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28. Dezember 2014, 17:25 Uhr

Karies-Vorsorge

Schwanger? Ab zum Zahnarzt!

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Auch kleine Kinder können Karies bekommen. Wie man sie schützt? Am besten schon vor der Geburt.

Es ist ein mütterlicher Instinkt: Schnell den Schnuller sauber lecken, den das quengelnde Baby gerade aus dem Kinderwagen geworfen hat. Manche wittern in der gut gemeinten Geste jedoch Gefahr. Achtung - Karies-Übertragung! Und schwupps hat das Kind schlechte Zähne. Ganz falsch sind die Bedenken nicht. Aber auch nicht ganz richtig.

Mütter können - wie Väter - mit ihrem Speichel tatsächlich schädliche Bakterien weitergeben. Allein davon bekommt ein Kind jedoch noch keine Karies, dafür braucht es eine Kombination aus schädlichen Bakterien, Zucker und Zeit. Auf kurze Sicht also hat der weitergegebene Schnuller keine Konsequenzen.

Langfristig aber, da sind sich internationale Forscher einig, profitiert die Zahngesundheit der Kinder, wenn Eltern die übertragenen Bakterien reduzieren. Umgekehrt gesagt: Je früher der schlimmste Karies-Auslöser, das Bakterium Streptococcus mutans, die Mundhöhle eines Babys besiedelt, desto größer ist die Karies-Verbreitung schon wenige Jahre später.

Karies während der Schwangerschaft schon reduzieren

"Kinder, die in den ersten beiden Lebensjahren verschont bleiben von einer Besiedlung mit karies-auslösenden Bakterien, entwickeln später weniger Karies, selbst bei zuckerlastiger Ernährung", sagt Ulrich Schlagenhauf, Parodontologe am Uni-Klinikum Würzburg. Starten Kinder vor allem ohne Streptococcus mutans ins Leben, kann sich in ihrem Mund eine starke, gesunde Mikroflora etablieren. Diese könne später ein Überwachsen der karies-auslösenden Keime hemmen, so der Experte.

Trotzdem bleibt es wichtig, Kinderzähne vor Zucker zu schützen: Eltern sollten auf Fruchtsäfte oder süße Tees aus der Nuckelflasche verzichten, lautet der wichtigste Appell der Zahnärzte. Auch schon vor der Geburt könnten Mütter etwas tun, sagt Christian Splieth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. Eine intensive zahnmedizinische Betreuung von schwangeren Frauen bringe "entscheidende Vorteile für die Mundgesundheit des Kindes".

Werdende Mütter sollten stärker für ihre Zahngesundheit sensibilisiert werden, fordern Forscher gestützt auf internationale Studien. Die Gleichung ist einfach: Weniger kariesauslösende Bakterien im Mund der Mutter bedeuten weniger Bakterienübertragung auf das Kind. Das führt zu einer geringeren Bakterienbesiedlung im Kindermund - und somit einer geringeren Karieshäufigkeit.

Nicht nur zum Frauenarzt, auch zum Zahnarzt

Bereits 2007 veröffentlichten Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover ein Konzept für "Zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung in der Schwangerschaft". Schwangere Frauen, sagt Autor Hüsamettin Günay, sollten nicht nur zum Frauenarzt gehen, sondern auch zum Zahnarzt - damit Entzündungen behandelt und krankheitsauslösende Keime reduziert werden könnten. "Eine professionelle Zahnreinigung für werdende Mütter ist auf jeden Fall sinnvoll. Es wäre wünschenswert, dass die Krankenkassen diese übernehmen."

Für Kinder sieht die gesetzliche Krankenversicherung den ersten Besuch beim Zahnarzt erst im Alter von zweieinhalb Jahren vor. "Das ist häufig zu spät", sagt Christian Splieth, denn Karies könne bereits nach dem ersten Zahndurchbruch mit sechs bis acht Monaten auftreten. Vor allem Kinder mit niedrigem sozialen Status haben oft schon im Vorschulalter Probleme mit den Zähnen. Die Zahnärzteschaft fordert daher, drei zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder zwischen dem 6. und 30. Lebensmonat einzuführen.

Ob es tatsächlich dazu kommt, ist allerdings fraglich. Gerade hat das Kabinett den Entwurf eines neuen Präventionsgesetzes verabschiedet. Krankenkassen sollen in Zukunft doppelt so viel Geld in Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung investieren. Eine engmaschigere Betreuung von Kleinkindern beim Zahnarzt sieht der Gesetzesentwurf allerdings nicht vor. Die geplanten Maßnahmen seien speziell für Kleinkinder nicht ausreichend, kritisierte die Bundeszahnärztekammer. Manche Krankenkassen erstatten die Leistungen jedoch auf eigene Initiative (siehe Kasten "Konzept gegen frühkindliche Karies").

Schnuller in der Dose

Besonders wichtig sei es, die Eltern einzubeziehen, sagt Hochschullehrer Günay. "Nur damit schaffen wir eine gute Voraussetzung für eine dauerhafte Zahn- und Mundgesundheit des Kindes." Die Vorbeugung beruht jedoch bisher auf einer "Komm-Struktur". Gerade die Risikogruppe mit schlechterem sozialen Status erreiche man damit nicht, kritisiert Splieth. Mütter besonders kariesgefährdeter Kinder, sagt auch Günay, müsse man direkt aufsuchen - etwa in öffentlichen Einrichtungen.

Und was machen Eltern, die keinen Schnuller mehr ablecken wollen? Am besten in einer Dose immer frisch ausgekochte Exemplare parat haben.

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