mehr Babys per Kaiserschnitt zur Welt. Die Rate hat sich in den vergangenen 15 Jahren fast verdoppelt. Im Jahr 2015 wurden 21 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt geboren, im Jahr 2000 waren es lediglich zwölf Prozent, berichten Forscher in einer Artikelserie im Fachblatt "The Lancet".

Dabei zeige sich ein geteiltes Bild: Während viele Frauen in einkommensschwächeren Ländern und Regionen die teils lebensrettende Operation nicht erhalten, wird sie in zahlreichen Ländern mittleren und höheren Einkommens zu oft genutzt. Auch in Deutschland ist die Zahl der Kaiserschnitte der Auswertung zufolge seit 2000 stetig gestiegen. Sie lag 2015 bei gut 30 Prozent.

Bei Komplikationen rettet der Kaiserschnitt Leben

"In Fällen, in denen es Komplikationen gibt, retten Kaiserschnitte Leben, und wir müssen ihre Zugänglichkeit in ärmeren Regionen verbessern, sodass sie universell zur Verfügung stehen. Aber wir sollten sie nicht übermäßig nutzen", sagt die belgische Gynäkologin Marleen Temmerman, die die Artikelreihe verantwortet hat.

Experten schätzen, dass bei etwa 10 bis 15 Prozent der Geburten ein Kaiserschnitt medizinisch angezeigt ist, weil die Gesundheit oder das Leben von Mutter oder Kind gefährdet sind. Allerdings wird diese Zahl auch kritisiert. "Diese Rate ist nicht zielführend", sagt etwa Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité in Berlin. Die Ausgangssituation sei in einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und nicht vergleichbar. "In Deutschland und anderen westlichen Ländern gibt es in deutlich mehr Fällen gute Gründe für einen Kaiserschnitt."

Der Experte, der nicht an der aktuellen Studie beteiligt war, nennt unter anderem das steigende Alter von Frauen bei der Geburt, das häufigere Auftreten von Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes als medizinische Gründe. Zusätzlich stünden Ärzte vor einem rechtlichen Problem: Kommt es bei einer Geburt zu Komplikationen und Mediziner entscheiden sich zu spät zu einem Kaiserschnitt, dann ziehen manche Eltern vor Gericht. "Bei Komplikationen während der normalen Geburt wird der nicht oder zu spät durchgeführte Kaiserschnitt für den Geburtshelfer im Rechtsstreit zum Verhängnis", sagt Henrich.

Kaiserschnitt-Rate in China: zwischen 4 und 62 Prozent

Die Kaiserschnitt-Raten entwickelten sich laut einer der "Lancet"-Studien je nach Region sehr unterschiedlich. Während etwa im südlichen Afrika weniger als fünf Prozent der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt kämen, liege die Rate in manchen Teilen Lateinamerikas bei fast 60 Prozent. In Ländern, in denen die Operation sehr selten durchgeführt werde wie etwa dem Südsudan (0,6 Prozent) sei davon auszugehen, dass einige Frauen im Kindbett stürben, weil ihnen der Eingriff nicht zur Verfügung steht.

Von den 6,2 Millionen vermutlich unnötigen Eingriffen würde die Hälfte in China und Brasilien durchgeführt und hier insbesondere bei Schwangerschaften mit geringem Risiko oder bei Frauen, die bereits einen Kaiserschnitt hatten. Innerhalb dieser Länder gebe es aber große Unterschiede. So schwanke die Rate in China je nach Region zwischen 4 und 62 Prozent.

Chancen und Risiken eines Kaiserschnitts

Gibt es bei einer Geburt Komplikationen, erhöht ein Kaiserschnitt die Überlebenschance von Mutter und Kind. Zudem sinkt das Risiko von Inkontinenz oder einer krankhaften Senkung der Beckenorgane nach der Geburt.

Allerdings ist der Eingriff auch mit kurz- und langfristigen Risiken verbunden. In der Regel bedeutet ein Kaiserschnitt einen komplizierteren Heilungsprozess für die Mutter. Die mit ihm einhergehende Vernarbung der Gebärmutter kann unter anderem zu Blutungen führen oder Komplikationen in folgenden Schwangerschaften verursachen. Insgesamt bietet der Kaiserschnitt keine Vorteile, wenn es keine medizinische Indikation für ihn gibt.

Den Wunsch der Frau akzeptieren

"Obwohl so gut wie überall Einigkeit darüber besteht, dass der Einsatz von Kaiserschnitten in vielen Ländern über das vertretbare Maß hinaus gestiegen ist, gibt es bislang kaum fassbare Maßnahmen dagegen", bemängelt die Medizinerin Ana Pilar Betrán von der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Auch der deutsche Experte Henrich hält es für wichtig, intensiv für eine vaginale Geburt zu beraten. "Aber es ist ebenso wichtig, den Wunsch einer Frau nach einem Kaiserschnitt, aus welchen Gründen auch immer er besteht, zu respektieren und letztlich auch zu akzeptieren".

Zudem werde in der Diskussion häufig übersehen, dass auch die vaginale Geburt, so wünschenswert sie sei, Risiken mit sich bringe. Anders als vor einem Kaiserschnitt müssten Mediziner darüber vor einer Geburt nicht aufklären. "Die einseitige Aufklärung über die Risiken eines Kaiserschnitts und die möglichen Folgeschäden ist gegenüber einer mündigen Frau ungerecht."

wbr/dpa

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