Weltgesundheitsorganisation So viel sollten sich Kleinkinder bewegen

Die WHO empfiehlt erstmals, wie lange sich Kleinkinder bewegen und wie viel Zeit sie vorm Bildschirm verbringen sollten. Bei bis zu Zweijährigen gilt eine strikte Vorgabe.

Wenn Kinder krabbeln lernen
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Wenn Kinder krabbeln lernen

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Kindsein bedeutet, sich Sport nicht vornehmen zu müssen. Stattdessen wimmelt die Welt von Gründen, zu hüpfen, zu rennen, zu klettern, zu erkunden. Eines aber hat die Macht, neben Erwachsenen auch die aktivsten Kinder ans Sofa zu fesseln: Bildschirme.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat jetzt erstmals Empfehlungen abgegeben, wie viel Zeit am Tag sich Kleinkinder im Alter von null bis fünf Jahren bewegen sollten - und wie viel sie höchstens vor Bildschirmen verbringen sollten. Damit schließt die Organisation eine Lücke, bislang existierten nur Bewegungsempfehlungen für Kinder ab einem Alter von fünf Jahren.

"Die frühe Kindheit ist eine Periode, in der sich der Körper und Kognition rasant entwickeln - und eine Zeit, in der sich die Gewohnheiten der Kinder formen und der familiäre Lebensstil offen ist für Veränderungen und Anpassungen", schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ziel ist es, langfristig die Zahl übergewichtiger Kinder zu reduzieren.

Um die Empfehlungen zu erarbeiten, werteten die Forscher wissenschaftliche Studien aus, die den Zusammenhang von Bewegung und Gesundheit von Kleinkindern ergründet hatten. Bewegung kann dabei alles bedeuten von Krabbeln, Rennen und Springen bis hin zum Balancieren, Klettern, Tanzen, Radfahren oder Seilhüpfen.

Neben körperlicher Aktivität konzentrierte sich die WHO bei ihren Empfehlungen außerdem noch auf das genaue Gegenteil: ausreichend Schlaf. Dieser sei Voraussetzung für eine gute körperliche, geistige und psychosoziale Entwicklung, heißt es in dem Text. So zeigen Studien, dass Kinder, die zu wenig schlafen, zum Beispiel häufiger übergewichtig sind.

Die Empfehlungen im Detail:

Kinder unter einem Jahr sollten innerhalb von 24 Stunden:

  • Mindestens 30 Minuten lang körperlich aktiv sein. Konkret schreibt die WHO, Eltern sollten mehrmals am Tag ihre Kinder bei verschiedenen körperlichen Aktivitäten unterstützen, vor allem durch interaktives Spielen, bei dem sich die Kinder auf dem Boden bewegen. Kinder, die noch nicht mobil sind, sollten laut WHO über den Tag verteilt während Wachphasen mindestens 30 Minuten auf dem Bauch liegen.
  • Keine Minute sitzend vor einem Bildschirm verbringen. Außerdem empfehlen die Experten, die Kinder nicht mehr als eine Stunde am Stück zu fixieren, etwa in Kinderwagen, Stühlen oder in Tragegurten. Falls die Kinder Zeit sitzend verbringen, sollten die Betreuer mit ihnen am besten ein Buch betrachten oder eine Geschichte erzählen - Bildschirme sind laut WHO in diesem Alter tabu. Als Begründung geben die Autoren neben körperlichen Vorteilen auch eine bessere geistige und soziale Entwicklung an.
  • 14 bis 17 Stunden schlafen (null bis drei Monate), beziehungsweise 12 bis 16 Stunden schlafen (vier bis elf Monate).

Kinder im Alter von einem bis zwei Jahren sollten innerhalb von 24 Stunden:

