USA Kinderärzte befürworten Beschneidung

US-Kinderärzte rechnen mit steigenden Gesundheitskosten und Infektionszahlen, weil die Zahl beschnittener Kinder sinkt. Es spreche mehr für als gegen die Beschneidung neugeborener Jungen, finden die Mediziner. Doch über die Operation entscheiden sollen die Eltern.
Skalpell: Die Empfehlungen in den USA unterscheiden sich deutlich von jenen in Deutschland

Skalpell: Die Empfehlungen in den USA unterscheiden sich deutlich von jenen in Deutschland

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Seit Juli diskutieren in Deutschland Politiker, Mediziner, Juristen und Theologen über die Frage, ob Eltern ihre Kinder auch ohne medizinischen Grund beschneiden lassen dürfen. In einem umstrittenen Urteil hatte das Kölner Landgericht die Beschneidung aus religiösen Gründen für strafbar erklärt. Jetzt greift die Debatte auf die USA über: Die Interessenvertretung der US-Kinderärzte hat ihre Empfehlungen aktualisiert - und empfiehlt die Beschneidung männlicher Neugeborener. Eine Überprüfung des verfügbaren Fachwissens habe ergeben, so die American Academy of Pediatrics , dass der gesundheitliche Nutzen der Beschneidung neugeborener Jungen die Risiken überwiege.

Der Nutzen des Eingriffs, so die US-Kinderärzte, rechtfertige die Operation, wenn die Familien sich dafür entschieden. Doch nicht jeder männliche US-Bürger sollte in seinen ersten Lebenstagen automatisch beschnitten werden. Die Entscheidung für oder gegen den Eingriff bleibe letztlich den Eltern überlassen. Denn der medizinische Nutzen allein wiege nicht automatisch schwerer als andere Überlegungen einzelner Familien.

Ihre Empfehlung stützen die US-Kinderärzte auf die Auswertung wissenschaftlicher Studien zur Beschneidung durch eine 2007 eingerichtete Task-Force. Nach deren Urteil gibt es überzeugende Ergebnisse, die zeigen, dass eine Beschneidung das Risiko für Infektionen im Harntrakt, Peniskrebs und sexuell übertragbare Krankheiten verringert.

Am sichersten, so die US-Kinderärzte, sei die Operation im Neugeborenenalter, dann brächte sie auch den größten Nutzen. In ihrer Stellungnahme fordern die Mediziner, nur geübte und kompetente Personen dürften die Beschneidung durchführen. Und zwar unter sterilen Bedingungen und einer wirksamen Schmerztherapie, also mit Betäubung und Gabe von Schmerzmitteln nach dem Eingriff. Die Interessenvertretung der US-Gynäkologen, das American College of Obstetricians and Gynecologists, schloss sich der Erklärung an.

US-Forscher fürchten die Kosten durch nicht beschnittene Männer

Die Empfehlung kommt nur eine Woche nach einer Studie im Fachmagazin "Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine" : Würde die Rate der beschnittenen männlichen US-Amerikaner auf Werte wie in Europa sinken, so das Fazit der Studie, könne das die lebenslangen Gesundheitskosten in die Höhe treiben. Das Risiko für Infektionen unter anderem mit dem HI-Virus, dem humanen Papillomvirus und anderen über Geschlechtsverkehr übertragbare Krankheiten könne ansteigen. Das hatten Computersimulationen der Forscher gezeigt.

Die Wissenschaftler warnen daher davor, die Kostenübernahme für die Beschneidung durch die staatliche Krankenversicherung Medicaid für bedürftige US-Bürger zu kappen. 18 US-Bundesstaaten würden die Operation schon heute nicht mehr bezahlen. Während in den USA bis in die achtziger Jahre noch vier von fünf Jungen beschnitten wurden, waren es nach Angaben der Wissenschaftler im Jahr 2010 nur noch gut die Hälfte.

In Deutschland gibt es dagegen keine generelle Empfehlung, Neugeborene zu beschneiden. Die medizinischen Gründe, aus denen Jungen oder Männer beschnitten werden, umfassen unter anderem regelmäßige Entzündungen von Vorhaut oder Eichel, wiederkehrende Infektionen der Harnwege, Probleme beim Wasserlassen oder wenn die Vorhaut beim versteiften Glied nicht zurückgezogen werden kann oder zu Schmerzen führt. In diesen Fällen sehen auch die Leitlinien  der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie eine Zirkumzision vor.

Deutsche Ärzte warnen vor Folgen schmerzhafter Beschneidungen

In die deutsche Debatte um religiös begründete Beschneidungen hatten sich in den vergangenen Wochen immer wieder Kinderärzte eingeschaltet. So forderte der Münchner Kinderchirurg Maximilian Stehr in einem Essay im SPIEGEL , auf die Zirkumzision zu verzichten, wenn diese nicht aus den oben genannten Gründen medizinisch notwendig ist. Anders als die US-Kinderärzte sieht Stehr keinen medizinischen Nutzen einer Routinebeschneidung. "Beschnittene Säuglinge haben zwar zehnmal weniger Harnwegsinfekte im ersten Lebensjahr, doch diese Infekte sind generell so selten, dass 100 Zirkumzisionen notwendig wären, um einen einzigen Harnwegsinfekt zu verhindern."

Der von der WHO propagierte Schutz vor sexuell übertragbaren Erregern wie HIV gelte nur in Regionen mit hohem Ansteckungsrisiko, in Deutschland ergebe die vorbeugende Beschneidung daher epidemiologisch keinen Sinn. Und selbst wenn, dann könnten die Jungen auch in einem Alter beschnitten werden, in dem sie selbst über die Operation entscheiden können. Die Studienlage zum Schutz vor einem Peniskarzinom oder von Papillomviren mitverursachtem Gebärmutterhalskrebs bei der Frau, so Stehr, würden nicht von allen Wissenschaftlern so beurteilt, wie es jetzt offenbar die US-Kinderärzte getan haben.

Der Präsident des Berufsverbands Deutscher Urologen, Axel Schroeder, sieht das Kindeswohl durch das Kölner Urteil aus einem anderen Grund als Stehr gefährdet : Solange nicht geklärt sei, ob deutsche Ärzte Jungen auch aus religiösen Gründen beschneiden dürften, drohten muslimische und jüdische Eltern in die Kriminalität gedrängt und Kinder von Laienbeschneidern außerhalb von Praxen oder Kliniken beschnitten zu werden.

Insgesamt sahen die Urologen und ihr Berufsverband auch in der Vergangenheit die Beschneidung von nicht einwilligungsfähigen Jungen häufiger für richtig an als etwa der Münchner Kinderchirurg Stehr. In einer bereits 2009 veröffentlichten Reaktion  auf einen Fachartikel Stehrs im "Deutschen Ärzteblatt"  wehrt der Justiziar des Urologenverbands sich gegen Stehrs Feststellung, die Eltern eines Kindes könnten die Einwilligung zu einer religiös motivierten Beschneidung nicht geben.

Über einen Punkt in der Beschneidungsdebatte indes herrscht mittlerweile Einigkeit: Für Neugeborene ist der Eingriff alles andere als schmerzfrei. Dazu sagte Boris Zernikow, Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Datteln, jüngst in einem SPIEGEL-Interview: "Das schmerzunterdrückende System ist erst einige Monate nach der Geburt funktionstüchtig. Neugeborene empfinden mehr Schmerzen als ein Erwachsener."

Mitarbeit: Cinthia Briseño
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