Foto: Petra Rautenstrauch / Anzenberger

Stefanie Sargnagel über Alkohol und Corona »Es ist nicht wild, es ist ein leicht sedierendes Trinken«

Sie bringt die Pubertät hinter sich, beginnt zu arbeiten, dann kommt Corona – nur eins bleibt gleich im Leben der Schriftstellerin Stefanie Sargnagel: Es gibt ständig was zu trinken. Wie wichtig ist Alkohol für unser Sozialleben?
Ein Interview von Stefanie Witterauf

SPIEGEL: Frau Sargnagel, Ihr Buch »Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin« liest sich, als ob Sie Ihre komplette Teenagerzeit über betrunken waren. 

Stefanie Sargnagel: Ich war nicht immer stockbesoffen, aber habe fast jeden Tag getrunken. Zwischen 14 und 20 habe ich viel experimentiert. Sich ein bisschen zu berauschen, hat einfach dazugehört. Gleichzeitig gab es in Wien keine Räume dafür, denn in der Stadt gibt es nicht wirklich Jugendzentren. Die Kneipen, in die ich nach der Schule gegangen bin, waren eigentlich noch nicht das Richtige. Orte, an denen ich damals problemlos hätte sein können, gab es nicht, ich musste sie mir erst schaffen. 

SPIEGEL: Sie haben sich mit Michi angefreundet, einem Mann, der doppelt so alt war wie Sie, alkoholkrank und mehrfach in psychologischer Behandlung. In seiner Wohnung konnten Sie abhängen. 

Sargnagel: Es ist komisch, welche Symbiosen man mit Leuten eingeht, damit man sich einen speziellen Mikrokosmos schaffen kann. Mir haben viele erzählt, dass es bei ihnen in der Jugend ähnlich war – das war dann im Dorf beispielsweise der Rocker Bertl, bei dem man in der Wohnung sein konnte, ohne Kohle zu haben. Denn Geld hatte ich als Schülerin auch nicht wirklich. 

SPIEGEL: Sie haben Dosenbier vorm Techno-Klub an der Donau verkauft und später am Würschtlstand gefrühstückt. Bereuen Sie diese berauschte Zeit? 

Sargnagel: Rausch hat diese soziale Komponente. Ich kenne wenige Leute, die ihre Jugend sozial verbracht haben, ohne dass Rausch dazugehört hätte. Es ging mir in erster Linie nicht um das Dosenbier, sondern um das Soziale, also dabei mit möglichst vielen Leuten abzuhängen. Das ist wie beim Kiffen, da ging es mir nicht um das Highsein, sondern darum, Leute schnell kennenzulernen, indem man sich mit ihnen einen Joint teilt.  

SPIEGEL: Wer sich berauscht, ist geselliger?

Sargnagel: Sozialleben hängt in unserer Gesellschaft stark mit Rausch zusammen.

SPIEGEL: Und das ist gut so?

Sargnagel: Es ist so gut und so schlecht wie der Mensch an sich, aber schwierig, wenn man sich dem entzieht. Das merke ich immer, wenn ich Phasen habe, in denen ich wenig trinke. In der Zeit muss ich gewisse soziale Dinge aussparen, falle bei manchen Sachen einfach raus. Ich bleibe, wenn ich komplett nüchtern bin, nicht bis 2 Uhr nachts wach. Deswegen verpasse ich interessante Gespräche. Viele Verbrüderungen passieren einfacher mit Alkohol, so wie viele Annäherungen. Gerade im Kulturbereich geht es oft um Abhängen, Abendveranstaltungen und Austausch. Mache ich eine Alkoholpause, fällt das weg.  

SPIEGEL: Untersuchungen zum Alkoholkonsum im Lockdown haben ergeben, dass im Schnitt mehr getrunken wird. 

Sargnagel: Es ist paradox, dass mehr Leute während der Pandemie trinken. Obwohl mir schon Freunde Anekdoten erzählt haben, dass sie eine echte Party mit Videokonferenz gefeiert haben und morgens mit Filmriss in ihrer total verwüsteten Wohnung aufgewacht sind, obwohl sie allein waren. Oder wenn ich selbst nach einem Abend bei mir daheim einen vollen Aschenbecher und leere Weinflaschen sehe und das Gefühl habe, dass ich aus war. Es ist komisch, wenn die Spuren einer Party da sind, obwohl es gar keine gab.  

SPIEGEL: Wie halten Sie es mit dem Trinken während der Pandemie?

