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Klitoris und weibliche Lust "Königin des Kommens, Kanzlerin aller Orgasmen"

Die Erregung der Frau wird immer noch tabuisiert. Die Dokumentation "Vulva und Vagina" klärt darüber auf, was jeder Mann und jede Frau über die weiblichen Genitalien wissen sollte.
Von Denise Dismer

Vulva, Vagina, Klitoris - um wohl kein Körperteil ranken sich so viele Mythen wie um das weibliche Genital. Das beeinflusst das Selbstbild und die Sexualität von Mädchen und Frauen. Langsam, ganz langsam ändert sich das jetzt. In Medizin und Wissenschaft entsteht ein Interesse an jenen weiblichen Geschlechtsorganen, die nicht der Fortpflanzung, sondern der Lust dienen. 

Ein Besuch in Basel, am Institut für Anatomie. Hier forscht Biologie-Professor Daniel Haag-Wackernagel seit Jahren zum Thema Klitoris und weibliche Lust. "Penisse werden auf den Nerv genau dargestellt, aber die Erregung der Frau wird nicht ernst genommen und ist gleichzeitig unglaublich tabuisiert", sagt Haag-Wackernagel. "Die Leute haben sich beschämt abgewendet, wenn ich gesagt habe, woran ich arbeite."

Doch der Biologe erfährt auch großen Zuspruch von Ärztinnen und Ärzten, Lehrerinnen und Lehrern. Sie sind unzufrieden mit den verfügbaren Genitalmodellen, die sie zu Aufklärungszwecken in ihren Sprechstunden und im Unterricht verwenden. Die meisten Modelle fokussieren sich entweder allein auf den Fortpflanzungsapparat oder sie kommen in der Plüschvariante arg verspielt und niedlich daher.

Universitätsprofessor Haag-Wackernagel entwickelt ein eigenes Klitorismodell: Anatomisch korrekt und mit allen Details, die für die Erregung relevant sind.

Noch immer lernen Kinder und Jugendliche, dass die Klitoris die "kleine Perle" ist, die man von außen sehen kann. Doch das ist nur ein sehr kleiner Teil der Klitoris, die sogenannte Eichel. Hier laufen etwa 8000 sensorische Nervenendigungen zusammen, genau wie in der Eichel des Penis. Doch die Dichte dieser Rezeptoren ist bei der Frau 50-mal höher, sodass die Klitoris extrem empfindsam ist.

Das Organ reicht bis tief in den Unterleib hinein. Dazu gehören Schwellkörper und Klitorisschenkel, die bei Erregung hart werden. Eine Durchschnitts-Klitoris misst an beiden Seiten jeweils etwa elf Zentimeter - und ist damit länger als ein Durchschnitts-Penis mit nur neun Zentimeter Länge. Doch das ist absolutes Insiderwissen, selbst in der Medizin kennen die wenigsten die wahre Größe der Klitoris.

"Die Größe der Klitoris ist bei einer Sektion nicht zu übersehen", sagt Haag-Wackernagel, "aber anscheinend hat sich niemand dafür interessiert." Dabei gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts präzise Abbildungen der Klitoris.

Freuds These verunsichert bis heute

Wie konnte dieses Wissen verschwinden? Vielleicht, weil die Größe des weiblichen Genitals das gesellschaftliche Bild männlicher Dominanz und weiblicher Unterlegenheit grundlegend infrage stellt. Und: Wenn der sensibelste Teil des weiblichen Lustzentrums sich außerhalb des Körpers befindet, dann ist Penetration für die Befriedigung der Frau nicht notwendig. Der Penis ist, zumindest rein technisch gesehen, überflüssig. 

Prompt folgte eine These, die genau das Gegenteil postuliert. Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Sigmund Freud die Theorie auf, dass der vaginale, also durch Penetration erreichte Orgasmus dem klitoralen überlegen sei. Schon war der Penis wieder auf der Agenda, und das zentrale weibliche Lustorgan erlebte eine Abwertung.

Freuds Theorie beeinflusst unser Bild weiblicher Sexualität bis heute, prägt unsere Idee davon, wie Sexualität zwischen Mann und Frau auszusehen hat und verunsichert Menschen aller Geschlechter.

