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Erleichterung, Bedauern, Schuld, Traurigkeit? Wie es Frauen geht, die abgetrieben haben

Forscherinnen in den USA haben Frauen bis zu fünf Jahre nach einem Schwangerschaftsabbruch begleitet und befragt, wie sie zu der Entscheidung stehen. Das Ergebnis könnte ein paar Vorurteile ausräumen.
Von Nina Weber

In den kommenden Jahren will das Bundesgesundheitsministerium bis zu fünf Millionen Euro  für Forschungsprojekte ausgeben, die sich damit beschäftigen, wie es ungewollt schwangeren Frauen geht. Wie kam es zur Schwangerschaft, wie erleben und verarbeiten die Frauen das?

Ursprünglich sollte sich die Forschung nur um die psychischen Folgen von Abtreibungen drehen. Dies zog viel Kritik nach sich, unter anderem, weil der zu erwartende Erkenntnisgewinn bei dieser Frage dürftig gewesen wäre. "Wir brauchen keine teure Studie, die beweist, was wir schon wissen", sagte die Sozialwissenschaftlerin Kirsten Achtelik dem SPIEGEL.

Zwar behaupten einige Abtreibungsgegner, dass viele Frauen nach einem Abbruch psychische Probleme entwickeln. Doch verschiedene Studien sprechen bereits dagegen, so auch eine aktuell im Fachblatt "Social Science & Medicine"  veröffentlichte Arbeit.

Eine Forscherinnengruppe hat die Antworten von 667 Frauen ausgewertet, die an der sogenannten Turnaway-Studie  in den USA teilgenommen haben. Für die wurden Frauen begleitet, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben, sowie Frauen, die eigentlich abtreiben wollten, aber aufgrund eines zu späten Termins nicht mehr durften. In der Studie zeigte sich bereits, dass Frauen nach einer Abtreibung kein höheres Risiko für Depressionen, Angststörungen oder Suizidgedanken haben.

Nun haben die Wissenschaftlerinnen um Corinne Rocca von der University of California, San Francisco, zusätzlich ermittelt, welche Gefühle Frauen nach einer Abtreibung mit dem Eingriff verbinden und wie sich ihre Emotionen in den folgenden fünf Jahren verändern.

Die Ergebnisse könnten einige Vorurteile ausräumen

Zum einen zeigt sich, dass die Entscheidung knapp der Hälfte der Frauen gar nicht schwer fällt. Während je 27 Prozent der Teilnehmerinnen sagten, sie fanden die Entscheidung sehr beziehungsweise einigermaßen schwierig, sagen immerhin 46 Prozent, dies sei nicht schwierig gewesen.

Und fast alle Frauen sind sich sicher, dass die Abtreibung die richtige Entscheidung war: Nach fünf Jahren sagen das 99 Prozent.

Erleichterung, Freude, Bedauern, Schuld, Traurigkeit, Wut? Die Forscherinnen wollen wissen, welche dieser Gefühle Frauen mit der Abtreibung verbinden. Das Ergebnis: Über die gesamten fünf Jahre ist es in erster Linie Erleichterung.

Die Forscherinnen konnten auch beobachten, dass die Emotionen mit den Jahren schwinden. Während eine Woche nach dem Eingriff nur jede fünfte Frau sagte, sie verbinde mit der Abtreibung keine oder kaum Gefühle, war dies nach fünf Jahren bei zwei Drittel der Befragten der Fall. Lediglich sechs Prozent verbinden zu diesem Zeitpunkt überwiegend negative Emotionen mit dem Abbruch.

Ob Frauen mit ihrer Entscheidung hadern oder nach der Abtreibung sehr traurig sind, hängt laut der Studie zum Teil damit zusammen, wie stark sie fürchten müssen, wegen des Abbruchs sozial geächtet zu werden. Gingen die Frauen davon aus, dass ihr Umfeld ihnen die Entscheidung übel nehmen würde, fiel ihnen die Entscheidung schwerer, und sie waren zumindest in den ersten zwei Jahren nach dem Eingriff häufiger traurig als Frauen, die diese Sorge nicht hatten.

Mit Blick auf dieses Ergebnis könnte vielleicht auch die in Deutschland geplante Forschung helfen, wenn die dort gewonnenen Erkenntnisse so genutzt werden, wie vom Ministerium beschrieben: nämlich, "um die Beratungs- und Unterstützungsangebote für die betroffenen Frauen weiterzuentwickeln mit dem Ziel, die Frauen in dieser schwierigen Lebenssituation bestmöglich zu unterstützen".

In Deutschland wurden im Jahr 2018 knapp 101.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Die Zahl ist seit einigen Jahren relativ stabil.