Geburtstrauma Wenn die Entbindung zum Albtraum wird

Eine Geburt ist etwas völlig Natürliches - doch Schmerzen, Hilflosigkeit und Angst lösen bei einigen Frauen ein Trauma aus.

Neun Stunden Presswehen, dann verließ sie die Kraft - und es kam Hektik im Kreißsaal auf. Eine Mutter, Anna, beschreibt ihre Erfahrungen bei der Entbindung, die sie als traumatisch empfand, eindringlich in einem Blogbeitrag . "Viele Ärzte kamen, es wurde geschnitten, mit der Saugglocke hantiert, zwei Hebammen pressten auf meinen Bauch... und dann… war sie da. Mein Wunschkind. Ich war erleichtert - doch ich spürte, wie stark ich verletzt bin." Eine Stunde wurde sie genäht, berichtet die Mutter. "Der junge Arzt zitterte so dabei, dass der Oberarzt irgendwann übernahm. Mein Baby lag währenddessen in meinem Arm und schrie genauso wie ich."

Für manche Mütter ist die Entbindung ein traumatisches Ereignis. "Da darf man aber nichts pathologisieren, sondern muss genau hinschauen", sagt Wolf Lütje, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde.

Bei vielen Frauen verblasst nach und nach die Erinnerung. Doch manche zeigen die typischen Symptome einer Traumatisierung. Das Erlebte scheint auch Monate später immer noch ganz nahe zu sein. Es gibt Erinnerungslücken, sie können schlecht schlafen, die Beziehung zum Kind und manchmal auch zum Partner leidet. Auch Anna schreibt: "Psychisch ging es mir einfach schlecht, ich hatte ständig Angst."

In Todesangst

"Die Frauen fühlen sich oft schuldig und fragen sich, was sie falsch gemacht haben", sagt die Psychotherapeutin Maria Zemp aus Euskirchen. "Dabei zeigen sie eine ganz normale Reaktion auf ein abnormales Geschehen."

Belastend für Gebärende kann es sein, wenn sie sich an Entscheidungen während der Geburt nicht ausreichend beteiligen können, sagen Lütje und Zemp. Personalmangel und Zeitdruck können diese Problematik verschärfen.

Ganz schlimm sei es, wenn etwas gegen den Willen der Frau getan, gewalttätig vorgegangen oder gedroht wird, sagt Psychotherapeutin Zemp. Frauen könnten in Todesangst geraten, wenn ihnen so auf den Bauch gedrückt wird, dass sie kaum mehr atmen können. Auch ein zu tief angesetzter Dammschnitt oder das Manipulieren am Muttermund könnten als gewalttätig erlebt werden. "Natürlich müssen diese Geburtstechniken manchmal gemacht werden, aber da darf nichts über den Kopf der Frau entschieden werden."

Ebenso elementar für die Gebärenden ist das Gefühl der Kontinuität. Am besten ist es, wenn die Frau während der gesamten Geburt von derselben Hebamme und demselben Team betreut wird. Alle Ansprechpartner im Krankenhaus müssen sich einig sein. Widersprüchliche Angaben verstärken sonst das Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Frühere Traumata wachgerufen

Bei einer Geburt können auch frühere Traumata wachgerufen werden. Wenn Frauen die Geburt seelisch nicht verkraften, ist dies oft der Fall. "Da kommen bislang unbewusste Ängste zum Vorschein. Das Erleben bei der Geburt triggert etwas, mit dem die Frau in diesem Moment nicht umgehen kann", sagt die Psychologin Birgit Spieshöfer aus Verden.

So ist es möglich, dass das Gefühl der Machtlosigkeit und des Kontrollverlustes während des Gebärens plötzlich an einen früheren sexuellen Missbrauch erinnert. Auch die Schmerzen können ein altes Trauma wachrütteln.

Wenn Frauen das Gefühl haben, die Geburt nicht richtig verarbeiten zu können, sollten sie sich möglichst bald Hilfe holen. "Manchmal hilft es, wenn die Frauen mit dem Arzt oder der Hebamme die Geburt nachbesprechen", empfiehlt Lütje. Dabei können sie sich Fakten zu den von ihnen traumatisch erlebten Stunden besorgen und sagen, was ihnen nicht gepasst hat.

Reicht das nicht, kennen diese Fachleute entsprechende Beratungsstellen. Weiterhelfen bei der Suche kann auch das Frauenhilfetelefon des Bundesfamilienministeriums. Es ist rund um die Uhr kostenlos unter der Nummer 0800/116016 erreichbar. Auch der Verein Schatten & Licht  berät Frauen, die im Zusammenhang mit der Geburt psychisch erkranken.

Psychotherapeutische Hilfe kann ratsam sein, vor allem bei Frauen, bei denen während der Geburt ein früher erlebtes Trauma wachgerüttelt wurde. Spieshöfer rät, sich einen Therapeuten zu suchen, der sich mit Traumata auskennt. "Denn das ist ein sehr spezielles Thema." Wie lange eine solche Therapie dauere, sei völlig unterschiedlich.

Anna wurde einige Jahre nach der ersten, traumatischen Entbindung ein zweites Mal Mutter - mit einem geplanten Kaiserschnitt.

wbr/Sabine Maurer, dpa
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