Häufige Komplikation Wenn Schwangere zuckerkrank werden

Eine von 20 werdenden Müttern in Deutschland entwickelt während der Schwangerschaft Diabetes. Bleibt die Krankheit unentdeckt, können Mutter und Kind Schaden nehmen.

Schwangere
Cultura Exclusive/ Getty Images

Schwangere


Tamara Ates hatte gleich zu Beginn ihrer zweiten Schwangerschaft ein mulmiges Gefühl. "Mein Bauchgefühl sagte mir, dass irgendetwas nicht stimmt", sagt die 30-jährige Erzieherin. Sie habe plötzlich unheimlich viel Durst gehabt, ständig auf Toilette gemusst, obwohl die Blase so gut wie leer war, und sie habe sich schlapp gefühlt. In der 24. Schwangerschaftswoche machte Ates einen vorgeschriebenen Blutzuckertest. Der Wert war leicht erhöht. Der Folgetest war eindeutig: Ates hatte Schwangerschaftsdiabetes.

Sie stellte mit Hilfe eines Diabetologen die Ernährung um. Brötchen, Weizenprodukte und Süßes waren von nun an tabu. Fünf Mal am Tag maß Ates ihren Blutzucker. Die ersten zwei Wochen waren hart. Sie sei eine totale Naschkatze, sagt die Frau aus Essen. Aber anschließend habe sie sich super gefühlt.

Weil der neue Ernährungsstil allein nicht reichte, erhielt sie auch Insulin. Dennoch gaben die Werte ihres Babys keinen Anlass zur Entwarnung. Der Bauch des kleinen Leif wurde immer größer: ein typisches Zeichen für Schwangerschaftsdiabetes. Leif kam schließlich mit 58 Zentimetern und einem Gewicht von 4080 Gramm auf natürlichem Weg zur Welt - ohne Komplikationen. Zwar war der Bauch etwas zu groß, doch seine Zuckerwerte waren normal. Sein Gewicht lag aber an der oberen Grenze.

Die Fallzahlen steigen

Der sogenannte Gestationsdiabetes gehört zu den häufigsten Komplikationen während einer Schwangerschaft. Tendenz steigend: Waren es 2002 noch 1,5 Prozent, stieg der Anteil 2014 auf 4,4 Prozent und 2015 auf 4,9 Prozent, berichtet der Internist und Diabetologe Helmut Kleinwechter von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. 2015 litten in Deutschland also fast 35.400 werdende Mütter an Schwangerschaftsdiabetes.

"Seit 15 Jahren sehen wir eine kontinuierliche Zunahme an Gestationsdiabetes", sagt Kleinwechter. "Man muss davon ausgehen, dass die Zahlen jetzt auch steigen, weil gezielt und verbindlich danach gesucht werden muss." Seit 2012 ist der Diabetestest bei Schwangeren in der 24. bis 28. Woche laut Mutterschutzrichtlinien Pflicht.

Kleinwechter zufolge hat der Screening-Test jedoch nur eine eingeschränkte Aussagekraft. "Man entdeckt dabei nicht alle Kranken." Erst der Folgetest erlaube eine genauere Diagnose. Realistisch wäre eine Rate von Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes von sieben bis acht Prozent, sagt er mit Bezug auf Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Die Gründe für die steigende Zahl sind für die Experten klar: Alter und Gewicht der Mütter nehmen zu. "Frauen, die bei der Entbindung 40 bis 45 Jahre alt sind, haben ein erhöhtes Risiko", sagt Karsten Müssig, Leiter des Klinischen Studienzentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Jede zweite Frau in Deutschland sei übergewichtig oder sogar adipös.

Zu Diabetes komme es auch, weil die Schwangerschaftshormone dem Hormon Insulin entgegenwirkten, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Durch die gestörte Insulinwirkung erhöht sich der Blutzucker. Auch beim ungeborenen Kind kommt zuviel Zucker-Energie an, sodass es mehr Nährstoffe bekommt, als es eigentlich braucht und zu dick wird.

Strenge Kontrollen

Angesichts der strengeren Diabetes-Kontrollen kommt es in Deutschland inzwischen sehr selten vor, dass Babys mit mehr als sechs Kilo Gewicht geboren werden - was etwa 2013 in Leipzig passiert ist.

Heute gilt ein neugeborenes Mädchen mit einem Gewicht von mehr als 4000 Gramm als zu schwer, bei Jungen wird die Grenze bei etwa 4170 Gramm gezogen. Allerdings muss das nicht in jedem Fall krankhaft sein. Es kommt auch darauf an, wie groß die Eltern sind.

Für Mütter birgt ein unerkannter Diabetes laut Müssig die Gefahr von schwangerschaftsbedingtem Bluthochdruck oder Harnwegsinfekten, die Frühgeburten begünstigen können. Oft wird wegen der Größe des Babys ein Kaiserschnitt empfohlen. Außerdem steige das Risiko, dass die Mutter bei einer erneuten Schwangerschaft wieder Diabetes habe und langfristig einen Typ-2-Diabetes entwickele.

Fehlbildungen möglich

Auch das Baby ist in Gefahr, wenn der Diabetes nicht behandelt wird: Es kann zu stark an Gewicht zunehmen, zugleich aber "unreif" sein und Fehlbildungen bekommen. Häufig leiden die Neugeborenen unter einer schwachen Lunge und Atemnot oder haben einen Herzfehler. Und: "Langfristig haben diese Kinder ein Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes", sagt Müssig.

Zu 80 Prozent wird Schwangerschaftsdiabetes mit einer Lebensstil- und Ernährungsänderung behandelt. Bei etwa 20 Prozent der Patientinnen wird Insulin eingesetzt.

