Sucht im Alter "Für eine Behandlung ist es nie zu spät"

Sie trinken nicht nur ein Gläschen und können ohne Tabletten nicht mehr einschlafen. Immer mehr Senioren sind süchtig. Spezielle Angebote können die Beschwerden der Betroffenen lindern, eine Abstinenz ist dabei keine Pflicht.
Nicht mehr schlafen ohne Pillen: Gefährliche Sucht im Alter

Nicht mehr schlafen ohne Pillen: Gefährliche Sucht im Alter

Foto: Matthias Hiekel/ dpa

Erna Müller* trank, gerne, gegen die schlechte Laune, morgens ein Schlückchen und dann noch eins und noch eins. Schließlich hatte die 79-Jährige einen Autounfall, er hat die alte Dame aufgeweckt. Mit ihrem Führerschein verlor sie auch ihre Selbständigkeit. Sie wandte sich an Arnulf Vosshagen, der in Essen die Ambulanz der Fachklinik Kamillushaus leitet - und gewann ihr Leben zurück.

Seit sechs Monaten hat sie keinen Schluck Alkohol getrunken, geht wieder alleine einkaufen, trifft Freunde und Familie und genießt jeden Tag. "Der Zugewinn an Lebensqualität ist bei älteren Menschen nach einer Therapie besonders groß. Denn sie werden durch eine Sucht stärker eingeschränkt als jüngere", sagt Vosshagen.

Immer mehr Menschen entwickeln im Alter eine Abhängigkeit. Ihre Beschwerden werden häufig als Alterserscheinungen abgetan, dabei können Alkohol und Medikamente vor allem im Alter fatale Folgen haben. Eine Therapie kann den Betroffenen wie Erna Müller helfen, an Lebensqualität und Selbständigkeit zurück zu gewinnen. Diese Erkenntnis wird in vielen Pflegeeinrichtungen noch vernachlässigt: Eine repräsentative Erhebung unter 1000 Pflegeeinrichtungen ergab 2009, dass nur knapp die Hälfte eine Suchtbehandlung im Alter noch für sinnvoll hält.

Extra Gesprächsrunden der älteren Patienten

Vosshagen Klinik bietet inzwischen spezielle Therapieprogramme für Senioren an. Die älteren Patienten hätten zum Einen mehr körperliche Beschwerden, auf die Rücksicht genommen werden muss. Auch gebe es eine extra Gesprächsgruppe, in der die Älteren unter sich sind. Denn ihre Themen seien oftmals andere als die der jungen Patienten, sagt der Psychologe. Manch einen belasten noch Erinnerungen an den Krieg und die schweren Jahre danach. Ebenso müssen Verluste, die mit dem Alterungsprozess einhergehen, aufgearbeitet werden.

Die Wege zum Erfolg sind allerdings verschieden. Nicht immer sei Abstinenz anzustreben, schreibt etwa die Krankenkasse Barmer GEK zusammen mit der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in einer Info-Broschüre für die Altenpflege . "Nachvollziehbar berichten Pflegende, dass auch eine Reduktion des Konsums oder der Anzahl der Psychopharmaka dazu führt, dass Menschen wieder am Leben teilnehmen können", heißt es da.

Auch Vosshagens betagte Klienten können wählen, ob sie erst einmal versuchen wollen, weniger zu konsumieren. "Das muss jeder selbst entscheiden", sagt er. Fest steht für ihn: "Für eine Behandlung ist es nie zu spät."

*Name geändert
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