Gesundheit von Mutter und Kind Figur vor Schwangerschaft ist entscheidender als Gewichtszunahme

Übergewicht vor der Schwangerschaft steigert das Risiko deutlich, dass Mutter und Kind Gesundheitsprobleme entwickeln. Wie viel Frauen während den neun Monaten zunehmen, hat einen vergleichsweise geringen Einfluss.

Prakasit Kitilapo/ EyeEm/ Getty Images


Zu Beginn der Schwangerschaft wartet oft eine Ernüchterung - zumindest für alle, die gerne schlemmen: Ein Baby zu bekommen bedeutet nicht, für zwei zu essen. Stattdessen steigt der Kalorienbedarf während der Schwangerschaft nur geringfügig an, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt von rund zehn Prozent.

Entsprechend wichtig ist es, auch in der Schwangerschaft das Gewicht im Blick zu behalten. Eine internationale Wissenschaftlergruppe hat jetzt detaillierte Empfehlungen erarbeitet, wie viele Extrakilos für Mutter und Kind optimal sind. Für ihre Studie nutzten sie die Daten von mehr als 196.000 Frauen, die an 25 Studien in Europa und Nordamerika teilgenommen hatten.

Die Ergebnisse zeigen jedoch auch: Nicht nur die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft ist entscheidend. Einen noch größeren Einfluss auf die Gesundheit von Mutter und Kind hatte, wie stark Frauen zu Beginn ihrer Schwangerschaft übergewichtig waren. Das berichtet die LifeCycle Project-Maternal Obesity and Childhood Outcomes Study Group in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Jama".

Höherer BMI, mehr Komplikationen

Von den mehr als 196.000 untersuchten Frauen waren zu Beginn der Schwangerschaft:

  • 4 Prozent untergewichtig (BMI weniger als 18,5),
  • 68 Prozent normalgewichtig (BMI 18,5 bis 24,9),
  • 19,7 Prozent übergewichtig (BMI 25 bis 29,9) und
  • 8,3 Prozent fettleibig (BMI 30 und höher).

Bei mehr als jeder dritten Frau gab es rund um Schwangerschaft und Geburt medizinische Probleme, zu denen die Forscher unter anderem eine sogenannte Präeklampsie, einen Schwangerschaftsdiabetes, einen Kaiserschnitt, eine Geburt vor der 37. Woche sowie ein sehr kleines oder sehr großes Kind zählten.

Bei der Auswertung zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Komplikationen und dem BMI vor der Schwangerschaft. Im Vergleich dazu waren die Auswirkungen der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft sehr gering.

Figur und Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt

BMI vor der Schwangerschaft Anteil Frauen mit Komplikationen
Untergewicht (BMI bis 18,5) 34,7 Prozent
Normalgewicht (BMI 18,5 bis 24,9) 34,1 Prozent
Übergewicht (BMI 25 bis 29,9) 42,0 Prozent
Fettleibigkeit Grad 1 (BMI 30 bis 34,9) 50,2 Prozent
Fettleibigkeit Grad 2 (BMI 35 bis 39,9) 56,8 Prozent
Fettleibigkeit Grad 3 (BMI ab 40) 61,1 Prozent

Die gesündesten Mütter in der Gruppe hatten vor der Schwangerschaft einen geringen bis normalen BMI und legten während der Schwangerschaft verhältnismäßig stark an Gewicht zu. Das höchste Risiko für Komplikationen hingegen dokumentierten die Forscher bei Frauen mit einem hohen BMI und einer großen Gewichtszunahme: Unter den Teilnehmerinnen mit einem BMI von 40 und mehr, die zwischen 20 und 21,9 Kilogramm zulegten, entwickelten 94,4 Prozent Komplikationen.

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Die Empfehlungen: je nach Figur zwischen 0 und 16 Kilo Gewichtszuwachs

Trotz der vergleichsweise geringen Auswirkungen ermittelten die Forscher auch, bei welcher Gewichtszunahme Mütter und Kinder abhängig von der Ausgangsfigur am gesündesten waren.

Empfohlene optimale Gewichtszunahme während der Schwangerschaft

Figur laut BMI Empfohlene Gewichtszunahme
Untergewicht (BMI bis 18,5) 14 bis 16 Kilogramm
Normalgewichtig (BMI 18,5 bis 24,9) 10 bis 18 Kilogramm
Übergewichtig (BMI 25 bis 29,9) 2 und 16 Kilogramm
Fettleibigkeit Grad 1 (BMI 30 bis 34,9) 2 bis 6 Kilogramm
Fettleibigkeit Grad 2 (BMI 35 bis 39,9) 0 bis 4 Kilogramm
Fettleibigkeit Grad 3 (BMI ab 40) 0 bis 6 Kilogramm

Von den Teilnehmerinnen der Studie verfehlten mehr als 45 Prozent diese Ziele: 11,3 Prozent der Frauen legten zu wenig Gewicht zu, 33,8 Prozent hatten am Ende der Schwangerschaft mehr Kilos auf der Waage als empfohlen. Ein Großteil davon gewann vor allem in der ersten Hälfte der Schwangerschaft stark an Gewicht.

Im Hinblick auf Frauen mit extremem Übergewicht sollten die Ratschläge jedoch mit Vorsicht interpretiert werden. In dieser Gruppe standen den Wissenschaftlern nur Daten von wenigen Teilnehmerinnen zur Verfügung. Dies erklärt auch, warum Frauen mit Fettleibigkeit Grad 2 den Ergebnissen zufolge weniger zunehmen sollten als Frauen mit Fettleibigkeit Grad 3. Eine biologische Ursache für dieses Ergebnis sei unwahrscheinlich, schreiben die Wissenschaftler.

Die Empfehlungen decken sich grob mit Ratschlägen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 2017 veröffentlicht wurden. Demnach sollten:

  • untergewichtige Frauen zwischen 12,4 und 18 Kilogramm zunehmen,
  • normalgewichtige Frauen zwischen 11,5 und 16 Kilogramm,
  • übergewichtige Frauen zwischen 7 und 11,5 Kilogramm und
  • fettleibige Frauen zwischen 5 und 9 Kilogramm.

Fast die Hälfte verfehlt die Ziele

Dass der BMI vor der Schwangerschaft einen noch größeren Einfluss auf die Gesundheit von Mutter und Kind hat als die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, sei eine wichtige Information für die Beratung von Frauen, die eine Schwangerschaft planen, schreiben die Forscher.

Gleichzeitig bedeuten die Ergebnisse jedoch auch, dass sich werdende Mütter nicht verrückt machen sollten, wenn sie die Ratschläge zur Gewichtszunahme nicht einhalten. Dafür spricht zusätzlich, dass sich die Forscher bei ihren Empfehlungen nur auf den Bereich konzentrierten, in denen die Frauen seltener als der Durchschnitt Komplikationen erlitten. Hätten sie auch Frauen mit einbezogen, bei denen das Risiko genau im Durchschnitt lag, wären die Spannen größer ausgefallen.

irb

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