Schlafprobleme bei Kindern "Es gibt keine Methode ohne Tränen"

"Jedes Kind kann schlafen lernen", behauptet die Psychologin Annette Kast-Zahn in ihrem Buchklassiker - und zieht seit Jahren den Unmut vieler Eltern auf sich. Hier antwortet sie ihren Lesern.
"Eltern sollen auf ihr Bauchgefühl hören"

"Eltern sollen auf ihr Bauchgefühl hören"

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Die Psychologin Annette Kast-Zahn (59) wurde mit ihrem Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen" bekannt, den sie zusammen mit dem Kinderarzt Hartmut Morgenroth geschrieben hat. Seit vielen Jahren berät sie in ihrer Praxis in Nordrhein-Westfalen immer wieder auch Familien, deren Kinder unter Schlafproblemen leiden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kast-Zahn, haben Sie ihr Schlafprogramm eigentlich auch bei ihren eigenen Kindern durchgezogen?

Kast-Zahn: Ja. Bei meinem dritten Kind musste ich jede Nacht etwa sieben Mal aufstehen und stillen. Mein Kinderarzt hat mir dann Anfang der Neunzigerjahre die damals noch weitgehend unbekannte Methode nach Ferber vorgestellt. Nach drei Wochen hat meine Tochter nicht nur durch, sondern auch drei Stunden mehr geschlafen. Mir hat sofort eingeleuchtet, dass ich es war, die meiner Tochter zuvor das schlechte Schlafen beigebracht hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was war schiefgelaufen?

Kast-Zahn: Dass die Kleine nicht gut schlief, lag daran, dass sie Einschlafgewohnheiten gelernt hat, die auf meiner Hilfe basierten. Erst als sie allein einschlafen konnte, konnte sie auch durchschlafen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kinder weinen und schreien zum Herzerweichen. Wie haben Sie das ausgehalten?

Kast-Zahn: Zugegeben, das war nicht leicht. Durch den Schlafmangel hat meine Tochter vorher allerdings auch viel geschrien. Und danach war sie viel ruhiger und ausgeglichener. Aber wie soll Erziehung funktionieren, ohne jemals auf den Widerstand des Kindes zu stoßen? Dann müsste man ja immer genau das machen, was das Kind möchte. Wenn man Gewohnheiten verändern will, gibt es keine Methode, die ohne Tränen auskommt. Erziehung bedeutet, dem Kind alles zu geben, was es braucht, aber nicht alles, was es will.

SPIEGEL ONLINE: In der Theorie klingt das einfach. Meine Frau und ich haben das Programm abgebrochen, weil wir das jämmerliche Weinen unseres Kindes nicht ausgehalten haben.

Kast-Zahn: Niemand soll länger warten, als er sich das zumuten kann. Die Eltern sollten erstmal ausprobieren, wie es ist, wenn man im Zimmer bleibt. Viele stellen dann fest: Es reicht meinem Kind nicht, wenn ich bei ihm bleibe, es weint trotzdem, weil es etwas anderes erwartet. Zudem kann man sich vorher bewusst machen, dass man seine Liebe und Fürsorge in das Trösten steckt. Mir hat geholfen, dass ich mit meiner Tochter geredet habe.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie ihr erzählt?

Kast-Zahn: Dass ich nun verstanden habe, warum sie so schlecht schläft. Und dass ich weiß, dass das Aufwachen nachts ganz normal ist, und dass sie danach wieder einschlafen kann. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich für sie da bin. Das Reden hat mir selbst sicher auch geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen alle Kinder Ihr Schlafprogramm?

Kast-Zahn: Nein. Wenn ein Kind ein- bis zweimal in der Nacht wach wird und dann zu seinen Eltern ins Bett kommt und alle damit glücklich sind, ist das völlig okay. Unser Buch ist ein Angebot an Eltern, die durch das Schlafverhalten ihres Kindes stark belastet sind. Denn Stress kann sich auch auf das Kind übertragen. Bevor man sein Kind schüttelt oder anbrüllt, sollte man etwas ändern.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch halten viele Eltern Ihre Methode für Folter. Einige haben sogar versucht, eine Neuauflage Ihres Buches zu verhindern. Warum wird das Thema so emotional diskutiert?

