Risiko für Depressionen Stress in der Schwangerschaft hinterlässt Spuren im Baby-Hirn

Stress in der Schwangerschaft ist ein Risikofaktor für spätere Depressionen und andere Krankheiten. Zu diesem Schluss kommen Jenaer Forscher. Im Gehirn von Ungeborenen haben sie entdeckt, welche Spuren Stresshormone hinterlassen.
Fötus im Mutterleib (Illustration): Zehn Prozent des mütterlichen Stresshormons Cortisol erreichen das Ungeborene

Fötus im Mutterleib (Illustration): Zehn Prozent des mütterlichen Stresshormons Cortisol erreichen das Ungeborene

Foto: Corbis

"Was empfindet wohl mein Baby im Bauch?", fragen sich fast alle Frauen in der Schwangerschaft. Sickern Angst, Stress, Trauer und Schmerzen, die die Mutter spürt, bis zum Ungeborenen durch? Und vor allem: Kann es einen Schaden fürs spätere Leben davontragen?

Tatsächlich kommt mütterlicher Stress auch beim Fötus an, allerdings nicht eins zu eins: Enzyme in der Plazenta schützen das Ungeborene vor zu viel Angst und Aufregung der Mutter. Dennoch erreichen etwa zehn Prozent des mütterlichen Stresshormons Cortisol den kleinen Organismus - genug, um einen beträchtlichen Einfluss auf das Kind im Bauch zu haben.

Zu diesem Schluss kommen Forscher der Hans-Berger-Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Jena, die am Freitag ihre Ergebnisse bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)  in Wiesbaden vorgestellt haben. "Pränataler Stress hebt beim Ungeborenen den Stresshormonspiegel dauerhaft an und beschleunigt die Hirnreifung", sagt der Neurologe Matthias Schwab, der in Jena die Arbeitsgruppe "Fetale Hirnentwicklung und Programmierung von Erkrankungen im späteren Leben" leitet. "Stress während der Schwangerschaft ist deshalb ein wesentlicher Risikofaktor für spätere Depressionen und andere Krankheiten."

EEG im Mutterleib

Um die Hirnaktivität per EEG im Mutterleib untersuchen zu können, führten die Forscher ihre Studien bei Schafen durch, bei denen die Trächtigkeit und die Hirnentwicklung ähnlich wie beim Menschen verlaufen. Die Muttertiere bekamen Betamethason gespritzt, ein synthetisches Präparat, das wie Cortisol zu den Glucocorticoiden gehört und das auch schwangere Frauen bei drohenden Frühgeburten erhalten. Der Wirkstoff lässt die Lunge schneller reifen und erhöht damit die Überlebenschancen von Frühchen. Den Schafen wurde der hormonelle Reifungsstimulus - umgerechnet auf die menschliche Schwangerschaftsdauer - in der 25. bis 32. Woche gespritzt.

Die Folge: Das Stresshormon bewirkte nicht nur eine Turbo-Reifung der Lungen, sondern auch des Gehirns. "Sichtbar wurde das vor allem an der Entwicklung des Traumschlafes, der sich normalerweise erst im letzten Schwangerschaftsdrittel über mehrere Wochen hinweg ausprägt", sagt Schwab. Betamethason lege im Gehirn buchstäblich einen Schalter um, "der den Traumschlaf innerhalb von zwei bis vier Tagen anknipst".

Eine weitere Folge war die sogenannte permanente Fragmentierung der Schlafstadien. Das heißt, Tief- und Traumschlaf (auch REM-Schlaf genannt) wechseln sich in sehr kurzen Abständen ab. Die Fragmentierung ist ein typisches Zeichen für Depressionen im späteren Leben und tritt Schwab zufolge auch beim menschlichen Neugeborenen auf, "wenn die Mutter übermäßigen Stress hat".

Höheres Depressionsrisiko bei Frühchen

Das Problem an der frühzeitigen Reifung der Hirnstrukturen: "Sie geht auf Kosten von Wachstum und Zellteilung", sagt Schwab. Das bestätigen auch andere Fachärzte. "Kinder, die mit Lungenreife-Spritzen behandelt wurden, zeigen eine abgeschwächte Aktivität der Stressachse und haben ein geringeres Geburtsgewicht", sagt Thorsten Braun, Gynäkologe an der Charité in Berlin.

Acht bis zehn Prozent der Schwangeren bekommen in Deutschland bei einer drohenden Frühgeburt Betamethason. Die Lungenreife-Spritzen senken die Frühchensterblichkeit um 31 Prozent. In Tierstudien wurde allerdings nachgewiesen, dass die Stresshormone im späteren Leben Bluthochdruck, Herzkrankheiten und Diabetes begünstigen, räumt Braun ein. Beim Menschen zeigten Untersuchungen vor allem ein höheres Risiko für Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten.

In einer noch unveröffentlichten Studie untersuchten Schwab und sein Team 40 achtjährige Kinder, die im Mutterleib eine Betamethason-Behandlung erhalten hatten, und verglichen sie mit 40 Normalgeborenen. In einem Stresstest schnitten die behandelten Kinder deutlich schlechter ab. "Sie hatten im Durchschnitt einen um zehn Prozent geringeren Intelligenzquotienten, Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit", sagt Schwab. Zudem habe das EEG gezeigt, dass diese Kinder sich vor dem Test nicht entspannen und währenddessen ihr Gehirn nicht aktivieren konnten.

Bekommen Ungeborene zu viele Stresshormone ab, "betrachtet" der Körper den erhöhten Pegel als normal. "Diese Kinder werden bereits im Mutterleib darauf programmiert, Zeit ihres Lebens mehr Stresshormone auszuschütten", sagt Schwab. Dabei sei es unerheblich, ob die Hormone synthetisch sind oder vom mütterlichen Körper erzeugt werden.

Forscher von der niederländischen Universität Tilburg konnten nachweisen, dass mütterlicher Stress vor allem zwischen der 12. und 22. Schwangerschaftswoche die emotionale und kognitive Entwicklung des Fötus ungünstig beeinflusst und diese Effekte noch 20 Jahre später erkennbar sind.

Schwab warnt jedoch vor Panikmache. "Stress in der Schwangerschaft ist normal." Auch die Lungenreife-Spritzen seien eine wichtige und notwendige Therapie, so Schwab. "Erhöhte Stresshormonspiegel beim Baby im Mutterleib spielen aber scheinbar eine größere Rolle bei der Entstehung von Krankheiten, als bisher angenommen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es in einem Zitat, Kinder, die mit einer Lungenreife-Spritze behandelt werden, zeigten eine deutlich erhöhte Aktivität der Stressachse. Das ist falsch, vielmehr zeigen diese Kinder eine abgeschwächte Aktivität der Stressachse. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.
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