Erinnerungslücken Warum schwanger sein vergesslich macht

Zahnarzttermin vergessen, Haustürschlüssel verlegt: Studien belegen, dass Schwangere häufiger unter Gedächtnislücken leiden. Mit einer Demenz hat das Phänomen aber nichts zu tun.
Schwangere: "Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Kind. Andere Dinge werden dann ausgeblendet"

Schwangere: "Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Kind. Andere Dinge werden dann ausgeblendet"

Foto: Felix Heyder/ picture alliance / dpa

Es ist ein Phänomen, das viele Frauen mit Beginn der Schwangerschaft und später in der Stillzeit beobachten: Irgendwie funktioniert die Erinnerung nicht mehr wie zuvor, ständig werden Dinge verlegt, Fehler gemacht, Termine vergessen. Betroffen sind dabei nicht nur die von Natur aus Unorganisierten. Die Vergesslichkeit trifft auch die, die ansonsten perfekt strukturiert durchs Leben wandern.

Der seltsame Gedächtnisschwund wird dabei in Internetforen und Artikeln häufig als Schwangerschaftsdemenz bezeichnet. "Dieser Begriff greift völlig daneben", sagt Anette Kersting, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. "Eine Demenz ist ein Abbauprozess im Gehirn, der irreparabel ist. Bei schwangeren und stillenden Frauen handelt es sich aber nur um eine vorübergehende Phase, die ganz sicher ohne Schäden vorüberzieht."

Wenn sogar Rituale vergessen werden

Die kognitiven Veränderungen bei Schwangeren und Stillenden beschäftigen Wissenschaftler schon seit Jahren. 1993 zeigte eine Studie der Universität Bristol, dass schwangere Frauen in Tests, in denen sie kurz zuvor auswendig gelernte Wörter wiedergeben sollten, schlechter abschnitten als Frauen, die kein Kind erwarteten. 2007 bestätige eine große Metaanalyse , dass Frauen vor und nach der Geburt Defizite in der Gedächtnisleistung zeigen. "Sie können Wörter, die sie zuvor gelernt hatten, zwar wiedererkennen, sie aber aus dem Kopf beim freien Abruf schlechter aufzählen", erklärt Ulrike Ehlert, Klinische Psychologieprofessorin an der Universität Zürich, die auch zu dem Phänomen geforscht hat.

In den letzten Wochen vor der Geburt scheint sich die Vergesslichkeit besonders zuzuspitzen: "Dann ist auch das vorausschauende Gedächtnis beeinträchtigt, das wir im Alltag brauchen, um Handlungen zu planen und uns an Verabredungen zu erinnern", sagt Ehlert. So könne es passieren, dass Schwangere plötzlich Dinge vergessen, die sonst ganz üblich und ritualisiert in ihrem Alltag verankert sind, wie etwa die Haustür abzuschließen oder Medikamente einzunehmen.

Tunnelblick für das Kind

Ein Kind zu bekommen, ist für Frauen eine große Herausforderung. Kersting ist überzeugt, dass es deshalb von der Natur so eingerichtet ist, dass die werdenden Mütter einen neuen Fokus bekommen: "Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Kind. Andere Dinge, die eher unwichtig sind, werden dann ausgeblendet." Auch Ulrike Ehlert glaubt an die Theorie des Tunnelblicks: "Nach der Entbindung sind die meisten Müttern vollständig auf ihr Kind konzentriert und bekommen deswegen nichts anderes mehr auf die Reihe." Dieser Fokus sei sehr wichtig, weil er das Neugeborene schütze und die enge Bindung zwischen Mutter und Kind fördere.

In der Schwangerschaft spielen vor allem hormonelle Veränderungen eine wichtige Rolle. Diese führten unter anderem zu einem erhöhten Cortisol-Spiegel, erklärt Ehlert: "Vor allem, wenn diese Stresshormone dauerhaft erhöht sind, können sie durch ihren neurotoxischen Effekt auf das Gehirn Vergesslichkeit begünstigen." Äußere Faktoren, wie Ängste vor der Geburt oder der Verantwortung als Mutter, Probleme in der Partnerschaft oder im Beruf können den Stresspegel zusätzlich erhöhen.

Auch das Bindungshormon Oxytocin verstärkt vermutlich die Vergesslichkeit. In einer Untersuchung verabreichte Ehlert Männern das Hormon. Bei dem Versuch, Wortstämme von zuvor gelernten Wörtern zu vervollständigen, schnitten die Männer deutlich besser ab, wenn sie nur ein Placebo und kein Oxytocin bekommen hatten.

Stecken Depressionen dahinter?

Hinzu kommt der Schlafmangel: "Schlafstörungen beeinflussen die Konzentrations- und Merkfähigkeit massiv", sagt Kersting. Besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel erschwere der große Bauchumfang die ungestörte Nachtruhe, die Körper und Gehirn aber zur Regeneration brauchen.

Eine neue Studie kanadischer Forscher mit 28 Schwangeren gibt noch einen anderen Hinweis: Vergesslichkeit konnte in dieser kleinen Untersuchung nur bei Schwangeren mit einer depressiven Störung dokumentiert werden. Ist das Phänomen also ein Hinweis auf eine psychische Störung? "In einigen Fällen schon", meint Anette Kersting. "Wenn sich neben der Vergesslichkeit auch Symptome wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit oder Überforderung zeigen, können das wichtige Hinweise auf eine Depression sein." Generell, so die Expertin, seien Schwangere aber nicht häufiger davon betroffen als andere Frauen: "Eine Depression kann sich zu jedem Zeitpunkt des Lebens zeigen."

Ein Allheilmittel gegen die Vergesslichkeit bei Schwangeren oder Stillenden gibt es nicht, sagt Ulrike Ehlert. "Man kann versuchen, die Ausschüttung von Stresshormonen zu senken, in dem man für mehr Schlaf sorgt, die Planung des Alltags auch mal an den Partner abgibt und positiver in die Zukunft schaut."


Zusammengefasst: Das Phänomen der Vergesslichkeit bei Schwangeren wird umgangssprachlich als Schwangerschaftsdemenz bezeichnet. Dieser Begriff führt aber in die Irre, denn die Erinnerungslücken entstehen nicht durch einen unwiderruflichen Abbau der Gehirnzellen. Vielmehr verschieben viele Frauen in dieser Phase ihre Prioritäten, und auch Hormonveränderungen und soziale Faktoren spielen eine wichtige Rolle.

Zur Autorin
Foto: Bettina Levecke

Bettina Levecke ist freie Journalistin und schreibt über Familien- und Gesundheits­themen.

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