Weltverhütungstag Was Bayer alles tut, um die Pille an die Frau zu bringen

Heute wird der Weltverhütungstag begangen, eine recht neue Erfindung. Der weltgrößte Antibabypillen-Anbieter Bayer nutzt den Tag, um seine Produkte zu bewerben - und spannt dafür sogar Uno-Organisationen ein.

Schöning/ imago images

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Glaubt man dem Pharmakonzern Bayer, ist es mit der Antibabypille ganz einfach. "Die Pille nimmt man genauso ein wie andere Tabletten", und weiter: "Wirf einfach eine in den Mund und schluck sie runter." So schreibt es Bayer auf der Internetseite "your-life.com".

Dass der Pharmakonzern aus Leverkusen die Sache so einfach erscheinen lassen will, als gehe es um ein Nahrungsergänzungsmittel, könnte einen Grund haben: Bayer ist der weltgrößte Anbieter von hormonellen Verhütungsmitteln.

Teil der Kampagne "Your Life" ist auch der Weltverhütungstag, wie der Konzern schreibt. Am heutigen Donnerstag ist es mal wieder so weit. Gerade erst nahm die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung den Jahrestag zum Anlass, um neue Studienergebnisse zum Thema Verhütung vorzustellen.

Dabei ließ die Behörde unerwähnt, was es mit dem Weltverhütungstag auf sich hat. Er wurde erst vor zwölf Jahren erfunden. Zahlreiche Partner listet Bayer auf seiner Website zur Kampagne auf, etwa den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA, die US-Regierungsorganisation USAID oder Fachverbände von Ärzten.

Keine Hinweise auf Depressionen als mögliche Nebenwirkung

Die Website ist auffällig einseitig, wenn es um den Vergleich von Verhütungsmethoden geht. Bei hormonellen Mitteln finden sich zwar Informationen, dass sie Stimmungsschwankungen auslösen können - aber keine Hinweise auf Depressionen als mögliche Nebenwirkungen. Seit einigen Monaten müssen in der EU Suizidrisiken im Beipackzettel erwähnt werden, auch hierzu kein Wort.

Stattdessen werden die Nachteile der Antibabypille in einer Vergleichstabelle als gering bewertet. Bei der Pille steht dort, dass man sie jeden Tag nehmen müsse - bei Kondomen, dass die Nutzung zu einer Unterbrechung des Sex führt.

Quelle: IMS PharmaScope; Grafik: DER SPIEGEL

Von Bayer heißt es, die Website solle junge Menschen motivieren, sich mit dem Thema Empfängnisverhütung auseinanderzusetzen. Es sei nicht beabsichtigt, "eine vollständige Nutzen-Risikobewertung durchzuführen." Der Webauftritt solle Frauen motivieren, mit ihrem Arzt über Verhütung zu sprechen.

Bayer bewirbt seine in mehreren Sprachen herausgegebene Kampagnenseite intensiv in sozialen Medien, einige YouTube-Videos hierzu wurden hunderttausendfach angesehen.

Wie aber kann es sein, dass sich angesehene Organisationen vor den Karren eines Pharmakonzerns spannen lassen? Die Weltgesundheitsorganisation WHO verlinkte auf einer Seite zum Weltverhütungstag sogar direkt zu der Kampagne des Pharmaherstellers.

"Ein sehr geschicktes Mittel"

Auf Nachfrage bezeichnete ein Sprecher der WHO die Website mit dem Link zu Bayer als "Fehler", die Verlinkung wurde inzwischen entfernt. "Der Weltverhütungstag ist kein WHO-Tag", erklärt er. Dennoch würde der Tag als Gelegenheit genutzt, wichtige Gesundheitsinformationen bekannt zu machen. Der Sprecher ließ die Frage unbeantwortet, wie es zu dem Fehler kommen konnte.

Das Verhalten der WHO nennt Christiane Fischer eine "Katastrophe". Sie ist Geschäftsführerin der Ärzteinitiative "Mein Essen zahle ich selbst", die sich kritisch gegen Einflussnahme durch die Pharmaindustrie stellt. Fischer ist seit 2012 zudem Mitglied des Deutschen Ethikrats. "Die Firma versucht, damit ihre Produkte zu pushen", sagt sie. Den Thementag sieht sie als "pure Werbung" an.

Für rezeptpflichtige Arzneimittel wie die Pille ist Werbung in der Öffentlichkeit verboten - nicht aber Kampagnen wie der Weltverhütungstag, bei dem Bayer keine Produkte speziell hervorhebt. "Es ist ein sehr geschicktes Mittel, weil man erst mal denkt, es sei unabhängig", sagt Fischer.

Was im Beipackzettel als Nebenwirkung steht, sollte auch auf der Internetseite angegeben werden, fordert sie außerdem. "Ich denke, man müsste bei hormonellen Verhütungsmitteln generell mehr auf Nebenwirkungen aufmerksam machen."

Aufgeklärte Entscheidungen?

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, UNFPA, erklärt in Bezug auf die von Bayer herausgegebene Plattform, er sei Teil einer Koalition von insgesamt 17 Organisationen. "Wir machen dies, um sicherzustellen, dass junge Menschen Informationen für aufgeklärte Entscheidungen zu ihrer sexuellen und reproduktiven Gesundheit haben", so ein Sprecher.

