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27. Juni 2014, 12:18 Uhr

Grenzen der Reproduktionsmedizin

Wenn nur eine Eizellspende weiterhilft

Wollen Frauen über Mitte 40 noch Mutter werden, bietet selbst die künstliche Befruchtung nur geringe Chancen. Manche Ärzte machen sich deshalb dafür stark, Eizellspenden in Deutschland zu erlauben.

München - Für viele Paare ist die Reproduktionsmedizin die einzige Chance auf Nachwuchs. Ärzte haben im Jahr 2012 laut Deutschem IVF-Register knapp 48.000 Patientinnen behandelt. Mehr als 10.000 der Frauen brachten ein Kind zur Welt.

Knapp zwei von hundert Kindern werden in Deutschland nach künstlicher Befruchtung gezeugt, in anderen Ländern sind es oft mehr. Spitzenreiter waren nach Daten der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) von 2009 Dänemark und Slowenien mit 4,5 Prozent. Von Sonntag bis Mittwoch treffen sich rund 9000 Experten zum Jahreskongress der ESHRE in München.

Wer sich zu spät für den Schritt entscheidet, dem nützt die Reproduktionsmedizin nur begrenzt. Im Schnitt liege die Chance auf eine Schwangerschaft mit 41, 42 Jahren bei 15 Prozent, sagt Ulrich Hilland, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands. Mit 44 Jahren liege sie unter acht Prozent.

Ein Versuch kostet mindestens 3000 Euro, manche Paare geben Zehntausende Euro aus - die Krankenkassen übernehmen die Kosten bei Verheirateten zum Teil. "Wir sehen auch die Risiken, die bei einer Schwangerschaft ab 40 zunehmen", sagt die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Tina Buchholz.

Eizellspenden sind in Deutschland verboten

Trotzdem floriert das Geschäft. Berichte über Frauen, die mit 45, mit 47 oder, wie Gianna Nannini, jenseits der 50 Mutter werden, befeuern falsche Vorstellungen - und bringen Kunden. Dass die allermeisten über 45 vermutlich genetisch nicht die Mütter ihrer Kinder sind, darüber wird in Deutschland eher wenig gesprochen. Die Eizellspende ist hierzulande verboten.

Ärzte dürfen ihren Patientinnen auch keine Kliniken im Ausland empfehlen, die eine Eizellespende durchführen. Ebenso wenig ist es erlaubt, in der Vorbereitungsphase etwa mit Ultraschall zu helfen. Nach dem Embryonenschutzgesetz ist die Beihilfe zur Eizellspende strafbar.

Wie der Bayerische Rundfunk am Freitag berichtete, stehen dennoch Reproduktionsmediziner in ganz Deutschland im Verdacht, eben solche Beihilfe geleistet zu haben. Mehrere Ermittlungsverfahren laufen, heißt es beim BR.

Viele Mediziner verlangen eine Gesetzesänderung. Das Verbot sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Hilland. Auch der Leiter des IVF-Labors an der Universität Erlangen, Ralf Dittrich, plädiert für die Eizellspende in Deutschland: "Ich sehe keinen Grund, warum man das nicht tun sollte."

Hans-Peter Eiden, Geschäftsführer des Berufsverbandes Reproduktionsmedizin Bayern und Initiator des Netzwerks Embryonenspende, meint dagegen, die Eizellspende solle verboten bleiben. Er warnt vor möglichem Kommerz. "Niemand kann mir erzählen, dass eine Eizellspende ohne Gegenleistung funktionieren würde", sagt er. "Hier geht es nicht um die Patienten, sondern um Kommerz." Das wiederum verstoße gegen das Transplantationsgesetz. "Man darf Gewebe nicht kommerzialisieren."

Eigene Eizellen einfrieren

Eiden will Paaren den Weg ebnen zu einer Embryonenspende. Sie bekommen die befruchtete Eizelle eines fremden Paares, das diese nicht mehr braucht. Über die Rechtslage gehen die Ansichten der Ärzte und die der Juristen bis zum Streit auseinander. Weshalb sich viele Mediziner lieber sogar in Schweigen hüllen, wann sie Zellen einfrieren: Als Vorkern vor der vollständigen Verschmelzung von Ei- und Samenzelle - oder als Embryo. Praktiker sehen keinen großen Unterschied. Ethiker schon.

Ein weiterer Trend: Mit Mitte 20 eigene Eizellen einfrieren. Der Kinderwunsch auf Eis scheint die Lösung für die perfekte Familienplanung. Aber es fehlen genaue Werte, wie gut die Zellen nach 20 Jahren noch sind.

wbr/dpa

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