Globale Bevölkerungsentwicklung Ist die Welt bald zu voll?

In den Entwicklungsländern wächst die Bevölkerung rasant, bald reicht der Platz nicht mehr. So blicken viele auf die Welt - aber sie irren. Wissen Sie es besser?

Megacity Osaka in Japan: Stimmt es wirklich, dass die Zeit hoher Geburtenraten vorbei ist?
Mendowong Photography/ Getty Images

Megacity Osaka in Japan: Stimmt es wirklich, dass die Zeit hoher Geburtenraten vorbei ist?

Von


Lassen Sie uns diesen Artikel mit zwei Fragen beginnen. Beantworten Sie diese bitte durch Klicken beziehungsweise Antippen der Ihrer Meinung nach korrekten Antworten:

Die Wissenslücke

Bei einer dieser Fragen danebenzuliegen, ist sicher keine Schande. Und doch zeigt sich hier ein tiefer liegendes Problem: Studien zeigen, dass die allermeisten Menschen ein falsches Bild vom Zustand der Welt haben (der schwedische Arzt und Wissenschaftler Hans Rosling hat sich zeitlebens mit diesem Thema beschäftigt. Lesen Sie hier ein Interview mit seinem Sohn, der sein Erbe weiterführt). Wir unterschätzen systematisch Fortschritte bei der Bildung, in der Armutsbekämpfung und bei der Lebenserwartung. Gefahren hingegen überschätzen wir.

Welche Auswirkungen diese Fehleinschätzungen haben können, zeigt sich an den eingangs gestellten Fragen. Wer glaubt, die Zahl der Kinder steige weltweit stark an und Menschen in Ländern wie Bangladesch seien mit hohen Geburtenraten für eine Explosion der Bevölkerung verantwortlich, der hat ein veraltetes Weltbild.

Doch was ist richtig? Stimmt es wirklich, dass die Zeit hoher Geburtenraten vorbei ist? Und wie passt das zusammen mit der immer noch starken Zunahme der Weltbevölkerung? Hier die Erklärung in Zahlen und Grafiken:

Ja, die weltweite Bevölkerung steigt stark an, das gilt insbesondere seit circa 1950. Viele werden in der Schule noch Zahlen von vier, fünf oder sechs Milliarden Erdbewohnern gelernt haben. Mittlerweile stehen wir bei 7,7 Milliarden und im Diagramm zeigt sich noch kein Abflachen der Kurve.

Laut Prognosen der Uno wird sich das Wachstum zukünftig aber abschwächen und die Zahl der Menschen auf der Welt um das Jahr 2100 bei grob elf Milliarden stabilisieren. Vorhersagen, die so weit in die Zukunft ragen, sind allerdings in der Regel mit größeren statistischen Unsicherheiten verbunden, die sich im obigen Diagramm am grau gezeichneten Bereich ablesen lassen.

Betrachtet man die Entwicklung der Weltbevölkerung nach Altersklassen, so zeigt sich ein für viele unerwarteter Trend. Die Zahl der Kinder im Alter bis 14 Jahren ist global bereits heute nahezu stabil und wird, siehe Eingangsfrage, auch für das Jahr 2100 mit grob zwei Milliarden geschätzt. Die Zahl der Erwachsenen hingegen wird laut Uno-Prognosen von heute 5,1 Milliarden auf circa 6,5 Milliarden steigen. Die Zahl der Menschen im Alter von über 65 wird sich sogar voraussichtlich mehr als verdreifachen.

Was die Zahl der Kinder pro Frau angeht, kam es innerhalb der vergangenen hundert Jahre zu einer bemerkenswerten Entwicklung. In der vorindustriellen Zeit lag die Geburtenrate noch bei knapp sechs Kindern pro Frau, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann bei rund fünf. Besonders stark war der Rückgang seit den Siebzigerjahren. Aktuell bekommen Frauen weltweit im Schnitt 2,47 Kinder.

Von einem stabilen Niveau spricht man bei einem Wert von 2,1 Kindern pro Frau, da nicht alle geborenen Kinder selbst das zeugungsfähige Alter erreichen. Die Uno-Prognose geht davon aus, dass dieser Wert um das Jahr 2065 erreicht wird.