  • Mindestens 180 Minuten lang körperlich aktiv sein. Dabei sollten sich die Arten der Bewegung unterscheiden, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation. Über den Tag verteilt sollten sich die Kinder außerdem mehrmals so stark anstrengen, dass sie außer Atem geraten. Wie immer gilt: Mehr aktive Zeit ist besser.
  • Bis zum Alter von zwei Jahren null Minuten sitzend vor einem Bildschirm verbringen, danach höchstens eine Stunde. Auch in diesem Alter empfehlen die Experten, dass die Kinder nicht mehr als eine Stunde etwa in einem Stuhl oder einem Kinderwagen fixiert werden. Auch sollten die Kinder nicht über eine längere Zeit sitzen, etwa im Auto, an einem Tisch oder vor einem Fernseher.
    Für Einjährige sei es grundsätzlich nicht empfehlenswert, vor einem Bildschirm zu sitzen, etwa um Videos anzusehen oder Computer zu spielen, heißt es in den Empfehlungen. Für Zweijährige sollte die Bildschirmzeit pro Tag nicht eine Stunde überschreiten, weniger sei besser. Stattdessen empfiehlt die WHO auch in diesem Alter, sitzende Zeit mit Büchern oder Geschichten zu verbringen.
  • 11 bis 14 Stunden schlafen, inklusive Mittagsschlaf. Die Experten empfehlen regelmäßige Einschlaf- und Aufwachzeiten.

Kinder im Alter von drei bis vier Jahren sollten innerhalb von 24 Stunden:

  • Mindestens 180 Minuten körperlich aktiv sein. Mindestens 60 Minuten davon sollten die Kinder über den Tag verteilt mit moderaten bis stark anstrengenden Aktivitäten verbringen, die sie außer Atem bringen. Als Beispiele dafür nennt die WHO schnelles Laufen, Radfahren, Ballspiele, Schwimmen oder Tanzen. Auch hier gilt: Mehr aktive Zeit ist noch besser, außerdem sollten über den Tag verteilt verschiedene Aktivitäten kombiniert werden.
  • Nicht mehr als eine Stunde pro Tag sitzend vor einem Bildschirm verbringen. Auch hier rät die WHO eher zum Angucken von Büchern oder zum Geschichtenerzählen, als zur Unterhaltung durch Fernsehen, Computer oder Handy. Außerdem sollten Kinder in diesem Alter ebenfalls nicht mehr als eine Stunde am Stück fixiert werden oder für eine längere Zeit sitzen.
  • 10 bis 13 Stunden schlafen, mit Option auf einen Mittagsschlaf. Die Kinder sollten wie schon Ein- und Zweijährige regelmäßige Schlafzeiten einhalten.

Damit die Gesundheit der Kinder am stärksten profitiert, sollten alle drei Punkte (körperliche Bewegung, Sitzverhalten und Schlaf) eingehalten werden, schreibt die WHO. Die Empfehlungen gelten demnach gleichermaßen in Ländern mit einem hohen, mittleren oder geringen Einkommen. In zehn Jahren sollen sie aktualisiert werden - es sei denn, neuere Studien machen eine frühere Überarbeitung notwendig.

Ob sich die Empfehlungen tatsächlich im Alltag umsetzen lassen, müssen Eltern für sich selbst ausprobieren. Insbesondere kleine Kinder verbringen mitunter viel Zeit in ihren Kinderwagen, Hochstühlen oder Sitzwippen. Denn ohne diese Hilfsmittel könnten Eltern ihren Nachwuchs kaum von A nach B transportieren, füttern oder in Sicherheit wissen, wenn sie das Kind kurz aus den Augen lassen. Allerdings ließen sich die Zeiten in sitzender oder fixierter Position vermutlich insgesamt reduzieren.

Für Fünf- bis 17-Jährige hatte die Weltgesundheitsorganisation schon in der Vergangenheit Bewegungsempfehlungen aufgestellt. Als Voraussetzung für einen gesunden Körper sollten sich größere Kinder demnach pro Tag mindestens eine Stunde lang moderat bis anstrengend bewegen, was neben Spielen und Fahrradfahren auch gezielten Sport beinhalten kann. Außerdem sollten Kinder ihren Körper mindestens dreimal die Woche wirklich fördern, um Kraft und Ausdauer zu verbessern.



