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Sterben an Covid-19 "Seine Frau sagte ihm übers Telefon, dass er jetzt gehen dürfe"

Ein Mensch stirbt, und niemand aus seiner Familie ist dabei? Die Berliner Ärztin Sandra Delis erzählt, wie Covid-19 Sterbebegleitung verändert und wie Angehörige sich jetzt von ihren Lieben verabschieden.
Ein Interview von Heike Klovert

SPIEGEL: Frau Delis, in Ihrer Klinik gilt - wie in Krankenhäusern bundesweit - ein Besuchsverbot. Wenn auf Ihrer Station Patientinnen und Patienten an Covid-19 sterben, sind sie dann allein?

Delis: Nein, wir versuchen weiterhin, eine Sterbebegleitung möglich zu machen. Es gilt zwar ein Besuchsverbot, aber das kann mit einer Sondergenehmigung der Geschäftsführung gelockert werden. So können ein bis zwei Angehörige von Covid-19-Patienten bei uns im Krankenhaus Abschied nehmen, wenn sie es möchten.

Foto: Helios Klinikum Emil von Behring

Sandra Delis, 44, ist Fachärztin für Innere Medizin, Pneumologie und Palliativmedizin am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin. Sie betreut Patientinnen und Patienten auf der neu eingerichteten Covid-19-Station und auf der angrenzenden Palliativstation.    

SPIEGEL: Sie dürfen dann aber wahrscheinlich nicht auf der Bettkante sitzen und die Hand des sterbenden Partners halten?

Delis: Doch, das dürfen sie. Trotzdem muss sichergestellt sein, dass die aufwendigen Hygienevorkehrungen eingehalten werden. Kinder, die den Mundschutz nicht aufbehalten können, dürfen beispielsweise nicht auf die Station. Eine Großfamilie können wir auch nicht erlauben. Aber die engsten Angehörigen können mit kompletter Schutzausrüstung am Bett sitzen - also mit Handschuhen, Schutzkittel, Kopfhaube, Schutzbrille und FFP- Maske.

SPIEGEL: Ist das nicht ein makaberes Abschiednehmen, ohne Hautkontakt oder einen letzten Kuss?

Delis: Vor einigen Tagen starb ein gut 70-jähriger Patient, der an Krebs und einer Herzerkrankung litt und sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. Er hatte jeden Tag mit seiner Ehefrau telefoniert und als wir merkten, dass es ihm schlechter ging, vereinbarten wir mit ihr, dass sie zu Besuch kommt. Die Sondergenehmigung bekommen wir schnell, das ist kein Problem. Die Ehefrau war mehrere Stunden bei ihrem Mann, und ich hatte das Gefühl, dass sie angemessen Abschied nehmen konnten - trotz Schutzvorkehrungen. Er wirkte danach ruhiger.

SPIEGEL: Wann ist er gestorben?

Delis: Zwei Tage später. Seine Frau hätte noch einmal kommen dürfen, aber sie nahm davon Abstand, und ich hatte den Eindruck, dass das für ihn okay war. Ihm hätte die Kraft gefehlt, ein Gespräch zu führen, und seine Frau ist selbst über 70. Sie wollte nicht noch mal das Risiko eingehen, sich anzustecken. Also legte die Stationsärztin einen Hörer neben sein Ohr und seine Frau sagte ihm übers Telefon, dass er jetzt gehen dürfe und dass sie auch allein zurechtkomme. Zehn Minuten später starb er.

SPIEGEL: Wie sterben Menschen an Covid-19?

Delis: Die meisten Patientinnen und Patienten auf unserer Covid-19-Station erhalten Sauerstoff über Nasenkanülen oder über eine Maske, die Mund und Nase bedeckt. Symptome wie Atembeschwerden können wir gut lindern mit der Sauerstofftherapie und mit Opiaten, die unsere Patienten ruhig atmen und schlafen lassen. Wenn Ängste auftreten, können wir angstlösende Medikamente geben. Wir haben auch vorher schon eng mit unserer Palliativstation zusammengearbeitet und profitieren jetzt sehr davon. Alle Sterbebegleitungen für Covid-19-Patienten, die wir gemacht haben, verliefen sehr friedlich.

