Kleinkinder Was beim Trockenwerden hilft

Ohne Windeln durch den Tag? Wenn Kleinkinder trocken werden sollen, brauchen Eltern vor allem eins: Geduld. Loben sollten sie den Nachwuchs aber nicht, wenn er auf das Töpfchen geht.

Entspannt auf dem Töpfchen
TMN/Mascha Brichta

Entspannt auf dem Töpfchen


Nasse Hosen, ständig Wechselwäsche mitnehmen, nachts die Bettbezüge austauschen: Wenn Kleinkinder trocken werden sollen, kann das anstrengend werden. Mitunter üben Eltern dann Druck auf das Kleinkind aus, weil sie die Windelentwöhnung so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen.

Ein Fehler, sagt Astrid Sult, Diplom-Sozialpädagogin und Referentin des Bundesverbands der Kindertagespflege, denn Geduld sei das Wichtigste. Ab welchem Alter kann ich anfangen, meinem Kind die Windel zu entwöhnen? Wie funktioniert es am besten? Was sollte ich vermeiden? "Die meisten Eltern haben Leistungsdenken im Kopf", so Sult. Sie vergleichen ihre Kinder mit den Kindern von Freunden und geraten so unter Druck, verfallen in Konkurrenzdenken. Jedes Kleinkind aber brauche seine eigene Zeit, um trocken zu werden.

Natürlich gibt es Richtwerte, erklärt Hermann Josef Kahl, Arzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin aus Düsseldorf. "Wenn das Kleinkind um die zwei Jahre alt ist, kann man auf jeden Fall anfangen zu versuchen, ihm die Windel zu entwöhnen", sagt Kahl. Dann dauere es in der Regel etwa acht Wochen, bis das Kind zumindest tagsüber keine Windel mehr braucht. Nachts braucht es etwas mehr Zeit.

Musik aus dem Töpfchen

Der Kinderarzt empfiehlt, das Kind tagsüber immer wieder auf das Töpfchen zu setzen. So könne es begreifen, dass man sein Geschäft normalerweise ohne Windel verrichtet. Beata Vogel aus Langen, Mutter der fünfjährigen Anna, hat das bei ihrer Tochter so gemacht: "Ich habe Anna bereits aufs Töpfchen gesetzt, als sie etwa 12 Monate alt war", erzählt Vogel. Dabei war es ihr wichtig, dass das bunte Töpfchen an einem warmen Ort und stabil steht. Es gibt auch Exemplare, die Musik machen, wenn das Kleinkind hineinpinkelt. Das mache dem Kind Spaß und ermuntere es, immer wieder aufs Töpfchen zu gehen und nicht in die Windel zu machen.

Kindergartenstudie

Astrid Sult sagt, dass das Kleinkind durch solche Töpfchen nicht unbedingt schneller trocken wird. So etwas bringe aber Abwechslung und Spiel in den Prozess. Die Pädagogin rät Eltern, den Nachwuchs nicht zu loben, wenn er aufs Töpfchen oder die Toilette gegangen ist. Kinder sollten den eigenen Prozess des Trockenwerdens spüren, da Windelentwöhnung etwas sei, was das Kind lernt - aber eben erst, wenn es die nötigen Reifeprozesse durchlebt hat. "Gemeinsames Freuen genügt", sagt Sult deshalb. Kinder seien im Allgemeinen auf liebevolle Begleitung und Erziehung angewiesen und brauchten keine Belohnungen, um zu reifen.

Kleinkinder lernen vor allem durch Nachahmung, ergänzt Sult. Wenn die Eltern auf die Toilette gehen, könnten sie die Tür auflassen und ihr Kind zusehen lassen. Auch Beata Vogel hat diese Methode bei ihrer Tochter genutzt. Sie hat ihre Tochter neben sich aufs Töpfchen gesetzt, wenn sie selbst auf die Toilette gegangen ist.

Druck erzeugt Gegendruck

Das Trockenwerden sei ein Prozess und vergleichbar mit Laufen oder Sprechen lernen, erklärt Sult. Es hängt von der körperlichen und geistigen Entwicklung sowie der Reife des Kindes ab. Vollständige Windelentwöhnung mache deswegen meist erst zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat Sinn. Erst dann entwickele sich bei den meisten Kindern die Wahrnehmung einer vollen Blase, sodass sie ohne Nachfrage der Eltern auf die Toilette gehen möchten - tagsüber und nachts.

