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27. Mai 2014, 06:14 Uhr

Krise vor der Geburt

Schwangerschaftsdepressionen bleiben oft unerkannt

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Von werdenden Müttern erwarten die meisten, dass sie vor Glück und Vorfreude strahlen. Was häufig unbemerkt bleibt: Viele Frauen leiden während der Schwangerschaft an einer Depression.

Als Monika H. vor drei Jahren schwanger war, wusste sie zunächst selbst nicht genau, was nicht stimmte. Sie machte sich Sorgen, litt unter Ängsten, war oft traurig und konnte nicht schlafen. Aber ist es nicht am besten für das Kind, wenn die werdende Mutter sich gut fühlt? Das setzte sie zusätzlich unter Druck: "Negative Gedanken oder Gefühle wollte ich möglichst verdrängen, ich dachte, sonst würde ich meinem Kind schaden", sagt Monika H. Weil das Verdrängen nicht gelang, geriet sie schließlich in einen Teufelskreis. "Ich hatte ständig dieses Gefühl: Ich bin nicht gut genug für mein Kind." Heute weiß sie, dass sie an einer Schwangerschaftsdepression litt.

"Schuld und Schamgefühle der werdenden Mütter sind typisch für diese Form der Depression", sagt Anette Kersting, die die Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Leipzig leitet. "Schließlich wird in der Gesellschaft überall das Bild vermittelt, dass eine Schwangere glücklich zu sein hat." Ein weiteres Problem: Die Symptome werden in dieser Phase häufig mit hormonell bedingten Stimmungsschwankungen verwechselt - von den erkrankten Frauen selbst, von ihrem Umfeld und vermutlich sogar von Ärzten.

Manchmal hilft die Geburt

Ähnlich war es bei Monika H., die damals psychologisch behandelt wurde. "Im Nachhinein glaube ich, dass die erste Psychologin meine Lage verkannt hat", sagt sie. Auch ihrer Mutter hatte sie von der ständigen Deprimiertheit erzählt: "Warte doch einfach ab, bis das Kind da ist", riet die ihr. In einigen Fällen verschwindet eine Schwangerschaftsdepression tatsächlich nach der Geburt. Bei Monika H. schlug sie erst richtig zu. "Nachdem meine Tochter geboren war, fiel ich in ein ganz tiefes Loch", erzählt sie. Die postnatale Depression wurde ihr schließlich diagnostiziert - von einer anderen Psychologin, die auf diesem Gebiet erfahrener war.

Studien deuten darauf hin, dass etwa elf Prozent der Frauen während der Schwangerschaft vorübergehend an Depressionen leiden. Wodurch werden sie ausgelöst? "Hormonschwankungen spielen, wenn überhaupt, wohl nur eine untergeordnete Rolle dabei", sagt Kersting.

Die Krankheit werde, wie andere Depressionen auch, von einer Vielzahl biologischer und psychosozialer Faktoren ausgelöst. Viele Betroffene hätten bereits eine gewisse Veranlagung zur Depression. Die Schwangerschaft sei dann schlichtweg das einschneidende Erlebnis, das sie auslösen kann: "Sie verändert schließlich das ganze Leben", sagt Kersting. Das gelte für die Partnerschaft, aber auch für die Selbstwahrnehmung der Frauen.

Die künftige Rolle als Mutter bringe viele dazu, stärker an die eigene Kindheit zurückzudenken. "Besonders die Frauen, die in der Kindheit Schlechtes erlebt haben, wollen, dass es ihren eigenen Kindern besser ergeht. Sie setzen sich dann selbst unter Druck, der Mutterrolle gerecht werden zu können."

Eine Behandlung ist möglich

Typische Alarmsignale sind stark negative Gedanken über das Kind und die Schwangerschaft, der Verlust von Freude an vielen Dingen und das Gefühl, keine Kraft mehr für den Alltag zu haben. "In Zweifelsfällen sollten sich Frauen immer Beratung suchen, am besten bei einem Facharzt oder Psychotherapeuten, der sich mit dem Krankheitsbild auskennt", sagt Kersting. Was viele nicht wissen: Eine schwere Depression lässt sich auch während der Schwangerschaft mit Medikamenten behandeln.

"Zu den möglichen Auswirkungen auf das ungeborene Kind gibt es aber nur Beobachtungen und keine gesicherten Studienergebnisse - denn solche Versuche wären ethisch nicht haltbar", sagt Kersting. Daher gelte es abzuwägen: Denn auch eine unbehandelte schwere Depression erhöhe das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft und der Geburt. Im besten Fall könne eine intensive psychotherapeutische Behandlung ohne Medikamente den Frauen helfen.

Auch Monika H. gelang es auf diese Weise, aus dem tiefen Loch wieder herauszukommen. Zusätzlich fand sie in einer Selbsthilfegruppe Unterstützung. Heute geht es ihr deutlich besser, auch ihre dreijährige Tochter ist gesund und zufrieden. Monika H. plant nun sogar ein zweites Kind. Aufgrund ihrer Erfahrung hatte sie zunächst gezögert. "Aber nun glaube ich, dass ich mir das zutrauen kann."

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