Mehr zum Thema

Anders als bei Tamara Ates spüren die meisten werdenden Mütter keine Symptome eines beginnenden Diabetes. Deshalb ist der Diabetestest so wichtig, sagt Frauenarzt Albring. Auch schlanke Frauen können plötzlich Diabetes in der Schwangerschaft haben, vor allem wenn es nahe Verwandte mit Typ-2-Diabetes gibt.

"Was unterschätzt wird, ist die Nachsorge der Frauen", sagt Kleinwechter. Weniger als die Hälfte der Betroffenen kämen sechs bis zwölf Wochen nach der Entbindung zum Zuckertoleranztest. Der sei aber wichtig. Etwa 50 Prozent der Frauen entwickelten nach zehn Jahren einen Diabetes. Bei Schwangeren, die mit Insulin behandelt wurden, sind die Prognosen noch schlechter. Auch Ates sagt: "Ich müsste mich jetzt eigentlich wieder auf Zucker testen lassen, aber es kam immer wieder etwas dazwischen."

Dorothea Hülsmeier, dpa/wbr

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
xformer 08.11.2016
1. Hier werden Krankheiten gemacht
In Ihrem Beitrag haben Sie nicht erwähnt, dass der Hauptgrund für die steigenden Fallzahlen die seit Jahren immer weiter gesenkten Grenzwerte sind! Diese "Krankheit" wird gemacht. Zuckerwerte, die vor Jahren noch völlig normal waren, sind auf ein Mal pathologisch und das, ohne dass es den geringsten wissenschaftlichen Grund für diese Senkungen gibt, Ich kenne einige Hebammen und die reagieren darauf nur mit Kopfschütteln. Ich habe diese sinnlosen Behandlungen bei mehreren Bekannten miterlebt. Diese Art von Schwangerschafts-Diabetes scheint mir genau derselben Logik wie der "Neugeborenen-Gelbsucht" zu folgen, die es tatsächlich nur in wenigen Ausnahmefällen gibt, die aber inzwischen durch die absurd niedrigen und durch keienrlei wissenschaftlichen Fakten gerechtfertigten Grenzwerte zu einer "schönen" Zusatzeinnahme für die Kliniken geworden ist, obwohl deren Behandlung hochgradig gefährlich für das Kind ist. Ein echter Diabetes sollte unbedingt behandelt werden. Aber hier muss endlich wieder die Wissenschaft den Ton angeben und nicht die Geldgier.
Sibylle1969 08.11.2016
2.
In meinem Bekanntenkreis hatten fast alle Frauen Schwangerschaftsdiabetes. Da alle über 35 waren, habe ich geschlossen, dass das Risiko mit dem Alter der werdenden Mutter steigt.
mairae 09.11.2016
3. zu #1
Sie verkennen die Gefahr der Schwangerschaftsdiabetes. Das hat nichts mit veränderten Bedingungen zu tun oder dergleichen, sondern ist ein Schutz des ungeborenen Kindes! Als Schwangere merkt man in der Regel nicht, dass man S-Diabetes hat, denn sie zeigt oft nicht die typischen Symtome (z.B. häufiger Harndrang). In diesem Artikel ist schon eine starke S-Diabetes geschildert worden! Bei einer einfachen S-Diabetes reicht es in der Regel aus die Ernährung umzustellen und man braucht kein Insulin. Der erste Test erfolgt durch eine einfache Blutabnahme im nüchternen Zustand. Bei mir war dieser Wert etwas zu hoch und ich musste zum großen Test mit drei Blutabnahmen antreten. Hier hatte sich dann gezeigt, dass alles normal war. Wäre dieser Test aber auch auffällig gewesen, hätte mich die Ärztin zum Facharzt geschickt zur dritten Kontrolle. Fakt ist, dass das ungeborene Kind bei einer S-Diabetes stärker wächst als normal und je größer das Kind wird, desto schwieriger wird eine natürliche Geburt. Ich wünsche es keiner Frau ihr Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen. Die natürliche Geburt ist ein wundervolles Erlebnis und stärkt die Beziehung zwischen Vater, Mutter und Kind!
Chaosfee 13.11.2016
4.
Zitat von xformerIn Ihrem Beitrag haben Sie nicht erwähnt, dass der Hauptgrund für die steigenden Fallzahlen die seit Jahren immer weiter gesenkten Grenzwerte sind! Diese "Krankheit" wird gemacht. Zuckerwerte, die vor Jahren noch völlig normal waren, sind auf ein Mal pathologisch und das, ohne dass es den geringsten wissenschaftlichen Grund für diese Senkungen gibt, Ich kenne einige Hebammen und die reagieren darauf nur mit Kopfschütteln. Ich habe diese sinnlosen Behandlungen bei mehreren Bekannten miterlebt. Diese Art von Schwangerschafts-Diabetes scheint mir genau derselben Logik wie der "Neugeborenen-Gelbsucht" zu folgen, die es tatsächlich nur in wenigen Ausnahmefällen gibt, die aber inzwischen durch die absurd niedrigen und durch keienrlei wissenschaftlichen Fakten gerechtfertigten Grenzwerte zu einer "schönen" Zusatzeinnahme für die Kliniken geworden ist, obwohl deren Behandlung hochgradig gefährlich für das Kind ist. Ein echter Diabetes sollte unbedingt behandelt werden. Aber hier muss endlich wieder die Wissenschaft den Ton angeben und nicht die Geldgier.
Schwangerschafts-Diabetes darf man nicht unterschätzen!! Sie führt dazu, dass das Kind überproportional groß wird. Eine Bekannte von mir hatte unerkannte S-Diabetes und die Geburt wurde zur Tortur, weil das Kind wesentlich größer und schwerer war als normal.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.