Kinderwunsch als Streitfrage Ein bisschen schwanger geht nicht

Was wird aus der Beziehung, wenn sich ein Partner Kinder wünscht, der andere aber nicht? Ein Kompromiss ist unmöglich. Psychologen empfehlen deshalb, Klartext zu reden.
Kind, Mutter, Vater: Sind sich Partner über ihren Kinderwunsch nicht einig, zerbricht daran häufig die Beziehung

Kind, Mutter, Vater: Sind sich Partner über ihren Kinderwunsch nicht einig, zerbricht daran häufig die Beziehung

Foto: Jens Kalaene/ dpa

An manchen Tagen bringt Gabriele Koch ihr Beruf mehr Spaß, an anderen weniger. Heute musste sie drei Frauen beraten, die alle von ihrem Partner verlassen wurden, weil sie sich für ein Kind entschieden.

Regelmäßig begleitet die Schwangerschaftsberaterin der Caritas Halle Frauen bei schwierigen Entscheidungen. Sollen sie das Kind abtreiben, in der Hoffnung, den Partner zu halten, oder das Kind bekommen und riskieren, dass er geht?

Klärt ein Paar den Kinderwunsch nicht gemeinsam, kann die Beziehung daran zerbrechen. "Aus meiner Sicht gibt es keine Rettung einer Partnerschaft, wenn sich die Partner über den Kinderwunsch nicht einig sind", sagt Koch.

Gibt es eine Einigung, die einem der Partner den Verzicht auf Kinder abverlangt, wird es ebenfalls schwierig. "Wenn einer dem anderen zuliebe auf seinen Kinderwunsch verzichtet, ist das eine schwere Hypothek für eine Partnerschaft", sagt Paartherapeutin Bettina Jellouschek-Otto aus Ammerbuch.

Meist sind es die Männer, die zaudern

Im Durchschnitt bekommen Frauen ihr erstes Kind mit 31 Jahren. Oft wird der Kinderwunsch zum Streitthema. "Häufig gibt es Paare, bei denen einer sehr gern ein Kind will und der andere zögert oder ist entschieden dagegen", sagt Jellouschek-Otto. Meist sind es die Männer, die zaudern.

Sie fühlen sich häufig entweder zu jung oder zu alt für ein Kind, sagt Koch. Jellouschek-Otto bestätigt: "Männer sind oft weiter von dem rein biologischen Bedürfnis entfernt." Daher schieben sie das Thema gerne weg und tun sich schwerer, sich definitiv zu entscheiden.

Weitere Gründe gegen ein Kind sind der Verlust der Unabhängigkeit und die Angst vor Verantwortung, Verschlechterung der Beziehung oder der finanziellen Situation. "Auch unterschiedliche Einschätzungen der Partnerschaft, der beruflichen Entwicklung oder ungünstige Erfahrungen mit der eigenen Familie können vom Kinderwunsch abhalten", sagt Kaiser.

Doch der Kinderwunsch ist ein elementares Bedürfnis, das nicht beiseitegeschoben werden kann, sagt Jellouschek-Otto. "Es gibt in dieser Frage keine Kompromisse." Schließlich könne niemand "ein bisschen schwanger" werden.

Hohe Erwartungen infrage stellen

Irgendwann muss das Paar Klartext sprechen. "Und nicht nur einmal, sondern mehrmals", empfiehlt die Paartherapeutin. Wichtig ist, gegensätzlichen Bedürfnisse nicht abzuwerten: "Dir ist wohl das Kind wichtiger als ich!" und "Musst du schon wieder davon anfangen!" haben in diesen Gesprächen nichts verloren.

Kommt das Paar nicht weiter, kann es einen Zeitrahmen der Unentschiedenheit vereinbaren, beispielsweise ein halbes Jahr. In dieser Zeit kann sich jeder Gedanken zur Perspektive mit oder ohne Kind machen.

"Es kann helfen, mit Paaren zu sprechen, die Kinder haben", sagt Jellouschek-Otto. Sie können schildern, was am Alltag mit Kindern bereichernd, aber auch, was belastend ist.

Außerdem sollten die Partner zu hohe Erwartungen infrage stellen. "Die perfekte Mutter und den perfekten Vater gibt es nicht", sagt Jellouschek-Otto. Es reiche völlig, wenn beide gut genug sind. Sie empfiehlt unsicheren Paaren, sich dem Leben mit Unwägbarkeiten hinzugeben. "Kontrolle zu verlieren, löst Ängste aus, und ein Kind reduziert die Kontrollmöglichkeiten", räumt sie ein. Doch man lerne, im Hier und Jetzt zu leben und Vertrauen in sich, den Partner und das Kind zu entwickeln.

Ist eine Entscheidung gefallen, und der zögerliche Partner stimmt fürs Kind, sollte der andere nicht daran zweifeln. Sonst grenze man den Partner womöglich von Anfang an aus der Eltern-Kind-Beziehung aus.

Die fürsorgliche Seite entdecken

Außerdem könne eine halbherzige Zusage nach der Geburt durchaus eine überzeugte werden, sagt die Paartherapeutin. "Wenn das Kind erst mal auf der Welt ist, entdecken viele ihre fürsorgliche Seite", sagt Jellouschek-Otto.

Auch bei einer Entscheidung gegen Kinder sei es wichtig, dass beide dafür die Verantwortung übernehmen. "Wird der Verzicht allein dem aufgeladen, der sich zuerst gegen Kinder ausgesprochen hat, kann das zur Munition für jeden Streit werden, auch wenn es um andere Themen geht", sagt die Paartherapeutin.

Kommen die Partner nicht weiter, kann es helfen, gemeinsam mit einem Therapeuten über die Problematik zu sprechen.

Brigitte Vordermayer, dpa
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