Was mit mir passierte, nachdem ich die Pille absetzte

"Es ist ein Geschenk, das wir uns selbst machen können"
Von ​Livia Augustin

Dieser Beitrag wurde am 14.12.2016 auf bento.de veröffentlicht.

"Irgendwie vertrag ich keine Pille so richtig", erzählte ich einer Freundin, nachdem ich schon mehrere durchprobiert hatte. "Kenne ich. Deswegen verhüte ich seit Jahren natürlich. Meine beste Entscheidung", sagte sie.

Mein erster Gedanke: "Was, und sie ist nicht längst schwanger?"

Verstrahlter Eso-Kram, Hippietum, das in Kinderscharen mündet. So stellte ich mir damals "natürliche Verhütung" vor. Es war eine Mischung aus Höflichkeit, Neugier und Respekt, die mich dennoch meiner Freundin zuhören ließen. Sie war drei Jahre älter als ich, erfahren, reflektiert; diejenige, mit der ich am besten über Sexualität sprechen konnte.

Wer ist Livia?

Livia Augustin, Mitte 20. Kaffee, Wein und Worte sind ihr Elixier. In der bento-Sexkolumne resümiert sie Schlüsselmomente, durch die sie lernte, was sie (nicht) will – im Bett und im Leben.

Durch sie erfuhr ich, dass es nicht um Hokuspokus geht, sondern um nüchterne Wissenschaft: Bei der symptothermalen Methode misst man jeden Morgen seine Temperatur, beobachtet den sogenannten Zervixschleim, den vaginalen Ausfluss, oder tastet den Muttermund ab.

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Sie wird seit mehr als 30 Jahren in Langzeitstudien an deutschen Kliniken getestet und ist richtig angewendet ähnlich sicher wie hormonelle Verhütung. Klingt kompliziert? Fand ich nach kurzer Einarbeitung überhaupt nicht, obwohl ich damals noch meine Zykluskurven per Hand zeichnete – inzwischen gibt es dafür praktische Apps.

Klingt kompliziert? Es gibt dafür Apps!

Klar, muss ich dabei genau und gewissenhaft sein – genau wie bei der Einnahme der Pille auch – aber die Sache machte mir unfassbar Spaß: Ich fand es faszinierend, meinen Körper wahrzunehmen und herauszufinden, wann ich (nicht) fruchtbar bin.

Meinen Ausfluss fand ich nicht mehr komisch: Während ich früher manchmal gedacht hatte, dass irgendwas nicht stimme, weil er mal flüssig, mal geleeartig aussah, verstand ich jetzt, dass es Zeichen für meine Zyklusphasen waren. Als ich wieder Single war, wertete ich meine Symptome nicht mehr konsequent aus – gerade, wenn man nicht in einer Beziehung ist, braucht man ja sowieso Kondome.

Ich fühle mich komisch, "Ausfluss" zu schreiben

Mein Körpergefühl hatte sich allerdings bereits so gut entwickelt, dass ich bis heute automatisch meine Zyklussymptome wahrnehme. Und das genieße ich sehr. In der fruchtbaren Zeit fühle ich mich oft besonders sexy und lustvoll, kurz vor der Periode weiß ich, warum ich eher kritisch gestimmt bin, mich zurückziehe – und womöglich ein paar Tage keinen Bedarf nach Sex habe.

Doch den Zyklus zu beobachten hilft mir, mehr Verständnis für mich selbst zu entwickeln – und für andere. Allerdings: Allein daran, wie komisch ich mich fühle, Begriffe wie "Ausfluss" und "Zervixschleim" zu schreiben (in einer Sexkolumne, wohlgemerkt), merke ich, wie ungewohnt es ist, über den weiblichen Zyklus zu sprechen, zu schreiben, zu lesen.

Dabei verdienen unsere Körper wirklich mehr Aufmerksamkeit!

Vor zwei Jahren hörte ich erneut einer Frau zu, diesmal meiner Geliebten. Sie empfahl mir eine Menstruationstasse aus Silikon. Ich war wieder skeptisch, stellte mir das Einsetzen und Ausleeren schwierig vor.

Zum Glück ließ ich mich von ihrer Begeisterung anstecken, probierte die Tasse aus – und empfinde meine Periode seitdem als viel angenehmer: Kein störender Tamponfaden oder Binde mehr, und ich muss mich seltener um den Wechsel kümmern. Die Tasse muss nur alle acht bis 12 Stunden geleert werden.

Das Selbstbewusstsein fällt anderen Leuten auf

Den eigenen Körper kennenzulernen und wahrzunehmen, ist ein Geschenk, das wir uns selbst machen können. Es bringt mehr Selbstbewusstsein, Sicherheit – und mehr Spaß am Sex. "Du hast ein unglaubliches Gespür für deinen Körper", sagte mir ein Freund, nachdem wir das erste Mal miteinander geschlafen hatten.

Ich war in der hochfruchtbaren Phase, verliebt. Und fühlte mich unwiderstehlich. Das "Gespür", das ihm sofort auffiel, habe ich aber noch durch etwas anderes entwickelt: Indem ich, frei nach Woody Allen, viel Sex mit einer Person habe, die ich auch liebe. Mit mir selbst.

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