Sargnagel: Ich trinke schon im Lockdown, aber total anders. Es ist frustrierend. Weil ich mich nach einem Wein nach Menschen sehne, da merke ich das Eingesperrtsein noch viel stärker. Exzess ist ja auch deswegen so interessant, weil man sich gehen lässt, um die Häuser zieht, Zufallsbekanntschaften hat, schräge Leute kennenlernt und einfach schaut, was passiert, wenn man sich durch den Abend treiben lässt. Es ist langweilig, wenn das alles wegfällt. Jetzt trinke ich Rotwein beim Zoomen oder mit einer Freundin, spiele mit Freunden etwas digital, rauche Zigaretten vor dem Bildschirm, diskutiere irgendein Thema – aber dann gehe ich schlafen. Es ist nicht wild, Rotwein macht zudem müde, es ist ein leicht sedierendes Trinken. 

SPIEGEL: Wie sind Sie dazu gekommen, phasenweise nüchtern zu bleiben?

Sargnagel: Das hat sich eingeschlichen, ich glaube, das beginnt Ende 20. Man ist ja auch ein bisschen weniger getrieben. Früher wollte ich überall dabei sein, ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Einfach FOMO – fear of missing out. Ich habe jetzt nicht mehr das Gefühl, bei jedem subkulturellen Event, jeder Hausbesetzung, auf allen Hochzeiten tanzen zu müssen, man kann auch ein bisschen chillen. Dieses Herumhängen und In-den-Tag-hineinleben, das kann man sich irgendwann einfach nicht mehr leisten. Ja, das wäre schön, aber meine Freunde haben auch alle weniger Zeit dafür. Wenn ich viel arbeiten muss, dann habe ich keine Zeit, die Exzesse wegzustecken, da kaue ich mit 35 länger dran als noch als Teenager. 

SPIEGEL: Also ist Ihre relative Nüchternheit eine Alterserscheinung?

Sargnagel: Früher habe ich keinen regelmäßigen Sport gebraucht, zweimal Ausgehen in der Woche habe ich gut geschafft, das ist jetzt anders. Das Auskurieren ist anstrengender, und es zehrt länger an mir. Wenn ich funktionieren muss, als Künstlerin mit meinen Abgabeterminen, mit meiner Arbeit, dann schaue ich, dass ich länger nicht ausgehe. Und ziehe ich eine nüchterne Phase durch, dann bin ich nach zwei Monaten so fit, fast schon zu sehr. Dann fehlt es mir fast, mal einen Tag außer Gefecht gesetzt zu sein mit einem Kater.

SPIEGEL: Ein typischer Neujahrsvorsatz ist die Alkoholabstinenz im Januar. Was halten Sie vom Detox-Trend »Dry January«? 

Sargnagel: Ich bin nicht so der Vorsatzmensch. Die Charakterstruktur ändert sich ja nicht plötzlich in einem neuen Jahr. Das ist wie bei Frauen, die glauben, dass sie eines Tages dünn sein werden. In eine optimierte Zukunft blicken, bringt nichts. Wenn man was ändern will, dann muss man es sofort machen und nicht auf einen Jahreswechsel warten.

SPIEGEL: Also ist der »Dry January« Unsinn?

Sargnagel: An sich ist es nicht schlecht, dass Leute einen Monat auf Alkohol verzichten, um ihre Abhängigkeit vom Rauschkonsum mal zu überprüfen. Ob das jetzt im Jänner sein muss, weiß ich nicht, das habe ich noch nie gemacht. Aber alles ist leichter, wenn man es ritualisiert. Für meine Rauschpausen suche ich mir ein Kollektiv, denn ich bin motivierter, wenn mehr Leute mitmachen. Dann kann ich mit ihnen alkoholfreie Unternehmungen planen und am nächsten Tag ohne Kater ins Fitnessstudio gehen. Dass ich in meinen Texten von früher Exzesse und Faulheit zelebriere, steht natürlich im Widerspruch dazu. Ich bin kein Fan davon, dass man Selbstzerstörung verherrlicht, aber genauso wenig bin ich Fan dieser verklemmten Selbstoptimierung, die in unserer Gesellschaft herrscht. Mit Achtsamkeitsübungen kenne ich mich nicht aus. Ich bin ein künstlerischer Mensch, ich muss mich eher zusammenreißen, dass ich in der Realität bleib, anstatt mir stundenlang eine Blume anzuschauen. Aber ich sehe es durchaus positiv, wenn ein depressiver Maurer sich heutzutage nicht zehn Bier in der Kneipe reinstellt, sondern eine Psychotherapie macht. Eine therapierte Gesellschaft wäre nicht schlecht.

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