Sexualität Alter, da geht noch was!

Ein britisches Paar, beide über 70, hat Sex vor der Kamera. "Soulsex mit John & Annie" heißt der Film, der nicht nur eine andere Art von Verkehr zeigt, sondern vor allem eines ist: eine große Liebeserklärung.

Erika Lust Films

Sex im Alter - das ist endlich kein Tabu mehr: Vor zehn Jahren brachte der Regisseur Andreas Dresen seinen Film "Wolke 9" auf den Markt, in dem die 70-jährige Inge und der bald 80-jährige Karl sich ineinander verlieben - und beim Sex gezeigt werden. Heute weisen selbst Apotheken-Ratgeber auf die heilbringende Wirkung von Seniorensex hin: Der Kreislauf kommt auf Trab und der Stoffwechsel in Schwung. Der Körper produziert das stressmindernde Kuschelhormon Oxytocin sowie Endorphine, die unsere Glücksgefühle steigern.

Und es macht Spaß. Zumindest ist das bei den Briten Annie und John so, beide über 70 Jahre alt, die jetzt in einer neuen Filmproduktion vor der Kamera stehen - beziehungsweise liegen.

John und Annie lernten sich 2013 beim Onlinedating kennen, es war Liebe auf den ersten Blick. Bis hierhin klingt die Geschichte nach einer Seniorenromanze für den Sonntagabend im ZDF - doch jetzt kommt der Sex ins Spiel. Seine Art, miteinander zu schlafen, nennt das Paar Soulsex. Und weil es überzeugt ist, dass viel mehr Menschen auf diese Art verkehren sollten, planten die beiden einen pädagogischen Dokumentarfilm zu dem Thema.

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Liebe im Alter: "Soulsex with John & Annie"

Wo Frauen mehr als stöhnen dürfen

Bei ihrer Recherche stießen sie auf die schwedische Pornoregisseurin Erika Lust. Sie schrieben ihr kurzentschlossen eine E-Mail, die mit den Worten begann: "Wir sind John und Annie und wir glauben, dass es eine andere Form von Sex gibt." Sie endete mit dem Angebot, Protagonisten ihres nächsten Films zu werden.

Erika Lust, muss man wissen, ist keine Pornoregisseurin im herkömmlichen Sinn, sondern die Pionierin feministischer Erotikfilme. Seit fast 15 Jahren mischt sie mit ihren Produktionen die von Männern geprägte Pornoindustrie auf. In ihren Filmen sind Frauen nicht länger stöhnende Objekte, die auf ihre Geschlechtsteile in Großaufnahme reduziert werden, sondern Individuen mit eigenen sexuellen Bedürfnissen.

Es ist nur konsequent, dass die Schwedin jetzt eine neue Randgruppe in Szene setzt. "Die Gesellschaft hat uns davon überzeugt, dass alte Menschen unwichtig sind, und ältere Körper fehlen weitgehend in der Erotikbranche", sagt Lust. "Die Pornografie ist nie für ihren behutsamen Umgang mit marginalisierten Gruppen bekannt gewesen, und das gilt auch für ältere Darsteller."

Einmal täglich Soulsex

Aus diesem Grund war Lust sofort bereit, den Film "Soulsex with John & Annie" zu produzieren. In der ersten Hälfte lässt sie die beiden erzählen: von sich, ihrer ersten Begegnung, ihrer Liebe. Die beiden machen sich wunderschöne Komplimente und lachen viel. Jeden Tag, erzählen sie fröhlich, haben sie Sex, manchmal auch mehrfach, aber definitiv jeden Morgen.

Man ist versucht, sich einzureden, dass Senioren ja auch einfach viel Zeit haben - und die sind ja immer so früh wach, warum sollte die senile Bettflucht einen da nicht mal auf die andere Seite des Ruhelagers treiben?

Doch es lohnt sich, genauer hinzuhören, wenn John und Annie von ihren Erfahrungen berichten. Beim "Soulsex" geht es nicht um Erektionen und Orgasmen, sondern um Achtsamkeit und Entspannung. Es zählen keine Ergebnisse, sondern es geht um den Versuch, "sich mit dem Göttlichen zu verbinden", wie der spirituelle John sagt.

