Abtreibung "Sachliche Informationen sind keine Werbung"

Es ist paradox: Ärzte dürfen Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Voraussetzungen straffrei durchführen - aber das nicht öffentlich zugeben. Die Vorsitzende des Vereins Pro Familia fordert eine Neuregelung.
Zur Person
Foto: pro familia

Davina Höblich, geb. 1977, ist Bundesvorsitzende von Pro Familia. Der Verein berät unter anderem Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind und stellt Beratungsscheine aus, die für einen Abbruch gesetzlich vorgeschrieben sind.

SPIEGEL ONLINE: Frau Höblich, der Paragraf 219a des Strafgesetzbuches soll verhindern, einen Schwangerschaftsabbruch in der Öffentlichkeit als etwas Normales darzustellen und zu kommerzialisieren. Was bedeutet die Regelung?

Höblich: Frauenärztinnen und Frauenärzte dürfen ihren Patientinnen zwar erklären, wie ein Schwangerschaftsabbruch abläuft und welche Folgen und Risiken es gibt. Sie dürfen ihnen aber nicht sagen, welche Praxen Abtreibungen straffrei durchführen, das dürfen nur die Beratungsstellen wie pro familia. Das gilt auch, wenn die Ärzte selbst Abtreibungen vornehmen. Sie müssen schweigen, als täten sie etwas Verbotenes. Ihre Arbeit wird kriminalisiert. Sachliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche werden zu einer Art Geheimwissen.

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr werden laut Kriminalstatistik 25 bis 30 Ärzte angezeigt, weil sie für Schwangerschaftsabbrüche geworben haben sollen. So wurde etwa die Frauenärztin Kristina Hänel zu 6000 Euro Strafe verurteilt, weil sie auf ihrer Homepage angegeben hatte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen - zu Recht?

Höblich: Das Urteil kam für viele Juristen nicht überraschend. Das zeigt, dass der Paragraf 219a dringend angepasst werden muss. Er wird immer wieder von Abtreibungsgegnern genutzt, um Ärzte anzuzeigen. Viele Praxen werden dadurch so eingeschüchtert, dass sie keine Informationen mehr über Schwangerschaftsabbrüche auf ihre Website stellen. Sie fürchten sich zu sehr vor Strafen. Die reine Information darüber, wie, wo und durch wen straflose Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, darf jedoch nicht als Werbung angesehen werden.

Schwangerschaftsabbruch

SPIEGEL ONLINE: Die Gesetzeslage kommt einem Informationsverbot gleich. Was bedeutet das für Schwangere?

Höblich: Eigentlich haben Frauen laut Gesetz das Recht, sich ihren Arzt frei auszuwählen. Doch wie soll das gehen, wenn es keine frei zugänglichen Informationen darüber gibt, welche Ärzte einen Abbruch vornehmen? Der Schwangerschaftsabbruch wird so zum Tabu. Es wird den Frauen auch erschwert, sich für eine bestimmte Methode des Schwangerschaftsabbruchs zu entscheiden. Denn es wird nicht veröffentlicht, welche Gesundheitseinrichtungen welche Methoden anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte aus Ihrer Sicht mit dem Paragrafen 219a passieren?

Höblich: Es ist dringend notwendig, Frauen umfassend zu informieren und Ärzte zu entkriminalisieren. Deshalb muss der Paragraf aus Sicht von pro familia abgeschafft oder zumindest so geändert werden, dass Ärzte für sachliche Informationen nicht länger bestraft werden können. Außerdem könnten öffentliche Stellen über Schwangerschaftsabbrüche informieren. In Frankreich übernimmt dies das Gesundheitsministerium. In der Schweiz sind die Kantone verpflichtet, Praxen zu benennen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Dadurch können sich Frauen, Männer und Paare zentral und unabhängig informieren und Ärzte geraten überhaupt erst nicht unter Verdacht, sie könnten mit einem Schwangerschaftsabbruch für sich werben.

SPIEGEL ONLINE: Vertreter der Kirche und der Union warnen, ohne Paragraf 219a könnten Abtreibungen künftig im Internet, Fernsehen oder Zeitschriften beworben werden. Droht eine Verharmlosung des Eingriffs?

Höblich: Wir von pro familia halten die Kritik für unsachlich und undifferenziert. Eine "anpreisende Werbung" ist Ärzten laut Berufsordnung ohnehin verboten. In Frankreich und der Schweiz hat die Zahl der Abtreibungen durch die frei zugänglichen Informationen auch nicht zugenommen. Insgesamt ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche rückläufig. Außerdem bin ich überzeugt, dass betroffene Frauen und Paare die Entscheidung zu einem Abbruch niemals leichtfertig treffen.

Video: Radikale Christen in den USA - Nahkampf vor der Abtreibungsklinik

SPIEGEL TV