Markus Deggerich

TK-Film zu Krebsvorsorge Hüter der Hoden

Die Techniker Krankenkasse sorgt mit einem Aufklärungsfilm über Hodenkrebs im Billig-Porno-Stil für Aufregung. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie ein Film zur Darmkrebsvorsorge ausgesehen hätte. Ein Tastversuch.
Foto: TK

Ja, wer kennt es nicht, das lästige Klingeln an der Tür während der wohlig-warmen Dusche. Und natürlich haste ich leicht umschlungen vom Handtuch zur Tür und öffne dieselbe sperrangelweit. Wir haben es doch schon alle erlebt, dass dann die neue Nachbarin vor der Tür steht, der mein aufreizender Aufzug nicht weiter auffällt und die mir willig ins Wohnzimmer folgt auf einen Willkommensdrink. Ich tausche dann geschwind noch mein feuchtes Fast-Nichts gegen ein bequemeres Noch-Weniger und nach züngelnder Begrüßungs-Speichelprobe gehe ich nahtlos über ins Abtasten der Drüsen zwecks Brustkrebsvorsorge. Echte Handarbeit, selbstverständlicher Service, auf gute Nachbarschaft! Gern geschehen.

Die Techniker Krankenkasse hat mit einem Werbefilmchen für Hodenkrebsvorsorge  für wohl kalkulierte Erregung gesorgt. Eine Pornodarstellerin (anny_aurora ) empfängt darin ihren neuen Nachbarn, und bevor es dann zum »Handjob« kommt, leitet man über zur Präventionsaufklärung. Da das Ganze billige Pornomachart zitiert, sind nun Twitter-Taliban unterwegs, die dem Ganzen mit dem Sexismusvorwurf jene Aufmerksamkeit verschaffen, die es haben wollte. So weit, so erwartbar. Diese Aufregung geht aber am eigentlichen Problem der Aktion vorbei.

Wer darüber lachen kann, outet sich als Experte für billigen Porno

Im Namen der Aufklärung ist schon so manches kreative Verbrechen begangen worden, die »Eis am Stiel«-Serie mag den Älteren unter uns noch in einigen feuchten Träumen wiederbegegnen. Das Zitieren als Ironie hat aber Voraussetzungen, denn Ironie ist ein schwieriges Ding. Das gedankliche Problem des Filmchens ist: Man versteht die Ironie nur mit einer gewissen Grund- und Vorbildung im Pornogewerbe, was das, ähm, Plotting angeht. Sprich: Wer darüber lachen kann, outet sich als Experte für billigen Porno. Wer sich darüber aufregt, fördert auch in der Erregung die Verbreitung der billigen Methode und reproduziert die Klischees, die man eigentlich überwinden will vom willigen Weibchen und potenten Patriarchen. Denn natürlich ist der Film sexistisch beleidigend für Männer und Frauen, im übrigen auch für die Pornobranche, die sich längst weiterentwickelt hat ; aber die Beleidigung gehört zum Kalkül, damit die Erregungswelle die Aufmerksamkeit auf die frohe Botschaft lenkt: Hodenkrebs ist ein Problem und Vorsorge eine Lösung. Gut gemeint ist aber leider noch nicht gut gemacht.

Misslungenes Private-Public-Porno-Präventions-Partnership

Denn dabei ist gar nicht der erste Teil des Films die Aufregung wert. Richtig ärgerlich ist der zweite, der eigentlich halbwegs-seriös darüber aufklären soll, wie man sich an sein mögliches Problem rantasten kann. Hier gehen Bild- und Text- und Ton-Schere schlicht zu weit auseinander, die Pornodarstellerin lässt vor ihrem großzügigen Dekolletee ein Silikon-Gemächt-Mobile baumeln und demonstriert Tasttechniken und Parameter, die so aber niemand versteht oder nachfühlen kann. Dazu wird ein noch schlechterer Text eingeblendet, im Übrigen auch nicht deckungsgleich zu dem, was die Pornoqueen vom Teleprompter abliest. Da fehlte entweder der Wille oder das Geld für einen weiteren Take, was zwar in der Logik der Pornobranche steht, aber im Ergebnis das Ganze dann doch ärgerlich macht: Billigware, misslungenes Private-Public-Porno-Präventions-Partnership.

Haltet die Eierdiebe, möchte Mann rufen

Haltet die Eierdiebe, möchte Mann rufen, die machen hier leider modellhaft mehr kaputt, als sie ahnen. Als unfreiwilliger Hüter des Hodens muss erwähnt werden, dass es eine weithin unterschätzte erogene Zone ist und wirklich sehr empfindlich, in der Gegend sollten sich tatsächlich eher Fachmann oder -frau rumdrücken. Man(n) ist dann doch dankbar, dass sich die Kreativabteilung der Krankenkasse nicht des ebenso dramatischen Themas Darmkrebs angenommen hat. Kaum auszumalen, was dabei am Ende herausgekommen wäre.

Was wirklich sinn- und verdienstvoll gewesen wäre, liebe TK, zumindest im medizinisch-praktischen Teil des Streifens – und das ist jetzt echt ausnahmsweise kein billiges Wortspiel aus unserer Clickbait-Abteilung: ein guter Animationsfilm.