Wenn der Penis nicht mitspielt

Wie das funktioniert, zeigt das Paar in der zweiten Hälfte des Films, hier beginnt sozusagen der Praxis-Teil. John und Annie starten mit einer Art Gebet voller Liebeserklärungen. Sie halten einander dabei fest im Arm, bevor sie sich in die Horizontale begeben. Dann lieben sich diese in die Jahre gekommenen Körper bei voller Beleuchtung. Erika Lust hat nichts retuschiert oder übergeschminkt, man sieht Falten und Körperbehaarung und Muttermale. Aber alles ist ästhetisch, es fühlt sich richtig an - allein die Frage könnte sich stellen, warum das Göttliche nicht einfach Privatsache bleibt.

Neben den Protagonisten und der Handlung unterscheidet noch etwas anderes diesen Film von allen vergleichbaren Produktionen: Es fehlt das aufgerichtete männliche Glied. "Johns Penis wollte vor den ganzen Kameras und der Crew nicht mitspielen", erklärt Annie. "Das hat uns beide nicht daran gehindert, eine wunderbare Erfahrung zu machen, und es zeigt, dass sie auch möglich ist, wenn der Mann keine Erektion hat."

Ob ein männlicher Pornoproduzent eine Sexszene veröffentlichen würde, in dem der Hauptdarsteller keine Erektion hat? Vermutlich nicht, aber es ist auch ein Mann namens John, der über genau solchen Fragen steht und damit seine wahre Größe zeigt.

Aktenzeichen XX - zur Autorin
  • Der weibliche Unterleib ist so aufregend wie unerforscht: Medizinern gibt er Rätsel auf, bei Männern sorgt er für Faszination, doch bei Frauen erzeugt er oft Scham und Zweifel. Heike Kleen will mit verbreiteten Vorurteilen aufräumen und weiblichen Stolz wecken. Von erstaunlichen Vorgängen und neuesten Forschungsergebnissen aus diesem Bereich und anderen Aspekten von Weiblichkeit erzählt sie künftig in dieser Serie. Kleen ist freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR. Ihr Sachbuch "Das Tage-Buch" erschien 2017 im Heyne Verlag.

Sexfilm mit Kuschelfaktor

Auch für Erika Lust waren die Dreharbeiten mit den über 70-jährigen Darstellern eine neue Erfahrung. Die beiden hätten viel Zeit damit verbracht, sich gegenseitig zu berühren, zu kuscheln, zu halten und anzuschauen. "Die Sexszene mit John und Annie ist völlig anders als das meiste, was man online sehen kann", sagt Lust. "Der Film räumt außerdem mit den Vorstellungen auf, dass der Mann immer eine Erektion haben muss, dass Sex ein Wettkampf mit dem Orgasmus als Ziel ist und dass ein Mann keinen Orgasmus haben kann, wenn sein Penis nicht vollständig erigiert ist."

Handelt es sich dann bei "Soulsex with John & Annie" überhaupt um einen Porno? "Das war das Einzige, worüber wir uns ein wenig Sorgen gemacht haben", sagt John. "Per Definition ist Pornografie 'Schrift-, Bild- oder Audiomaterial sexuell eindeutiger Natur, das den Rezipienten anregen und erregen' soll." Aber das sei definitiv nicht die Intention ihres Films. "Wir wollen eher die informieren, die interessiert sind."

Falten verschwunden, Kilos auch

Erika Lust mag den Begriff Porno sowieso nicht, für sie ist er verbunden mit Gewalt, Chauvinismus und Machismus. Sie spricht lieber von "Erwachsenenfilmen", und der Begriff passt.

Und was ist mit den positiven Nebeneffekten, die Sex auf den Alterungsprozess haben, wie verschiedene Studien nahelegen? John und Annie bestätigen ihn freudestrahlend: Dank Soulsex fühlen sie sich viel jünger, ihre Haut sei weicher geworden, Falten seien verschwunden. "John hat 13 Kilo abgenommen, und er muss keine Blutdruckmedikamente mehr nehmen", erklärt Annie.

Freunde und Familie, die das bemerken, fragen oft: "Was macht ihr bloß?" Nun, das können Sie sich kostenpflichtig im Internet angucken.



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