Studie Jede vierte Schwangere in Deutschland trinkt Alkohol

Vielerorts kommen mehr Babys mit Alkoholschäden zur Welt als mit Down-Syndrom. Vor allem in Europa nehmen es Schwangere mit der Abstinenz häufig nicht so genau - und riskieren damit schwere Schäden beim Kind.

Fast jede zehnte Frau weltweit trinkt in der Schwangerschaft Alkohol. In Deutschland sind es im Schnitt sogar 26 von hundert Frauen - also mehr als jede Vierte. Das ist das Ergebnis der ersten weltweiten Studie zum Trinkverhalten in der Schwangerschaft und den gesundheitlichen Folgen für das Kind.

Svetlana Popova vom Centre of Addiction and Mental Health in Toronto und Kollegen haben Daten aus fast 400 Studien ausgewertet. Erfasst wurde jeglicher Alkoholkonsum von Schwangeren - egal in welcher Menge. Fälle, in denen die Frauen noch nicht von ihrer Schwangerschaft wussten, rechneten die Forscher wenn möglich heraus. Zudem werteten die Wissenschaftler aus, wie häufig Trinken in der Schwangerschaft zu schweren Gesundheitsschäden beim Kind führt.

Da es keine verlässliche Grenze gibt, bis zu der Alkohol für den Embryo unproblematisch ist, wird Schwangeren empfohlen, vollständig darauf zu verzichten.

Wer hat's bezahlt?

Finanziert wurde die Studie vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto. Das Lehrkrankenhaus behandelt psychische Erkrankungen und Suchtverhalten.

Laut Analyse trinken dennoch viele Schwange Alkohol. Verbreitet ist das Verhalten auch in Europa. Im Schnitt greift dort jede vierte Frau während der Schwangerschaft zu alkoholischen Getränken, berichten die Forscher im Fachmagazin "The Lancet Global Health" . Deutschland liegt damit im Durchschnitt (siehe Grafik).

In Irland trinken besonders viele Schwangere Alkohol

Die fünf Staaten mit dem höchsten Anteil alkoholtrinkender Schwangerer sind laut Studie

  • Russland (das in der Untersuchung zu Europa gezählt wird) mit einem Anteil von 37 Prozent
  • Großbritannien (41 Prozent),
  • Dänemark (46 Prozent),
  • Weißrussland (47 Prozent)
  • und Irland, wo im Schnitt 60 von hundert Schwangeren mindestens einmal Alkohol trinken.

Keine Überraschung ist, dass Schwangere auf der arabischen Halbinsel besonders selten trinken. Hier ermittelten die Forscher eine Quote von gerade mal zwei Frauen unter Tausend. Im Oman, den Vereinten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar und Kuwait ist kein einziger Fall dokumentiert. Auch in Südostasien trinken nur wenige Frauen während der Schwangerschaft. In diesen Regionen ist Alkoholverzicht unter anderem aus gesellschaftlichen und religiösen Gründen verbreitet.

Alkoholschäden sind in Deutschland deutlich häufiger als das Down-Syndrom

Alkohol gelangt über den Mutterkuchen ins Kind, wobei die Alkoholkonzentration im Nabelschnurblut genauso groß ist wie im Blut der Mutter. Das Ungeborene braucht jedoch deutlich länger, um den Alkohol wieder abzubauen. Zudem sind seine jungen Organe besonders anfällig.

Wer während der Schwangerschaft trinkt, riskiert deshalb eine Frühgeburt. Überlebt das Kind, können Hirnschäden und Entwicklungsstörungen sowie körperliche Behinderungen die Folge sein. Im schlimmsten Fall sprechen Ärzte vom Fetalen Alkoholsyndrom (FAS).

Laut Auswertung der Forscher leben 15 von 10.000 Menschen weltweit mit den Folgen des Alkoholkonsums ihrer Mutter während der Schwangerschaft. Der europaweite Durchschnitt liegt sogar bei 37. In Deutschland sind laut Auswertung gut 38 von 10.000 Menschen vom FAS betroffen (siehe Grafik).

Zum Vergleich: Das Down-Syndrom, die häufigste Chromosomenstörung bei Neugeborenen, betrifft 10 bis 20 unter 10.000 Säuglingen und ist damit in vielen Regionen der Erde deutlich seltener als Alkoholschäden.

Dass die Häufigkeit des FAS nicht immer mit der Zahl der Schwangeren zusammenpasst, die trinken, erklären sich die Forscher mit unterschiedlichen Trinkgewohnheiten. So gibt es Regionen, in denen nur wenige Schwangere Alkohol zu sich nehmen. Wer aber trinkt, trinkt regelmäßig und in großen Mengen. Das erhöht das Risiko für schwere Schäden beim Kind.

119.000 alkoholgeschädigte Babys jedes Jahr

"Wir schätzen, dass eine unter 67 Müttern, die in der Schwangerschaft trinken, ein Kind mit Fetalem Alkoholsyndrom zur Welt bringt", sagt Popova. Rechnet man das hoch, werden weltweit jedes Jahr 119.000 durch Alkohol schwer geschädigte Kinder geboren.

Dabei ist die Berechnung der Forscher noch zurückhaltend. Das FAS gehört zu den Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD), die auch schwächere Ausprägungen der Schäden umfassen. Diese leichteren Formen können schon bei geringem Alkoholkonsum in der Schwangerschaft auftreten. In der aktuellen Studie wurden sie jedoch nicht berücksichtigt.

Mitarbeit: Aida Márquez (Grafik), Philipp Seibt (Grafik)

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