Für weitere Fragen werde auf der Bayer-Plattform an Ärzte verwiesen, die Seite selbst diene nur zur "allgemeinen Information". Die Uno-Organisation würde Kooperationen mit Firmen vorab darauf untersuchen, ob diese sich Menschenrechten verpflichten und ein sozial verantwortliches Verhalten vorweisen können.

Die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser, die auch Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit ist, sieht das kritisch. Die UNFPA zeige kein Problembewusstsein, "was die Glaubwürdigkeit von Gesundheitsinformationen durch Pharmafirmen betrifft". Frauen sollten Informationen erhalten, die dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen. Auf Bayers Website gehe hingegen "völlig unter", wie viel Unsicherheit hinter den dort getroffenen Aussagen steht.

Auch einige andere der Organisationen, die Bayer als Unterstützer nennt, verteidigen auf Nachfrage ihre Teilnahme an der Kampagne. Die Partner des Weltverhütungstags hätten "unterschiedliche Strategien", die die Effektivität der Kampagne sicherstellen, sagt Beth Schlachter, Geschäftsführerin der Initiative "Family Planning 2020", die von der Gates-Stiftung sowie der Bundesregierung gefördert wird. Ihre Organisation habe keine Gelder für die Teilnahme erhalten.

Verzerrte Informationen

Die Dachorganisation "International Planned Parenthood Federation" erklärt, dass Bayer einer von vielen Partnern sei, mit denen der Verband für bessere Aufklärung zu Verhütungsfragen zusammenarbeite. Zum Verband gehört auch die Organisation Pro Familia, die laut ihrer Sprecherin den Weltverhütungstag nutzt, "um auf bestimmte Themen rund um Verhütung aufmerksam zu machen". Dies sei jedoch "keinesfalls als Werbung für eine Bayer-Kampagne" anzusehen. Und: Der Pro Familia-Bundesverband betreibe "keine kommerzielle Zusammenarbeit mit Bayer".

Auch der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sei es wichtig, Anlässe zu nutzen, "zu denen das Thema Verhütung öffentliche Aufmerksamkeit erfährt", erklärt die Behörde auf Nachfrage. So wolle sie der Bevölkerung "einen Zugang zu qualitätsgesichertem, neutralem Wissen ermöglichen".

Genau das aber sei auf Bayers Kampagnenseite zum Weltverhütungstag nicht der Fall, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Mühlhauser. "Man weiß es ja, das ist auch zigfach untersucht worden: Die Webseiten der Hersteller geben verzerrte Informationen."

Der Leverkusener Konzern selbst sieht das ganz anders und stellt die Kampagnen-Plattform als eine Art Dienst an der Menschheit dar. Bayer fühle sich verpflichtet, "sein Fachwissen und seine langjährige Erfahrung in der Frauengesundheit zu nutzen, um die Aufklärung über das reproduktive Wohlbefinden zu verbessern".



insgesamt 16 Beiträge
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ilikebooks 26.09.2019
1. Die Pille hat natürlich ihre Vorteile,
doch ob sie die Frau wirklich befreit hat, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr zwingt sie die Frau dazu, jeden Tag zur selben Zeit Hormone einzunehmen und allein die Verantwortung für das Thema Verhütung auf sich zu nehmen. Ist ja nicht so, dass der Boyfriend jeden Tag um 18:00 sagt, Schatz, denk an die Pille. Das stört mich so dermaßen an dieser ganzen Verhütungs-Thematik: außer beim Kondom sind die Männer null involviert. Null! Ich gehe davon aus, dass es eine hormonelle Verhütung für den Mann auch geben könnte. Aber in 1000 Jahren würde sich das kein Mann einwerfen.
supergrobi123 26.09.2019
2. Tja.
Vor anderthalb Generationen war die Pille noch ein Wunder der Freiheit und der weiblichen Selbstbestimmung. Heute ist sie böse und schmutzig, weil von Bayer. Es ist so furchtbar durchschaubar alles heutzutage. Hach!
Europa! 26.09.2019
3. 1965 war ein großes Jahr für die Menschheit
Die Hersteller von Verhütungsmitteln sind die eigentlichen Helden im Kampf gegen die Klimakatastrophe, die Zerstörung der Umwelt und die Vernichtung der Arten. Die sogenannten "europäischen Werte" und die Selbstbestimmung der Frau sind erst durch die Pille praktische Realität geworden. Das ganze Gezeter über die Nebenwirkungen (an deren Beseitigung stetig gearbeitet wird), sind dagegen nur - PillePalle.
suomi1983 26.09.2019
4. @supergrobi123
Na, und Sie haben sich natürlich bestens informiert über die heute(!!!) belegten Nebenwirkungen und Probleme der Pille, bevor Sie diesen Kommentar in die Tasten getippt haben, was?
heinrich-wilhelm 26.09.2019
5. Die Sog. Pille
ist ein wesentlicher Beitrag zur Abwendung oder Abschwächung der Sich abzeichnenden Klimakatastrophe. Hauptursache ist das größte jemals lebende Raubtier auf diesem Planeten, der Mensch. Die zunehmenden Milliarden unserer Spezies sind der Hauptgrund für das sich abzeichnende Desaster , nur wird es konsequent aus der Diskussion um die mögliche Abschwächung der sich abzeichnenden Klimakatastrophe herausgehalten. Die Pille für alle ist zumindest ein möglicher Weg. Denn die Biologie von Mann und Frau werden sich auch in Zukunft nicht ändern
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