Verantwortlich für die aktuell noch steigende Bevölkerungszahl ist demnach weniger die Geburtenrate, sondern vielmehr eine Kombination aus gestiegener Lebenserwartung und dem sogenannten demografischen Momentum: Die Bevölkerungszahl kann sich erst stabilisieren, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der vergangenen Jahrzehnte ihre Familiengründung abgeschlossen haben. Die gesunkene Geburtenrate wirkt sich also erst mit deutlicher Verzögerung aus.

Hochentwickelte Länder haben überwiegend eine Geburtenrate von unter 2,1 - ohne Zuwanderung schrumpfen hier die Einwohnerzahlen. In Deutschland etwa gäbe es ohne Zuwanderung 2060 nur noch 65 Millionen Einwohner, Ende 2018 waren es noch 83 Millionen.

In Entwicklungs- und Schwellenländern unterscheidet sich die Situation stark je nach Region. Im arabischen Raum etwa, in Indien, in Südostasien sowie im nördlichen und südlichen Teil Afrikas liegt die Geburtenrate meist bei unter 2,5, teilweise auch bei bis zu drei Kindern pro Frau. Höhere Geburtenraten existieren nahezu ausschließlich in West-, Zentral- und Ostafrika.

Dort sind allerdings auch sehr bevölkerungsreiche Staaten wie Nigeria und die Demokratische Republik Kongo betroffen. Durch die Kombination aus großer Bevölkerungszahl und hohem Bevölkerungswachstum tragen diese aktuell noch ganz entscheidend zum prognostizierten Bevölkerungswachstum bei.

Beim Blick auf die Historie zeigt sich, wie stark der Wohlstand einer Gesellschaft und die Geburtenrate zusammenhängen. Je reicher ein Land wird, desto weniger Kinder bekommen die Menschen.

Im folgenden Diagramm wandern die Länder - durch Punkte symbolisiert - über die Jahrzehnte tendenziell von links-oben nach rechts-unten. Das zeigt: Mit steigendem Haushaltseinkommen bekommen die Frauen weniger Kinder. Sobald die Menschen die Altersvorsorge anders regeln können als mit möglichst viel Nachwuchs, bewegt sich die Geburtenrate recht zügig auf ein stabiles Niveau zu.

In Europa hat dieser Prozess im weltweiten Vergleich am frühesten begonnen. Es folgten nach und nach Nord- und Südamerika, Asien und schließlich Afrika. China unterschritt mit seiner Ein-Kind-Politik bereits um das Jahr 1992 die Schwelle von 2,1 Kindern pro Frau. Bangladesch gelang es innerhalb von 40 Jahren, die Geburtenrate von 6,8 (1975) auf unter 2,1 (2016) zu reduzieren. Die meisten afrikanischen Länder befinden sich aktuell mitten in dieser Entwicklung.

Was lässt sich daraus lernen?

Was die Entwicklung der Bevölkerung angeht, lässt sich festhalten: Ja, die Zahl der Menschen auf der Welt wird voraussichtlich noch um mehrere Milliarden zunehmen. Und dennoch stimmt das Bild von der Bevölkerungsexplosion so nicht mehr. Die Menschheit ist auf dem Weg zu einer stabilen Einwohnerzahl, die Auswirkungen dieser Entwicklung machen sich allerdings nur mit Verzögerung bemerkbar.

In vielen weiteren Bereichen der globalen Entwicklung sieht es ähnlich aus. Die meisten Menschen sind nicht mehr arm, sondern zählen zur bescheidenen Mittelschicht, die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit liegt bei 70 Jahren und die jährliche Zahl an Opfern durch Naturkatastrophen hat sich in den vergangenen hundert Jahren halbiert.

Lernen kann man dies durch einen Blick in die Statistiken oder einen Besuch in fernen Ländern. Wer vom Sofa aus sein Weltbild hinterfragen will, kann das posthum veröffentlichte Buch "Factfulness" von Hans Rosling zur Hand nehmen.

