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22. Dezember 2014, 09:08 Uhr

Postpartale Depressionen

Von der Angst, keine gute Mutter zu sein

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Rund 50.000 Frauen in Deutschland leiden nach der Geburt ihres Kindes an einer schweren Depression. Viele von ihnen begegnen Vorurteilen. Die Autorin Ulrike Schrimpf beschreibt, wie sie es sich anfühlt, vor allem Angst zu haben.

"Ich habe Angst, meinen Kindern keine gute Mutter zu sein. Ich habe Angst, meine Beziehung zu ruinieren. Ich habe Angst, nie mehr etwas Herausforderndes, Interessantes in meinem Leben zu machen. Ich habe Angst vor dem Schlafen. Ich habe Angst vor dem Leben." So beschreibt die Autorin Ulrike Schrimpf ihren ersten Zusammenbruch. Es ist der Anfang ihres Weges durch eine Depression, an der sie nach der Geburt ihres zweiten Sohnes litt, und über die sie das Buch "Wie kann ich dich halten, wenn ich selbst zerbreche?" (südwest) geschrieben hat.

Etwa 19 Prozent aller Mütter entwickeln depressive Symptome nach der Geburt, sieben Prozent bekommen eine schwere, behandlungsbedürftige Depression. Bei rund 700.000 Geburten in Deutschland im Jahr 2013 entspricht das einer Anzahl von 133.000 bzw. 49.000 betroffenen Frauen. Der Verlauf der Erkrankung ist so unterschiedlich wie die Frauen selbst, manche leiden weniger, andere werden schwer krank. Ulrike Schrimpf hatte Schlafstörungen, Herzrasen, Panikattacken, irrationale Ängste, Schweißausbrüche - die Liste der Symptome war lang. Die Liste ihrer Schuldgefühle noch länger.

Zu viel oder zu wenig Liebe

Eine postpartale Depression tritt meist sechs bis acht Wochen nach der Geburt des Kindes auf. Häufig wird sie mit Müttern in Zusammenhang gebracht, die ihr Baby nicht lieben können. Tatsächlich entwickeln aber nur 30 Prozent der betroffenen Frauen eine Bindungsstörung. Bei Ulrike Schrimpf war es umgekehrt. "Ich geriet vor lauter Liebe zu sehr in Sorge, dass etwas passieren könnte", sagt sie heute. Schrimpf hätte - wie die meisten anderen Frauen auch - nicht gedacht, dass ihr einmal so etwas passieren würde.

Viele Frauen brauchen Monate, bis sie mit ihren Problemen zum Arzt gehen. "Viel zu oft schaut auch die Familie weg", sagt Claudia Reiner-Lawugger, Leiterin der Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie in Wien. Zu oft heiße es: 'Reiß Dich zusammen.' Oder: 'Das wird schon wieder werden.' "Diesen Prozess sollte man abkürzen, indem man seine Hebamme, Eltern-Kind-Zentren oder Vereine wie 'Licht und Schatten' kontaktiert", so die Psychiaterin.

Denn die Heilungschancen sind gut. "In der Regel stellt sich schon drei oder vier Wochen nach Behandlungsbeginn eine enorme Verbesserung ein", so Reiner-Lawugger. In ihrer Wiener Spezialambulanz werden betroffene Frauen betreut, sie bekommen gegebenenfalls Antidepressiva und die Therapeuten helfen dabei, den Alltag neu zu organisieren. Wichtig bei der Behandlung ist zudem eine psychotherapeutische Begleitung. Und es gibt Mutter-Kind-Gruppen, die das Thema Depressionen aufgreifen.

"Aber du hast das Kind doch gewollt!"

Betroffen sind Frauen aus allen Schichten. Mütter, die schon vor der Geburt mit psychischen Erkrankungen zu tun hatten, Mütter aus sozial schwachem Umfeld oder solche, die in der Vergangenheit Gewalt erlebt haben. Auch gebildete Akademikerinnen, die ihr erstes Kind spät bekommen, erkranken. "Sie machen 60 Prozent meiner Patientinnen aus", sagt Reiner-Lawugger. "Die Frauen kommen mit der Kombination aus ihrem leistungsorientierten, strukturierten Vorleben und dem anarchischen Dasein des Säuglings nicht klar."

Die Realität der meisten Mütter ist, dass sie im Gegensatz zu früheren Generationen nicht mehr im Verbund einer Großfamilie leben. Dadurch fehlen Erfahrungen und Ratschläge, manche Frauen führen mit ihrem Baby ein nahezu isoliertes Leben. Hinzu kommt der Druck durch mitunter dogmatisch geführte Diskussionen zum Thema Stillen und Babyernährung.

Auf ihrem Leidensweg begegnete Ulrike Schrimpf auch vorwurfsvollen Sprüchen wie: 'Aber Du hast das Kind doch gewollt!' Ja, sie hatte es gewollt, sehr sogar. "Die Kinder sind mein größtes Glück", sagt Schrimpf. "Und trotzdem ging es mir nicht gut, das war ja das Furchtbare." Das Tückische an der Krankheit ist, dass sie nicht rational erklärbar ist. "Wenn jemand Krebs hat, sagt man ihm ja auch nicht, er solle einfach mal an die frische Luft gehen und an etwas Schönes denken", meint Schrimpf. So wie ihr geht es auch vielen anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen, wie kürzlich einige von ihnen auf Twitter unter dem Hashtag #notjustsad berichtet haben.

Schrimpf ging in ein Krankenhaus, begann eine Therapie, nahm Antidepressiva. Schuldgefühle hatte sie trotzdem. "Deswegen ist es wichtig, auch nach der Heilung noch mit Profis zu sprechen und das Geschehene aufzuarbeiten", meint Schrimpf, die noch immer in Therapie ist. Vier Jahre ist ihre Erkrankung nun her. Ihr Glück darüber, Kinder zu haben, hat über die Krankheit und die Angst davor triumphiert: Sie ist wieder schwanger.

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