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Achim Wüsthof

Selbstbestimmungsgesetz Endlich das Recht auf den richtigen Namen

Achim Wüsthof
Ein Gastbeitrag von Achim Wüsthof
Es ist gut, dass transidente Menschen künftig über ihren Personenstand entscheiden dürfen. Aber richtig ist auch, dass für eine Hormonbehandlung höhere Hürden gelten müssen.

Jedes Mal, wenn Caroline mit »Jannek« von den Lehrern aufgerufen wird, fühlt sie sich wie vor den Kopf gestoßen. Es hat bisher nichts genutzt, dass die Zehntklässlerin – ein Mädchen, das ich aus meiner Praxis kenne – die Schulleitung gebeten hat, dass sie als Transmädchen von allen weiblich angesprochen werden möchte. Lapidar wurde ihr mitgeteilt, dass dieser Wunsch erst berücksichtigt werden könne, wenn sie »offiziell« so heiße.

Bisher waren ihre Eltern vor einem Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung beim Amtsgericht zurückgeschreckt, weil der Vorgang durch aufwendige Gutachten etwa 2000 Euro kosten würde. Das soll sich nun durch das Selbstbestimmungsgesetz ändern.

Nicht alle Schulen sind so restriktiv, aber für Caroline und viele Tausend andere Menschen hierzulande wird es demnächst deutlich einfacher, ihren Namen und Personenstand an das Geschlecht anzupassen, in dem sie leben. Sie sollen dazu nicht mehr die Begutachtung von Psychiatern oder Psychologinnen benötigen, von denen manche sie mit einem oft stundenlangen Verhör über ihren Seelenzustand und ihr Sexualleben geradezu schikanieren und dann teuer abkassieren – im Namen des bisher geltenden Transsexuellengesetzes.

Der renommierte Sexologe Gunter Schmidt ist sicherlich einer der meistgefragten Gutachter des Landes, der Transmenschen zu einem neuen Namen verholfen hat. Er findet das neue Gesetz längst überfällig: »Durch unsere Befragungen gibt es eigentlich keinen neuen Erkenntnisgewinn«, sagt er, »wir bestätigen in etwa 98 Prozent der Fälle die Meinung der Betroffenen.« Längerfristig betrachtet seien es weniger als zwei Prozent der Fälle, die ihren Personenstand wieder offiziell zurück auf ihr Geburtsgeschlecht ändern würden. Somit scheint es also völlig stimmig zu sein, dieses Begutachtungsverfahren abzuschaffen.

Im Rahmen einer pubertären Identitätskrise sind viele davon überzeugt, dass ein anderes Geschlecht besser zu ihnen passt.

Doch ist das auch im Fall von Jugendlichen richtig? Für diejenigen, die seit dem frühesten Kindesalter nicht mehr in ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht leben – das betrifft ungefähr die Hälfte der jungen Menschen in meiner Praxis – ist es sinnvoll und stimmig, dass sie eine Behandlung erhalten, die sie körperlich an ihr gefühltes Geschlecht anpasst – und dann ist die Namens- und Personenänderung ein Teil dieses Prozesses.

Was ist jedoch mit all jenen Jugendlichen, deren Entwicklung von gendererfahrenen Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit Skepsis und Besorgnis beobachtet wird? Niemand kann erklären, wieso die Zahl der Transjugendlichen in den vergangenen Jahren um mehrere Tausend Prozent gestiegen ist – gerade die von Transjungen, also Kindern, die körperlich weiblich sind, sich aber als Junge fühlen.

Im Rahmen einer pubertären Identitätskrise sind viele davon überzeugt, dass ein anderes Geschlecht besser zu ihnen passt, allen körperlichen Merkmalen zum Trotz. Oftmals haben sie nur noch dieses eine Ziel im Blick – sich zu vermännlichen oder zu verweiblichen; das Gefühl zu wissen, wohin die Reise gehen soll, verleiht eine gewisse Sicherheit und lenkt von ihrer psychischen Misere ab, die oft andere Ursachen hat. Gleichzeitig werden manche Eltern zu »Überunterstützern« – sie wollen ihren Kindern den Weg ins gefühlte Geschlecht mit aller Macht ebnen. Viele treten recht kämpferisch auf, weil sie nun glauben, eine Erklärung für alle Probleme ihrer Kinder gefunden zu haben. Und sie klammern sich an die Hoffnung, dass sich alle Knoten lösen, wenn Körper, Seele, Name und Personenstand im Einklang sind.

Wenn nun alle, die sich für »trans« halten – mit oder ohne Unterstützung ihrer Eltern –, zu den Standesämtern strömen, um ihre Dokumente an das von ihnen empfundene Geschlecht anzupassen, gibt ihnen das eine wohltuende Bestätigung, aber es löst selten alle Probleme. Vielleicht hält jedoch just die Möglichkeit, dass diese Änderung jederzeit möglich wäre, auch einige Jugendliche davon ab, sich vorschnell für einen Geschlechterwechsel auf dem Papier zu entscheiden.

Aber selbst, wenn sie es doch tun – eine neue Geburtsurkunde oder ein neuer Personalausweis sind auch nicht so viel anders als das Tragen eines Brustabbinders oder Rocks. Es hat Symbolkraft, macht die Geschlechtsidentität offiziell und den Betroffenen das Leben einfacher. Denn nun können sich Schulen nicht mehr dagegen sperren, dass transidente Jugendliche bei Klassenfahrten mit ihren Freunden ein Zimmer teilen, obwohl sie nicht die gleichen Genitalien unter dem Schlafanzug haben, dass sie die Toiletten oder Umkleiden benutzen, in denen sie sich stimmig fühlen. Der gehasste Geburtsname, der sogenannte »deadname«, steht nun nicht mehr auf den Zeugnissen – und das erspart den jungen Menschen unangenehme Erklärungen, zum Beispiel bei Bewerbungen: »Ich muss nun nicht mehr Angst davor haben, dass mich jemand nur deshalb nicht nimmt, weil ich trans bin«, sagt ein 16-jähriger Transjunge aus meiner Praxis, der sich als Kfz-Mechaniker bewerben möchte.

Papier ist geduldig – wenn sich jemand bei seiner Entscheidung geirrt hat, dann kann hinterher alles rückgängig gemacht werden.

Die Sorge mancher Kritiker, dass es nun Sexualverbrechern leicht gemacht würde, sich als Transgender ausgeben, um gezielt in den Schutzraum von Frauen einzudringen, erscheint sehr konstruiert. Genauso gut könnten diese Männer versuchen, sich mit gefälschten Papieren und verkleidet als Frauen den Schutzbedürftigen zu nähern.

Papier ist geduldig – und wenn sich jemand bei seiner Entscheidung geirrt hat, dann kann hinterher alles rückgängig gemacht werden. Eine Hormonbehandlung hingegen schafft irreversible körperliche Veränderungen – und deswegen sollten bei diesem Thema durchaus höhere Hürden bestehen bleiben: Wenn die Stimme durch die Gabe von Testosteron tief geworden ist und der Bart sprießt, dann ist das genauso unumkehrbar wie Brüste, die durch die Einnahme von Östrogenen entstanden sind. Die Entscheidung, mit einer solchen Therapie zu beginnen, muss von Psychotherapeuten gemeinsam mit den Betroffenen erarbeitet werden. Eine falsche Indikation hat weitreichende Folgen für das ganze Leben eines Menschen. Ändert man seinen Namen und das Geschlecht auf dem Papier, kann nicht viel passieren. Im Falle einer Fehlentscheidung sind im Zweifel lediglich der Standesbeamte oder die Standesbeamtin etwas genervt.

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