insgesamt 53 Beiträge
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maikäfer 24.04.2019
1. Der Anblick
von Kleinstkindern, die teilnahmslos in Tablet oder Smartphone starren macht mich unendlich traurig. Die Hauptnahrung des kindlichen Gehirns sind konkrete, eindeutige Umweltdaten und keine diffus-visuelle Datensoße. Die daraus resultierende Handlungsunfähigkeit des betroffenen Menschen ist somit angezüchtet. Spitzer, ick hör Dir trapsen....
austromir 24.04.2019
2. Reiseverbot
Im Prinzip spricht die WHO ein Reiseverbot für Kinder unter 5 Jahren aus. Das wird wohl bei vielen nur Kopfschütteln auslösen.
madameping 24.04.2019
3. Ich verstehe dieses Problem nicht
Als Kleinkind, als Vorschul-Kind bin ich den ganzen Tag draußen gewesen. Wir haben - jeweils dem Alter entsprechend - in den Gärten getobt oder auf Wiesen oder auf Feldern oder bei schlimmen Regen in einem eigens für uns geschaffenen Raum im Keller mit einer tollen Höhle aus alten Decken Blödsinn gemacht. Wir haben im Dreck gewühlt und uns nach allen Regeln der Kunst eingesaut. Ob bei Schnee oder Sonnenschein oder Kälte oder Hitze. Wir waren draußen und auch keineswegs ständig unter sorgenvoller Aufsicht. Unsere Mütter wurden deswegen nicht wegen schwerer Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung an den Gesellschaftspranger gestellt. Wir sind gerannt, gelaufen, sind auf Bäume geklettert, heruntergeflogen, mit dem Dreirad und später mit dem Fahrrad hingefallen, sind wieder aufgestanden, haben uns gehauen, geheult und wieder vertragen und haben uns über was auch immer schlappgelacht. NIEMAND, nochmals - niemand hat dabei Schaden erlitten. Auch als Schulkind oder später als Jugendliche waren wir nach der Schule und den Schularbeiten draußen - und haben uns bewegt. In der Schule haben wir nicht umhergezappelt und im Restaurant sind wir auch nicht über Tische und Bänke gesprungen oder den Kellnern in die Beine gerannt - denn wir waren erzogen und körperlich ausgelastet. Ich verstehe beim besten Willen nicht, was den heutigen Kindergenerationen angetan wird. Stattdessen missbraucht man sie einerseits als Statussymbol und andererseits als Provokationsmittel. DAHINTER verbirgt sich die wahre Kinderfeindlichkeit. Hierüber sollte endlich einmal reflektiert werden.
fred.heine 24.04.2019
4. Sitzt er schon, spricht er schon?
"Und wie geht es Ihrem Sohn? Sitzt er schon? Spricht er schon?" Loriot: "Mein Sohn ist 16 Jahre alt. Er sitzt und spricht."
ekel-alfred 24.04.2019
5. Dito!
Zitat von madamepingAls Kleinkind, als Vorschul-Kind bin ich den ganzen Tag draußen gewesen. Wir haben - jeweils dem Alter entsprechend - in den Gärten getobt oder auf Wiesen oder auf Feldern oder bei schlimmen Regen in einem eigens für uns geschaffenen Raum im Keller mit einer tollen Höhle aus alten Decken Blödsinn gemacht. Wir haben im Dreck gewühlt und uns nach allen Regeln der Kunst eingesaut. Ob bei Schnee oder Sonnenschein oder Kälte oder Hitze. Wir waren draußen und auch keineswegs ständig unter sorgenvoller Aufsicht. Unsere Mütter wurden deswegen nicht wegen schwerer Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung an den Gesellschaftspranger gestellt. Wir sind gerannt, gelaufen, sind auf Bäume geklettert, heruntergeflogen, mit dem Dreirad und später mit dem Fahrrad hingefallen, sind wieder aufgestanden, haben uns gehauen, geheult und wieder vertragen und haben uns über was auch immer schlappgelacht. NIEMAND, nochmals - niemand hat dabei Schaden erlitten. Auch als Schulkind oder später als Jugendliche waren wir nach der Schule und den Schularbeiten draußen - und haben uns bewegt. In der Schule haben wir nicht umhergezappelt und im Restaurant sind wir auch nicht über Tische und Bänke gesprungen oder den Kellnern in die Beine gerannt - denn wir waren erzogen und körperlich ausgelastet. Ich verstehe beim besten Willen nicht, was den heutigen Kindergenerationen angetan wird. Stattdessen missbraucht man sie einerseits als Statussymbol und andererseits als Provokationsmittel. DAHINTER verbirgt sich die wahre Kinderfeindlichkeit. Hierüber sollte endlich einmal reflektiert werden.
Echt? Und das haben Sie alles überlebt? Aus Ihren Zeilen lese ich, dass wir zur gleichen Generation gehören. Auch ich hatte diese tolle Kindheit und konnte draußen im Dreck spielen. Vermutlich hat das mein Immunsystem gestärkt und ich muss mir heute keinen Kopf um irgenwelche Allergien machen. Generation "Wischen" wird dieses Glück später wohl nicht haben. BtW: Wie hat die Menschheit eigentlich ohne WHO überlebt?
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