Homosexuelle Wann das Coming-out besonders glücklich macht

Die einen behalten es lieber für sich, andere sind offener: Ob Homosexuelle sich outen sollten oder nicht, hängt von vielen Umständen ab. Erstmals haben Psychologen untersucht, welche Faktoren dabei die größte Rolle spielen - und wann sich das Glücksgefühl nach dem Coming-out besonders einstellt.

Coming Out: Wo sind Homosexuelle tatsächlich glücklicher mit ihrer Offenheit?
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Coming Out: Wo sind Homosexuelle tatsächlich glücklicher mit ihrer Offenheit?

Von Nicole Hulka


George Michaels Coming-out schlug ein wie eine Bombe - seiner Karriere hat es nicht geschadet: Trotz seiner Homosexualität ist er einer der größten Poplegenden. Für viele Schwule, Lesben und Bisexuelle sieht es in der Realität jedoch anders aus. In den Chefetagen vieler Wirtschaftsunternehmen ist das Thema tabu, in Schulen werden homosexuelle Schüler und Lehrer diskriminiert. Und von schwulen Fußballern will niemand etwas wissen - nicht einmal Bayern-Kapitän Philipp Lahm.

Nur etwa 50 Prozent der Homosexuellen outen sich am Arbeitsplatz, da das Risiko für die Karriere hoch ist. Das zeigte letztmals eine Studie an der Universität zu Köln im Jahre 2007 mit mehr als 2000 Befragten. Fast 80 Prozent wurden demnach schon einmal auf der Arbeit diskriminiert.

Trotz der Risiken eines Coming-outs sind sich Psychologen einig darüber, dass es zum Wohlbefinden und zur psychischen Gesundheit beiträgt. Doch wovon genau hängt es ab, ob und wann Homosexuelle sich outen oder nicht? Und welche Faktoren spielen eine Rolle, ob sie sich nach dem Outen besser fühlen oder noch mehr Stress haben?

Nicole Legate und ihre Kollegen von der University of Rochester in England haben jetzt in einer aktuellen Studie mehr als 150 Homosexuelle nach ihren Erfahrungen mit dem Coming-out befragt. Dabei haben die Psychologen erstmals herausgefunden, wie sich verschiedene typische soziale Umfelder, Freunde, Familie, Kollegen, Schulfreunde sowie religiöse Gemeinschaften, auf die Offenheit und das Wohlbefinden der Homosexuellen auswirken.

Lesben outen sich am häufigsten

"Diejenigen, die sich outen, müssen sich nicht unbedingt besser fühlen, als diejenigen, die es verheimlichen", sagt Legate. Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass Schwule nach einem Coming-out weniger Wohlbefinden erleben, während lesbische Frauen am meisten Unterstützung von ihrem Umfeld bekommen. Lesben waren unter den Befragten auch diejenigen, die sich am häufigsten outeten, schreiben die Wissenschaftler im Magazin Social Psychology and Personality Science.

Besonders erschreckend ist die Situation derzeit an Schulen, wenn etwa Lehrer aufgrund ihrer Homosexualität ihren Job verlieren oder Mitschüler schikaniert und sogar verprügelt werden, weil sie homosexuell sind. In Klassen, in denen verschiedene Religionen und Kulturen aufeinandertreffen, ist das Mobbingrisiko noch höher.

"Andersherum kann es beispielsweise in Familien mit bestimmten Religionen auch passieren, dass homosexuelle Kinder eher von ihrer Familie diskriminiert oder ausgeschlossen werden, als von der Öffentlichkeit", sagt Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Auch im Sportbereich, vor allem beim Fußball, sei es immer noch so, dass sich kaum ein männlicher Sportler outete, so Steinert. "Stärke und besondere Männlichkeit, Klischees, die ein Fußballer erfüllt, werden Schwulen leider immer noch abgesprochen", sagt der LSVD-Geschäftsführer.

Beim Frauensport sei es hingegen etwas fortschrittlicher. Lesben scheinen sich dort öfter zu outen. Frauenfußball ist laut einer Studie von Steinert sogar mit dem Vorurteil belastet, dass alle lesbisch wären - was jedoch keinesfalls stimmt.

