Studienüberblick Wie schütze ich mein Baby vor dem plötzlichen Kindstod?

Babys sollten nicht im Elternbett schlafen, empfehlen Ärzte - so lasse sich das Risiko des plötzlichen Kindstods reduzieren. Aber ist das Bedsharing wirklich so schlimm? Studien zeigen, dass die größte Gefahr woanders liegt.
Mutter und Kleinkind im Bett: Wie schläft das Baby am sichersten?

Mutter und Kleinkind im Bett: Wie schläft das Baby am sichersten?

Foto: Corbis

Gefährde ich mein Baby, wenn ich es mit ins Elternbett nehme? Diese Frage stellen sich viele Mütter, die ihren Säugling nachts stillen wollen oder das Gefühl haben, dass die Nähe dem Kind guttut. Studien zufolge ist das Risiko des plötzlichen Kindstods (Sudden Infant Death Syndrom - SIDS) im Elternbett höher als im Babybett. Deshalb raten Kinderärzte vom sogenannten Bedsharing ab. Am sichersten sei das Baby nachts im Elternschlafzimmer, aber getrennt von der Mutter aufgehoben, sagt etwa die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin .

Untermauert wird die Empfehlung von mehreren Studien. Eine der meistbeachteten  legte 2013 ein internationales Forscherteam unter Leitung des Londoner Statistikers Robert Carpenter vor. Die Forscher werteten fünf frühere Studien mit insgesamt 1472 SIDS-Fällen und 4679 Kontrollfällen aus Großbritannien, Irland, Schottland, Neuseeland und Deutschland aus. Sie kamen zum Schluss, dass das SIDS-Risiko im Elternbett für Kinder unter einem Jahr auf knapp das Dreifache und für bis zu drei Monate alte Babys sogar auf das Fünffache steigt. Das absolute Risiko, dass ein Säugling am plötzlichen Kindstod stirbt, ist zum Glück sehr klein: Die Studie nennt die Zahl von 0,08 Fällen unter 1000 Säuglingen (0,008 Prozent), die im Elternzimmer im eigenen Bett schliefen und deren Eltern nicht rauchten oder Alkohol konsumierten. Bei Säuglingen, die unter diesen Bedingungen im Elternbett schliefen, waren es 0,23 Fälle unter 1000 Babys (0,023 Prozent).

Andererseits belegen Statistiken, dass Stillen Babys vor dem Kindstod schützen kann. In einer bundesweiten Fall-Kontroll-Studie  (German Study of Sudden Infant Death - GeSID) von 2009 verglich ein Team um die Rechtsmedizinerin Mechtild Vennemann 333 SIDS-Fälle, die zwischen 1998 und 2001 passiert waren, mit 998 gleichaltrigen gesunden Säuglingen. Ihr Fazit: Volles Stillen senkt das Risiko des plötzlichen Kindstods um die Hälfte. Diese Studie ist eine der fünf, die Carpenter und Kollegen zusammengefasst haben.

Nach dem Stillen zurück ins eigene Bettchen

Die Empfehlungen, Kinder möglichst lange voll zu stillen, aber Bedsharing zu vermeiden, empfinden viele Eltern als Widerspruch. Die Forscher raten, das Baby nach dem Stillen nachts wieder in sein Bett zurückzulegen. In der Praxis ein schwieriges Unterfangen. Für die meisten Mütter sei das unmöglich, weil sie während des Stillens einschliefen, sagt Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung vom Deutschen Hebammenverband. "Zudem suchen Babys gerade nachts die körperliche Nähe zu ihrer Mutter und sind unruhig, wenn sie allein in ihrem Bettchen liegen."

Aus Angst, ihr Neugeborenes im Elternbett zu gefährden, stillen manche Mütter nachts weniger oder gar nicht. Andere setzen sich dazu auf die Couch oder in den Sessel. Davon raten Experten ab, weil die Mutter einschlafen und das Kind dann aus ihrem Arm gleiten kann. "Das Risiko für das Baby ist hier, statistisch gesehen, um das 50-Fache erhöht, weil es zur akzidentellen Erstickung kommen kann", sagt Herbert Renz-Polster, Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg.

Tatsächlich ist die Datenlage über das Kindstod-Risiko im Elternbett keineswegs sicher. Die meisten SIDS-Fälle, die Carpenter in seiner Analyse zugrunde legte, stammen aus den Achtzigern und Neunzigern, in denen noch nicht über eine sichere Schlafumgebung im Elternbett aufgeklärt wurde.

Unicef Großbritannien kritisierte, dass keine der fünf Studien, die Carpenter auswertete, Daten über Drogenkonsum der Eltern erhob und nur zwei Studien überhaupt Zahlen zum Alkoholkonsum enthielten. Untersuchungen zeigten, dass dies beachtliche Risiken für den plötzlichen Kindstod im Elternbett sind. In Analysen von SIDS-Fällen im Elternbett in Alaska  stellte sich heraus, dass die Eltern in 99 Prozent der Fälle entweder geraucht oder Alkohol oder Drogen konsumiert hatten.

Die Hauptrisiken: Rauchende Eltern, Bauchlage, Überhitzung

Auch Befürworter des getrennten Schlafens sind skeptisch, ob Bedsharing per se dem Baby zum Verhängnis werden könnte. "Den Löwenanteil des Risikos machen Rauchen, Bauchlage und Überhitzung aus", sagt Gerhard Jorch, Direktor der Universitätskinderklinik Magdeburg und Kindstodforscher. "Wenn Eltern alles richtig machen, halte ich das Kindstod-Risiko im Elternbett für minimal. Auf keinen Fall sollten Mütter deswegen aufhören zu stillen", sagt Jorch.

Der Mitautor der GeSID-Studie stellte bei der Analyse der 333 Kindstod-Fälle fest, dass die meisten Säuglinge im Elternbett "massiv" Zigarettenrauch ausgesetzt waren. "Nur in 14 Fällen rauchten die Eltern nicht. Von diesen wurden aber etliche Kinder in Bauchlage gefunden oder hatten einen Infekt", sagt Jorch.

Nach Ansicht von Ärzten trugen vor allem Aufklärungskampagnen für die Rückenlage dazu bei, dass in Deutschland die SIDS-Rate in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gesunken ist. 1990 starben 1283 von 905.675 Babys (0,14 Prozent) am plötzlichen Kindstod, im Jahr 2012 waren es 131 von 673.544 (0,02 Prozent).

Als mögliche Ursachen des rätselhaften Todes werden neben genetischer Veranlagung unter anderem versehentliche Erstickung, Störungen der Atmung, Stoffwechselstörungen und Anomalien der Reizleitung am Herzen diskutiert. Eindeutige Nachweise ergibt eine Obduktion in den meisten Fällen nicht.

Ob, wie Carpenter meint, noch weniger Babys am gefürchteten plötzlichen Kindstod sterben würden, wenn es kein Bedsharing mehr gibt, ist fraglich. "Es könnte zum Beispiel auch den Effekt haben, dass die Stillquote absinkt und damit Kindstodfälle wieder zunähmen", sagt Jorch.

Plötzlicher Kindstod - Schutzmaßnahmen und Risiken

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.