Auch Kahl sagt, dass Eltern nicht panisch werden sollten, wenn ihr Kind ihrer Meinung nach zu lange Windeln trägt. Jedes Kind entwickele sich anders und dürfe nicht unter Druck gesetzt werden - denn dann dauert es noch länger. Sult stimmt dem zu. "Druck erzeugt hier Gegendruck und kann zum gegenteiligen Ergebnis führen", erklärt sie, "das Kind braucht länger." Deswegen sollten Eltern das Kind liebevoll begleiten und Gelassenheit vermitteln. Bestrafungen helfen nicht, sondern setzen das Kleinkind mehr unter Druck.

Wenn die Windelentwöhnung sehr lange dauert, kann man beim Kinderarzt einen Ultraschall der Blasen und Nieren machen lassen, sagt Kahl. Ist es ein medizinisches Problem, könnte etwa eine Fehlbildung der Blase oder eine Dysfunktion der Harnröhrenklappe die Ursache sein. Dies seien aber eher Einzelfälle als die Regel, ergänzt Kahl. Tritt so etwas auf, sollten die Eltern mit dem Kleinkind ein kindernephrologisches Zentrum aufsuchen.

In allen anderen Fällen zählen vor allem zwei Dinge: Geduld und Verständnis. Dann läufts früher oder später auch ohne Windel.

Von Kathrin Wesoloswki, dpa/hei



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
ulfD 11.07.2016
1. Oh mein Gott
Mit 2 Jahren erst? Meine kleine soll da schon mindestens in der Vorbereitungen zum Abitur sein wenn die da noch nicht trocken ist was soll denn nur aus ihr werden? Sie ist hochbegabt und hat darüberhinaus noch in Teilbereichen extremen Vorsprung auf andere Hochbegabte Kinder.......
spontanistin 11.07.2016
2. Kulturleistung?
Wie funktioniert das denn bei Naturvölkern, wo die Kleinkinder keine Windeln haben und die meiste Zeit auf dem Rücken der arbeitenden Mutter verbringen???!
sumse123 11.07.2016
3. zu früh.. zu spät?
Also ich glaube ja auch, dass es früher geht. Aber die Kids sind wirklich sooo unterschiedlich. Ich kenne Kinder, die es mit 3 Jahre nicht wuppen, obwohl die Eltern nicht "pennten". Und es gibt Kiddis die sind auch Nachts schon mit 2 fein raus. :-) Ein Wettstreit mit anderen Eltern sollte es allerdings auch nicht sein. Trotz aller "Schönfärberei". Es gibt auch Eltern, die sich tatsächlich wundern, warum ihr gepampertes Kind mit 3 noch in die Windel nicht nur pinkelt und sich doch den ganzen Tag einen "sch..." drum kümmern. Das nenne ich dann selbst gemachtes Leid!
johnnguyen 11.07.2016
4.
Zitat von spontanistinWie funktioniert das denn bei Naturvölkern, wo die Kleinkinder keine Windeln haben und die meiste Zeit auf dem Rücken der arbeitenden Mutter verbringen???!
Mit "Naturvölkern" kenne ich mich nicht aus, aber in der vietnamesischen Landbevölkerung (wo Plastikwindeln ohnehin zu teuer und aufgrund des schwülwarmen Klimas auch nicht sinnvoll wären) werden Säuglinge bereits wenige Wochen nach der Geburt darauf auf bestimmte Trigger trainiert, indem zum Beispiel die Mutter beim Laufenlassen immer "Pssssss! Psssss!" macht. Daraus ensteht dann später der Reflex, beim Hören dieser Geräusche, dem Harndrang freien Lauf zu lassen. Viele Kinder sind dadurch mit sechs Monaten "trocken", was dann bedeutet: Sie kommen ohne Windeln aus, weil das Urinieren planbar geworden ist. Davon abgesehen: Wenn man tatsächlich auf dem Feld arbeitet, ist es natürlich auch sehr einfach, das Kind schnell mal über den Boden zu halten. Auch in vietnamesischen Großstädten sieht man sehr häufig noch Mütter, die ihr Kind zum Pieseln kurz über den Bordstein halten. Ganz generell sind Plastikwindeln in vielen südostasiatischen Gesellschaften aufgrund des warmen Klimas eher ungewöhnlich. Singapur als hypermoderner Staat eventuell als große Ausnahme.
celestion 11.07.2016
5. Viel zu viel Umstände
Meiner Meinung nach werden hier, wie heute fast immer beim Thema Kind, zu viele Umstände gemacht. Meine Frau ist in Thüringen vor der Wende geboren, da war man mit 1 Jahr trocken. Mit unserem Sohn fangen wir auch mit 6-12 Monaten an. Das kriegen die Kinder schon hin...
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