Ein Coming-out macht gesund

Bereits in der Vergangenheit hatten Studien gezeigt, dass ein Coming-out das Wohlbefinden fördert und zur psychischen Gesundheit beiträgt: Es stellt demnach einen wichtigen Bestandteil bei der Entwicklung der sexuellen Identität von Homosexuellen dar; sie können dadurch ein deutlich besseres und authentisches Selbstwertgefühl entwickeln.

Die sexuelle Orientierung oder einen Partner zu verheimlichen, bringt hingegen enormen psychischen Stress und viel Leid mit sich. Oft spielen Homosexuelle aufgrund des Leidensdrucks infolge des ewigen Versteckspiels sogar mit Selbstmordgedanken. Dennoch nehmen viele diesen Stress auf sich und verheimlichen ihre Sexualität lieber - um sich vor Erniedrigung und Diskriminierung durch ihr Umfeld zu schützen, aber auch aus Angst um den Job. Schüler etwa, die sich outeten, leiden Studien zufolge mehr und werden öfter beschimpft oder verprügelt, als diejenigen, die sich nicht outeten.

Das Problem an den bisherigen Studien sei jedoch, dass sie alle Homosexuellen und deren Wohlbefinden nach dem Coming-out in einen Topf werfen, schreiben nun Legate und ihre Kollegen. Bisher sei nicht unterschieden worden, welche Effekte die verschiedenen sozialen Umfelder auf das Wohlbefinden haben.

Um herauszufinden, ob und in welchem Umfeld sich Homosexuelle tatsächlich nach dem Outen besser fühlen, haben die Wissenschaftler über 150 Homosexuelle im Alter von 18 bis 65 Jahren nach ihren Erfahrungen in verschiedenen sozialen Gruppen befragt. Darunter war jeweils rund ein Drittel der Personen schwul, lesbisch und bisexuell. Etwa 60 Prozent der Befragten waren weiblich.

Der Wohlfühlfaktor

Die Psychologen ließen die Befragten deshalb für jede soziale Gruppe angeben, ob sie sich dort bereits geoutet hatten, was sie danach mental empfanden und ob sie sich akzeptiert und unterstützt fühlten - bei Freunden, der Familie, Kollegen, Schulfreunden sowie in religiösen Gemeinschaften. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Unterstützung durch ihre Umgebung ein entscheidender Faktor dafür ist, ob sie sich outen oder nicht.

Fast alle der befragten Homosexuellen outeten sich bei Freunden (87 Prozent). In religiösen Gemeinschaften waren es hingegen nur 31 Prozent. In der Schule öffneten sich 50 Prozent der Studienteilnehmer und am Arbeitsplatz 55 Prozent.

Für die Forscher hat dieses Outing-Verhalten verschiedene Gründe: In sogenannten sozial "kontrollierten Umfeldern", in denen sie also den schönen Schein bewahren und sich korrekt verhalten müssen, geben sie seltener ihre sexuelle Orientierung preis, als in sozialen Umfeldern, in denen sie von anderen uneingeschränkt akzeptiert werden und ganz sie selbst sein können.

Die Befragten gaben ebenso an, dass sie unter Freunden bedeutend mehr Selbstbewusstsein entwickeln konnten und sich weniger bedrückt fühlten als in allen anderen sozialen Gruppen. "Die Menschen beurteilen ihr Umfeld und bestimmen, ob es dort sicher ist oder nicht", sagt Psychologieprofessor Richard Ryan, der die Studie mitverfasste.

Aufgrund ihrer Ergebnisse kommen die Wissenschaftler auch zu dem Schluss, dass es keinen positiven Effekt auf die mentale Gesundheit hat, sich "selektiv" zu outen - das heißt, sich in manchen Umfeldern oder Situationen zu outen, sich in anderen aber weiterhin zu verstecken. Ständig zwischen Offenheit und Verstecken hin- und her zu wechseln sei, so die Autoren der Studie, nicht hilfreich - brächte aber auch keinen Nachteil.

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