Preisabfragezeitpunkt:
15.12.2019, 05:14 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Rosling, Hans, Rosling Rönnlund, Anna, Rosling, Ola
Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
400

Vielleicht gelingt es einem so, eine Wissenslücke zu schließen und nicht nur ein realistischeres, sondern auch ein positiveres Bild von der Welt zu erlangen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft, für das unsere Reporter von vier Kontinenten berichten. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.
Was ist das Projekt Globale Gesellschaft?
Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten - über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Politikressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Sind die journalistischen Inhalte unabhängig von der Stiftung?
Ja. Die redaktionellen Inhalte entstehen ohne Einfluss durch die Gates-Stiftung.
Haben auch andere Medien ähnliche Projekte?
Ja. Große europäische Medien wie "The Guardian" und "El País" haben mit "Global Development" beziehungsweise "Planeta Futuro" ähnliche Sektionen auf ihren Nachrichtenseiten mit Unterstützung der Gates-Stiftung aufgebaut.
Gab es bei SPIEGEL ONLINE bereits ähnliche Projekte?
SPIEGEL ONLINE hat in den vergangenen Jahren bereits zwei Projekte mit dem European Journalism Centre (EJC) und der Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation umgesetzt: Die "Expedition Übermorgen" über globale Nachhaltigkeitsziele sowie das journalistische Flüchtlingsprojekt "The New Arrivals", in deren Rahmen mehrere preisgekrönte Multimedia-Reportagen zu den Themen Migration und Flucht entstanden sind.
Wo finde ich alle Veröffentlichungen zur Globalen Gesellschaft?
Die Stücke sind bei SPIEGEL ONLINE zu finden auf der Themenseite Globale Gesellschaft.


insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
didel-m 13.11.2019
1. So ein Quatsch. Die Bevölkerungsdichte in Afrika ist winzig
im Vergleich zu Europa oder dann nochmal Deutschland. Die ganze Weltbevölkerung hätte nach New-Yorker Standard Platz in Texas. Nur mal als Vergleich. Die Frage ist nicht Platz sondern Qualität.
klaus444 13.11.2019
2. genau so muss es sein:
Fakten statt Fake. Und aus Fakten müssen Konsequenzen gezogen werden, die sind aber allemal besser, als Schlussfolgerungen aus Fakes, Unwahrheiten, Wissenslücken.
tomxxx 13.11.2019
3. Das wären ja gute Nachrichten...
bei den guten Nachrichten bin ich aber immer vorsichtig (ok bei den schlechten auch) wer sie veröffentlicht. Wenn das über ein Verfahren bei der UN läuft und jedes Land seine eigenen Daten abliefern darf... naja... Nord-Korea wird nicht angeben, dass dort die Bevölkerung vielleicht ein Ernährungsproblem hat. Und so kam es zu riesigen Flüchtlingswellen mit angeblich den höchsten Flüchtlingszahlen weltweit... während der Hunger in der Welt (die Zahl der Hungernden) angeblich erfolgreich bekämpft wurde. Wenn ein Land wie China eine 1-Kind-Politik fährt, dann werden auch die Bevölerungszahlen entsprechend veröffentlicht, andernfalls wäre ja die Partei nicht erfolgreich gewesen... Daher plädiere ich hier immer für einen Konsistenzcheck unterschiedlicher Quellen... (und unsere Statistiken sind ja auch so aufbereitet, dass es angenehm aussieht...) Aber egal wie das Bevölkerungswachstum weitergeht: alle sagen wir kommen mit den Ressourcen der Erde so nicht aus. Die Katastrophe wurde schon in den 60ern vom Club of Rome vorhergesagt, ok die lagen komplett falsch. Aber bei einer x-beliebig hohen Weltbevölkerung muss ja mal eine Grenze kommen...
bwk 13.11.2019
4. Weltbevölkerungswachstum
"Laut Prognosen der Uno wird sich das Wachstum zukünftig aber abschwächen und die Zahl der Menschen auf der Welt um das Jahr 2100 bei grob elf Milliarden stabilisieren. Vorhersagen, die so weit in die Zukunft ragen, sind allerdings in der Regel mit größeren statistischen Unsicherheiten verbunden, ......"heißt es im Artikel. Das sehe ich auch so. Wenn aber die Weltbevölkerung bis 2200 von heute 7,7 Milliarden auf 11 Milliarden steigt, dann haben wir 2200 einen um 42% höheren CO2-Ausstoß, oder? Was tun? Da ist guter Rat nötig. Mit Tempolimit und SUV-Verbot in Deutschland wird es nicht reichen.
mbargo 13.11.2019
5.
Erst ist es nicht so arg mit dem Bevölkerungswachstum, um dann im Fazit darauf hinzuweisen, dass die Bevölkerung noch um mehrere Milliarden wachsen wird. Na, dann wird es ja nicht so schlimm. Rohstoffe, Nahrung, etc. für 3-4 Milliarden Menschen mehr... Und schon heute hungern zu viele.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.