SPIEGEL: Die Corona-Pandemie legt beinahe die gesamte Welt seit Wochen lahm. Viele von uns haben selten etwas Bedrohlicheres erlebt. Wie geht es Menschen, die schwer an Covid-19 erkranken, emotional? Fällt es ihnen schwerer loszulassen?

Delis: Jedes Sterben ist sehr individuell. Lebensbedrohliche Situationen fordern Menschen auf sehr unterschiedliche Weise - egal, ob sie in einer Pandemie passieren oder nicht.

SPIEGEL: Was ist mit den Menschen, die schwer krank sind, aber nicht im Sterben liegen?

Delis: Für sie und ihre Angehörigen können wir das Besuchsverbot nicht aushebeln - und viele leiden sehr darunter. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir sie bestmöglich unterstützen. Wir versuchen das mit einem achtköpfigen psychosozialen Team, das wir aufgebaut haben. Darin sind zwei Seelsorger, drei Psychoonkologen und drei Frauen des Hospizdienstes, die unsere Patienten ehrenamtlich begleiten. In den vergangenen Wochen konnten sie wegen der Kontaktbeschränkungen nicht zu den Patienten, aber gerade fahren wir das vorsichtig wieder hoch.

SPIEGEL: Was tun die Mitglieder des Teams?

Delis: Sie sind für unsere Patienten und ihre Angehörigen ständig telefonisch erreichbar. Sie begleiten unsere Ärztinnen und Ärzte auch auf ihren Visiten und sprechen mit den Patienten über ihre Bedürfnisse. Sie bereiten die Besuche von Angehörigen im Krankenhaus vor. Und wenn ein Patient an Covid-19 stirbt, kann seine engste Familie hinterher in einem Raum, den wir eingerichtet haben, von ihm Abschied nehmen. Auch dann ist jemand vom psychosozialen Dienst dabei.

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen?

Delis: Ich arbeite mehr als sonst, und die Zeit ist herausfordernd. Aber noch ist nur etwa die Hälfte der 28 Betten auf unserer Covid-19-Station belegt, und ich fühle mich sicher in meinem Team, weil ich merke, dass unsere Konzepte funktionieren. Die Kollegen und Kolleginnen der Lungenheilkunde und der Palliativmedizin arbeiten sehr gut zusammen, sie sind sehr motiviert. Das beruhigt mich, und es macht mich stolz.

SPIEGEL: Gibt es Momente, die schwer zu ertragen sind?

Delis: Ich war gerade bei einem Patienten, der sehr aufgewühlt war. Er weinte, weil er nun doch auf die Intensivstation muss. Er macht sich nicht nur Sorgen um sich selbst, sondern auch um seine Ehefrau zu Hause. Beide sind Ende 70. Ich hätte ihn gern in den Arm genommen. Doch ich kann den Patienten gerade nicht so nahe kommen, wie ich das vielleicht möchte. Ich habe mich also neben ihn gesetzt und ganz ruhig mit ihm gesprochen und ihm möglichst viel erklärt. Ich hatte das Gefühl, dass ihm das auch half.

SPIEGEL: Nur wenn ein Covid-19-Patient als sterbend gilt, darf derzeit Besuch kommen. Können Sie sicher sein, dass Sie den Gesundheitszustand Ihrer Patienten immer richtig einschätzen?

Delis: Wir müssen alle sehr aufmerksam und wach sein, noch wacher als sonst. Natürlich kann man auch mal danebenliegen. Das ist zwar noch nicht vorgekommen. Doch es ist uns sehr bewusst, dass es für einen Besuch zu spät sein kann, wenn wir einen Tag zu lange warten. Deshalb telefonieren wir mit fast allen Angehörigen der Patienten auf unserer Station täglich. Wir verfolgen auch, wie es den Patienten geht, die auf die Intensivstation verlegt werden. Bisher konnten wir immer einen letzten Besuch ermöglichen, wenn die Angehörigen kommen wollten.

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