Wechseljahrsbeschwerden "Es wäre falsch, Hormone generell zu verteufeln"

Erst wurden sie verteufelt: Hormone in den Wechseljahren sollten das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs erhöhen. Dann zeigten Studien, dass die Therapie weniger riskant ist als befürchtet. Der Gynäkologe Kai Bühling erklärt, warum die Pillen vielen Frauen helfen, ohne zu schaden.
Hitzewallungen in den Wechseljahren: Frauen sollten in Absprache mit ihrem Arzt nach der richtigen Therapie suchen

Hitzewallungen in den Wechseljahren: Frauen sollten in Absprache mit ihrem Arzt nach der richtigen Therapie suchen

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ZUR PERSON
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Kai J. Bühling ist Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Früher arbeitete er in der Geburtshilfe an der Berliner Charité, später spezialisierte er sich auf die gynäkologische Endokrinologie, also alles, was mit Hormonen zusammenhängt. Schon immer haben ihn nämlich die Hormone im Körper der Frau und deren Wirkungen interessiert.

SPIEGEL ONLINE: 2002 wurden Tausende von Frauen in Panik versetzt, Hormone in den Wechseljahren könnten schaden. Jetzt soll alles nicht so schlimm sein?

Bühling: Anlass war damals die Veröffentlichung der langjährigen Women's-Health-Initiative (WHI)-Studie mit mehr als 25.000 Frauen: Diejenigen, die Hormone eingenommen hatten, bekamen häufiger Brustkrebs, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Thrombosen. Bei der Auswertung hatte man damals aber alle Frauen in einen Topf geworfen. Heute wissen wir, dass diese Risiken nur für bestimmte Frauen gelten. Beginnt man früh, ist die Therapie wirksam und sicher.

SPIEGEL ONLINE: Warum wusste man das damals nicht?

Bühling: Die Forscher mussten die gesammelten Daten noch genauer auswerten. Lag bei Therapiebeginn die letzte Regel länger als zehn Jahre zurück oder war die Frau zu dem Zeitpunkt älter als 60 Jahre, ging dies mit einem höheren Risiko einher. Bei jüngeren Frauen war dies nicht der Fall. Je später nach der letzten Regel die Hormontherapie begonnen wurde, desto größer war zudem das Risiko für einen Schlaganfall.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das erklären?

Bühling: Bei älteren Frauen hat dauerhafter Östrogenmangel dazu geführt, dass sich Kalk in der Wand der Blutgefässe ablagert, die sogenannte Arteriosklerose. Beginnt man dann erst mit der Therapie, führen die Hormone dazu, dass sich die Plaques lösen und Blutgefäße in Hirn oder Herz verstopfen. Das nennen wir Infarkt. Fängt man dagegen frühzeitig an, also mit Beginn der Beschwerden oder direkt nach der letzten Regel, schützen Östrogene vor Arteriosklerose. Das haben damals zwar schon andere Studien gezeigt, aber erst die große WHI-Studie brachte Klarheit. Es wäre natürlich schöner gewesen, wenn alle Ergebnisse gleichzeitig veröffentlicht worden wären. So vergingen viele Monate der Unwissenheit. Aber auch die Journalisten sind mit schuld an der Fehlinformation.

SPIEGEL ONLINE: Warum das denn?

Bühling: Als 2002 die WHI-Studie publiziert wurde, stürzten sich die Journalisten auf die Nachteile - das brachte vermutlich mehr Schlagzeilen. Dass die Hormone bei einigen Frauen aber auch positive Effekte hatten, wurde nicht geschrieben. Das kann zusätzlich daran liegen, dass die Forscher darüber nicht berichteten. Die gesamte Kommunikation lief damals leider nicht optimal.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem angeblich erhöhten Krebsrisiko?

Bühling: Von 1000 50-jährigen Frauen ohne Hormontherapie bekommen in den kommenden zehn Jahren 46 Brustkrebs. Nehmen diese Frauen über mehrere Jahre Hormone ein, sind es sechs Frauen mehr. Vor Darmkrebs könnten die Hormone möglicherweise schützen, denn Frauen mit Hormontherapie erkrankten seltener daran. Außerdem wird das Risiko für Osteoporose gesenkt.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Frau raten Sie zu Hormonen?

Bühling: Das muss die Frau selbst entscheiden. Wichtig ist vor allem, dass Östrogene immer in Kombination mit Gestagenen gegeben werden, wenn die Frau ihre Gebärmutter noch hat. Denn Östrogene allein erhöhen das Risiko für Krebs in der Gebärmutterschleimhaut. Frauen, die keine Gebärmutter mehr haben, erhalten nur Östrogene. Ansonsten wähle ich das Präparat nach den sonstigen Beschwerden und Krankheiten aus. Einer Frau mit Akne verschreibe ich andere Hormone als jener, die keine Lust mehr auf Sex hat oder über Wasser in den Beinen klagt. Leidet eine Frau vor allem unter Beschwerden in der Scheide, kann eine lokale Therapie mit einer Östrogencreme reichen. Will eine Frau Hormone, damit sie sich generell besser fühlt, oder um ihre Haut zu verschönern, rate ich davon ab. Keine Hormone dürfen Frauen nehmen, die gerade wegen Brustkrebs behandelt wurden, kürzlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten oder ein erhöhtes Risiko dafür haben.

SPIEGEL ONLINE: Müssen diese die Beschwerden ertragen?

Bühling: Nein, natürlich nicht. Es gibt inzwischen einige gute hormonfreie Alternativen. Zum Beispiel das Medikament Venlafaxin, das eigentlich ein Antidepressivum ist. Auch alternative Heilverfahren sind eine gute Option. Aber die so sehr anzupreisen, wie das in manchen Internetportalen der Fall ist, wäre genauso falsch wie Hormone generell zu verteufeln. Zu einigen alternativen Verfahren gibt es Berichte, dass sie helfen, aber bei vielen fehlen noch gute Studien. Ich wünsche mir, dass es zukünftig eine ausgewogene Diskussion über Nutzen oder Nicht-Nutzen der Therapien gibt. Ich kann nur jeder Frau raten, sich von ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt die Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapien ausführlich erklären zu lassen und wenn man etwas nicht verstanden hat, immer nachzufragen.

NATÜRLICHE MITTEL GEGEN WECHSELJAHRSBESCHWERDEN

Wie gut sind pflanzliche Mittel?Welche Studien gibt es dazu?Helfen Akupunktur, Yoga und Co.?

Das Interview führte Felicitas Witte
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