Die Gynäkologin Sheila de Liz ist in ihrer Praxis in Wiesbaden regelmäßig mit Patientinnen konfrontiert, die an sich selbst zweifeln, weil sie beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus erleben. "Das Thema frustriert mich mittlerweile", sagt sie. "Penis rein, Penis raus ist zur Fortpflanzung ganz wunderbar, aber nicht, um die Frau zum Orgasmus zu bringen."

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Vulva,Vagina, Klitoris - die tabuisierte weibliche Lust

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Nur 20 Prozent aller Frauen, so de Liz, kämen durch die reine Penetration zum Höhepunkt. Alle anderen bestärkt sie darin, sich selbst an der Klitoris zu stimulieren oder Sextoys einzusetzen. Wer glaubt, einen vaginalen Orgasmus lernen zu können, verkrampfe oft derart, dass die Freude am Sex ganz verschwindet.

"Kanzlerin aller Orgasmen"

Aber was ist mit den 20 Prozent aller Frauen, die allein durch Penetration zum Höhepunkt kommen? Erleben sie den von Freud postulierten, überlegenen Orgasmus? Das Phänomen lässt sich anatomisch ganz einfach erklären. Da die Klitoris bis weit in den Unterleib hineinreicht, kann sie auch vom Inneren der Vagina aus von der Unterseite her stimuliert werden. Dieser Bereich ist als G-Punkt bekannt.

"Es hängt also alles mit der Klitoris zusammen", sagt de Liz. "Die Klitoris ist unsere Königin des Kommens, unsere Kanzlerin aller Orgasmen!" Inzwischen klärt die Gynäkologin nicht mehr nur ihre Patientinnen auf. Auf ihrem YouTube-Kanal bietet sie Informationen und praktische Tipps zu Oralverkehr, vaginaler Trockenheit und der Beschaffenheit weiblicher Genitalien. 2019 erschien ihr erstes Aufklärungsbuch, ein zweites zum Thema Wechseljahre ist in Arbeit. 

Tabus über weibliche Sexualität manifestieren sich nicht nur in einem unbefriedigenden Sexualleben, sondern viel früher – in der Sprache und in der Selbstwahrnehmung. Weniger als 30 Prozent aller Frauen kennen den Begriff Vulva. Das ist die korrekte Bezeichnung für das äußere weibliche Genital. Dazu gehören äußere und innere Vulvalippen, die Klitoris, Harnröhrenausgang und Vaginaeingang. Die Vagina ist der Schlauch, der die Vulva mit den inneren Geschlechtsorganen verbindet.

Doch wie sollen Mädchen eine positive Beziehung zu einem Körperteil aufbauen, für den es keinen Namen gibt? Viele Frauen schämen sich dafür, wie sie zwischen den Beinen aussehen. "Eine Vulva gilt nur dann als bedingungslos schön, wenn nicht so viel Anatomie dran ist, wie bei einem kleinen Mädchen", sagt die Gynäkologin de Liz.

Normal ist vor allem die Vielfalt

Wenn Vulven abgebildet werden, beispielsweise in Pornos oder Aufklärungsbüchern, dann meist glatt, hell, unbehaart und mit äußeren Vulvalippen, die die inneren wie eine Muschel umschließen. Einige Frauen helfen nach, um diesem Ideal zu entsprechen. Zwischen 2014 und 2018 stieg die Zahl der chirurgischen Eingriffe zur Verkleinerung der inneren Vulvalippen weltweit um 25 Prozent. Oft steht der Wunsch dahinter, "normal" auszusehen.

Doch was ist normal? Andreas Günthert, Gynäkologe in Luzern (Schweiz), wollte das herausfinden. Für die größte Vulva-Studie der Welt ließ er die äußeren Genitalien von 657 Frauen im Alter von 15 bis 84 Jahren vermessen. Das Ergebnis: "Die Variationsbreite ist erheblich, so dass eine kleine Schamlippe eine Breite haben kann von fünf Zentimetern, aber auch von fünf Millimetern, was natürlich ein riesiger Unterschied ist. Das ist alles normal!"

Also: Normal ist bei Genitalien vor allem die Vielfalt. Entscheidend für eine erfüllte Sexualität ist sowieso etwas ganz anderes: ein positives Selbstbild, Wissen über den eigenen Körper und ein unbefangener Umgang mit der Lust.

Die von SPIEGEL TV produzierte Dokumentation "Vulva und Vagina - Einblicke in die weibliche Lust" ist in der 3sat-Mediathek verfügbar .