Kast-Zahn: Gegen das Wort "Folter" verwehre ich mich ganz entschieden. Darin steckt die Unterstellung, Kinder absichtlich quälen zu wollen. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich durch die im Buch genannten Interventionen der Schlaf verbessert. In mehreren Studien, darunter eine ganz aktuelle von Juni 2016 , wird zusätzlich nachgewiesen, dass die Babys und Kleinkinder durch ein Schlafprogramm keine erhöhten Stressreaktionen zeigen und dass es weder auf die Eltern-Kind-Beziehung noch auf kindliche Emotionen oder Verhaltensweisen kurzfristig oder langfristig negative Auswirkungen gibt. Mit wissenschaftlichen Argumenten kann man den Gegnern allerdings nicht beikommen. Da wird ideologisiert, das finde ich total überflüssig. Das war vor 20 Jahren anders. Damals haben die Eltern unsere Tipps angenommen oder eben nicht.


SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich mit dem Erfolg ihres Buches gerechnet?

Kast-Zahn: Nein, wir hatten nicht mal damit gerechnet, die ersten 5000 Stück loszuwerden. Aber damals gab es solche Ratgeberbücher kaum. Es hat den Eltern an Informationen gefehlt - unser Buch ist dann wie eine Bombe eingeschlagen. Inzwischen wird der Markt überschwemmt. Aber die meisten Schlafbücher sind nach zwei, drei Jahren wieder verschwunden.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich der Inhalt des Buches mit den zahlreichen Neuauflagen verändert?

Kast-Zahn: Ja. Ein Beispiel: Inzwischen beschreiben wir auch die Ping-Pong-Methode. Dabei können die Eltern schon nach einer Minute Wartezeit zurück ins Zimmer gehen oder die ganze Zeit am Bett stehen bleiben, wenn sie Angst haben, dem Kind zu schaden.

SPIEGEL ONLINE: Also sind Sie doch auf die Kritik eingegangen.

Kast-Zahn: Nein, wir haben nur mehr differenziert. Durch meine Berufserfahrung weiß ich, dass man nicht allen dasselbe anbieten kann. Heute gibt es mehr ängstliche Eltern, die wollen sich mehr Zeit lassen und ein möglichst sanftes Schlaftraining. Darauf gehen wir ein.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es im Grunde egal, wie man seinem Kind einen selbstständigen Schlaf angewöhnt?

Kast-Zahn: Entscheidend für einen guten Schlaf sind die richtigen Schlafzeiten und elternunabhängige Einschlafgewohnheiten. Wie die Eltern das erreichen, bleibt ihnen selbst überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr Programm soll ich meinem Kind tagsüber einen stark strukturierten Tagesablauf anbieten, damit es abends nach dem Abendritual lernen kann, allein einzuschlafen. Klingt ganz schön spießig, oder?

Kast-Zahn: Kinder unterscheiden sich da stark - einige sind sehr flexibel in ihrem Schlafverhalten, andere brauchen eine Regelmäßigkeit. Natürlich ist das ein bisschen spießig, gerade wenn man zwei kleine Kinder hat, für die man den Tagesrhythmus durchtakten muss.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Praxis beraten Sie Eltern, deren Kinder starke Einschlafprobleme haben. Was sind das für Menschen, die zu Ihnen kommen?

Kast-Zahn: Typische Patienten sind etwa gut ausgebildete Enddreißiger mit dem ersten Kind. Da wird der Nachwuchs in extremen Fällen 10, 15 Mal pro Nacht wach, und die Eltern trauen sich nicht, etwas zu machen, das dem Kind nicht so gut gefällt. Viele haben vorher gedacht: Erziehung geht ohne Weinen. Manche Eltern haben auch mit extremen Schlafproblemen zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen solche Fälle aus?

Kast-Zahn: Ich habe einen Fall, da schläft der sechsjährige Junge nicht mehr als sechs Stunden pro Nacht. Medizinische Auffälligkeiten gibt es keine. Die Eltern gehen um 21 Uhr mit Stirnlampe mit ihm auf den Spielplatz, weil der Kleine nie vor 24 Uhr im Bett liegt und morgens um sechs wieder fit ist. Solche Kinder gibt es, das ist aber selten.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie den Eltern?

Kast-Zahn: Der Junge muss lernen, sich abends mehr allein zu beschäftigen. Das klappt schon ganz gut, ist aber natürlich eine Herausforderung für die Eltern. Es gibt aber auch ziemlich absurde Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Ich bin gespannt.

Kast-Zahn: Dass Eltern den Staubsauger beim Einschlafen laufen lassen, habe ich schon erlebt. Ich habe einen Patienten, der selbst mit Anfang zwanzig noch einen Föhn über seinem Bett hängen hatte, ihn abends einschaltete und stundenlang laufen ließ. Dass der noch nicht abgebrannt ist, ist ein Wunder. Aber ich habe es ihm inzwischen abgewöhnt.

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